Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Frölich, Henriette: Virginia oder die Kolonie von Kentucky. Bd. 1. Hrsg. v. Jerta. Berlin, 1820.

Bild:
<< vorherige Seite

Wucher vergolten! Wie rührend aber war es
auch, den edlen Mann im Kreise seiner Unter-
thanen zu erblicken. Doch liebte er diese Be-
nennung nicht; er nannte sie nur seine Freunde.
"Jch bin ärmer als sie," pflegte er zu sagen,
"ich bedarf ihrer Hülfe mehr, als sie der mei-
nigen, denn ich bin weniger abgehärtet, und
mir sind so viele Bedürfnisse anerzogen, deren
Entbehrung sie gar nicht gewahr werden." Der
fein gebildete Mann, dessen geistreiche Unter-
haltung von Höflingen bewundert wurde, war
mit diesen Kindern der Natur so einfach als
sie. Er stimmte seine Begriffe zu den ihrigen
herab, um diese zu lenken, legte oft gesel-
lig Hand an bei ihren Arbeiten, mischte sich
in ihre Spiele, und erfreute sich herzlich bei
ihren fröhlichen Scherzen. Bei jedem trau-
rigen, ja nur rührenden, Anlaß füllte sich au-
genblicklich sein blaues Auge mit Thränen, welche
er jedoch sorgfältig zu verbergen suchte. Er half,
wo er konnte, und tröstete, wo keine Hülfe
war. So trat er wie ein Halbgott unter diese
gedrückten, vernachlässigten Menschen und ein
neuer Morgen brach an für dieses kleine freund-

Wucher vergolten! Wie ruͤhrend aber war es
auch, den edlen Mann im Kreiſe ſeiner Unter-
thanen zu erblicken. Doch liebte er dieſe Be-
nennung nicht; er nannte ſie nur ſeine Freunde.
„Jch bin aͤrmer als ſie,‟ pflegte er zu ſagen,
„ich bedarf ihrer Huͤlfe mehr, als ſie der mei-
nigen, denn ich bin weniger abgehaͤrtet, und
mir ſind ſo viele Beduͤrfniſſe anerzogen, deren
Entbehrung ſie gar nicht gewahr werden.‟ Der
fein gebildete Mann, deſſen geiſtreiche Unter-
haltung von Hoͤflingen bewundert wurde, war
mit dieſen Kindern der Natur ſo einfach als
ſie. Er ſtimmte ſeine Begriffe zu den ihrigen
herab, um dieſe zu lenken, legte oft geſel-
lig Hand an bei ihren Arbeiten, miſchte ſich
in ihre Spiele, und erfreute ſich herzlich bei
ihren froͤhlichen Scherzen. Bei jedem trau-
rigen, ja nur ruͤhrenden, Anlaß fuͤllte ſich au-
genblicklich ſein blaues Auge mit Thraͤnen, welche
er jedoch ſorgfaͤltig zu verbergen ſuchte. Er half,
wo er konnte, und troͤſtete, wo keine Huͤlfe
war. So trat er wie ein Halbgott unter dieſe
gedruͤckten, vernachlaͤſſigten Menſchen und ein
neuer Morgen brach an fuͤr dieſes kleine freund-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0035" n="27"/>
Wucher vergolten! Wie ru&#x0364;hrend aber war es<lb/>
auch, den edlen Mann im Krei&#x017F;e &#x017F;einer Unter-<lb/>
thanen zu erblicken. Doch liebte er die&#x017F;e Be-<lb/>
nennung nicht; er nannte &#x017F;ie nur &#x017F;eine Freunde.<lb/>
&#x201E;Jch bin a&#x0364;rmer als &#x017F;ie,&#x201F; pflegte er zu &#x017F;agen,<lb/>
&#x201E;ich bedarf ihrer Hu&#x0364;lfe mehr, als &#x017F;ie der mei-<lb/>
nigen, denn ich bin weniger abgeha&#x0364;rtet, und<lb/>
mir &#x017F;ind &#x017F;o viele Bedu&#x0364;rfni&#x017F;&#x017F;e anerzogen, deren<lb/>
Entbehrung &#x017F;ie gar nicht gewahr werden.&#x201F; Der<lb/>
fein gebildete Mann, de&#x017F;&#x017F;en gei&#x017F;treiche Unter-<lb/>
haltung von Ho&#x0364;flingen bewundert wurde, war<lb/>
mit die&#x017F;en Kindern der Natur &#x017F;o einfach als<lb/>
&#x017F;ie. Er &#x017F;timmte &#x017F;eine Begriffe zu den ihrigen<lb/>
herab, um die&#x017F;e zu lenken, legte oft ge&#x017F;el-<lb/>
lig Hand an bei ihren Arbeiten, mi&#x017F;chte &#x017F;ich<lb/>
in ihre Spiele, und erfreute &#x017F;ich herzlich bei<lb/>
ihren fro&#x0364;hlichen Scherzen. Bei jedem trau-<lb/>
rigen, ja nur ru&#x0364;hrenden, Anlaß fu&#x0364;llte &#x017F;ich au-<lb/>
genblicklich &#x017F;ein blaues Auge mit Thra&#x0364;nen, welche<lb/>
er jedoch &#x017F;orgfa&#x0364;ltig zu verbergen &#x017F;uchte. Er half,<lb/>
wo er konnte, und tro&#x0364;&#x017F;tete, wo keine Hu&#x0364;lfe<lb/>
war. So trat er wie ein Halbgott unter die&#x017F;e<lb/>
gedru&#x0364;ckten, vernachla&#x0364;&#x017F;&#x017F;igten Men&#x017F;chen und ein<lb/>
neuer Morgen brach an fu&#x0364;r die&#x017F;es kleine freund-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[27/0035] Wucher vergolten! Wie ruͤhrend aber war es auch, den edlen Mann im Kreiſe ſeiner Unter- thanen zu erblicken. Doch liebte er dieſe Be- nennung nicht; er nannte ſie nur ſeine Freunde. „Jch bin aͤrmer als ſie,‟ pflegte er zu ſagen, „ich bedarf ihrer Huͤlfe mehr, als ſie der mei- nigen, denn ich bin weniger abgehaͤrtet, und mir ſind ſo viele Beduͤrfniſſe anerzogen, deren Entbehrung ſie gar nicht gewahr werden.‟ Der fein gebildete Mann, deſſen geiſtreiche Unter- haltung von Hoͤflingen bewundert wurde, war mit dieſen Kindern der Natur ſo einfach als ſie. Er ſtimmte ſeine Begriffe zu den ihrigen herab, um dieſe zu lenken, legte oft geſel- lig Hand an bei ihren Arbeiten, miſchte ſich in ihre Spiele, und erfreute ſich herzlich bei ihren froͤhlichen Scherzen. Bei jedem trau- rigen, ja nur ruͤhrenden, Anlaß fuͤllte ſich au- genblicklich ſein blaues Auge mit Thraͤnen, welche er jedoch ſorgfaͤltig zu verbergen ſuchte. Er half, wo er konnte, und troͤſtete, wo keine Huͤlfe war. So trat er wie ein Halbgott unter dieſe gedruͤckten, vernachlaͤſſigten Menſchen und ein neuer Morgen brach an fuͤr dieſes kleine freund-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/froelich_virginia01_1820
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/froelich_virginia01_1820/35
Zitationshilfe: Frölich, Henriette: Virginia oder die Kolonie von Kentucky. Bd. 1. Hrsg. v. Jerta. Berlin, 1820, S. 27. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/froelich_virginia01_1820/35>, abgerufen am 13.04.2024.