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Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 2. Berlin u. a., 1796.

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5.
Balder an William Lovell.


Ich will Worte schreiben, William, Worte, --
das, was die Menschen sagen und denken, Freund-
schaft und Haß, Unsterblichkeit und Tod --
sind auch nur Worte. -- Wir leben jeder
einsam für sich, und keiner vernimmt den an-
dern, antwortet aber wieder Zeichen aus sich
heraus, die der Fragende eben so wenig ver-
steht; -- aber so wie unser ganzes Leben ein un-
nützes Treiben und Drängen ist, das elendeste
und verächtlichste Possenspiel, ohne Sinn und
Bedeutung, so will ich Dir in einer schwermü-
thig lustigen Stimmung einen Brief schreiben,
über den Du lachen sollst.

Ich weiß selbst nicht, warum ich schreibe, --
aber eben so wenig weiß ich, warum ich Athem
schöpfe. -- Es ist alles nur um die Zeit aus-
zufüllen und etwas zu thun, die elende Sucht
das Leben mit sogenannten Geschäften auszufül-
len, -- Länder erobern, Menschen bekehren,
oder Seifenblasen machen, eine Sucht, die bei

5.
Balder an William Lovell.


Ich will Worte ſchreiben, William, Worte, —
das, was die Menſchen ſagen und denken, Freund-
ſchaft und Haß, Unſterblichkeit und Tod —
ſind auch nur Worte. — Wir leben jeder
einſam fuͤr ſich, und keiner vernimmt den an-
dern, antwortet aber wieder Zeichen aus ſich
heraus, die der Fragende eben ſo wenig ver-
ſteht; — aber ſo wie unſer ganzes Leben ein un-
nuͤtzes Treiben und Draͤngen iſt, das elendeſte
und veraͤchtlichſte Poſſenſpiel, ohne Sinn und
Bedeutung, ſo will ich Dir in einer ſchwermuͤ-
thig luſtigen Stimmung einen Brief ſchreiben,
uͤber den Du lachen ſollſt.

Ich weiß ſelbſt nicht, warum ich ſchreibe, —
aber eben ſo wenig weiß ich, warum ich Athem
ſchoͤpfe. — Es iſt alles nur um die Zeit aus-
zufuͤllen und etwas zu thun, die elende Sucht
das Leben mit ſogenannten Geſchaͤften auszufuͤl-
len, — Laͤnder erobern, Menſchen bekehren,
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[30/0036] 5. Balder an William Lovell. Neapel. Ich will Worte ſchreiben, William, Worte, — das, was die Menſchen ſagen und denken, Freund- ſchaft und Haß, Unſterblichkeit und Tod — ſind auch nur Worte. — Wir leben jeder einſam fuͤr ſich, und keiner vernimmt den an- dern, antwortet aber wieder Zeichen aus ſich heraus, die der Fragende eben ſo wenig ver- ſteht; — aber ſo wie unſer ganzes Leben ein un- nuͤtzes Treiben und Draͤngen iſt, das elendeſte und veraͤchtlichſte Poſſenſpiel, ohne Sinn und Bedeutung, ſo will ich Dir in einer ſchwermuͤ- thig luſtigen Stimmung einen Brief ſchreiben, uͤber den Du lachen ſollſt. Ich weiß ſelbſt nicht, warum ich ſchreibe, — aber eben ſo wenig weiß ich, warum ich Athem ſchoͤpfe. — Es iſt alles nur um die Zeit aus- zufuͤllen und etwas zu thun, die elende Sucht das Leben mit ſogenannten Geſchaͤften auszufuͤl- len, — Laͤnder erobern, Menſchen bekehren, oder Seifenblaſen machen, eine Sucht, die bei

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 2. Berlin u. a., 1796, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_lovell02_1796/36>, abgerufen am 17.04.2024.