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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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der Zeit unter den Griechen betrachtet.
Töchtern, und dort eine Tochter und ein Sohn: auch zu Dreßden ist un-
ter den acht Statuen einer von den Söhnen der Niobe, welcher demjeni-
gen, der in der Villa Medicis gestreckt liegt, ähnlich ist, und, wie dieser,
eine Wunde unter der Brust hat. Jn den Trümmern der ehemaligen Sal-
lustischen Gärten in Rom, fanden sich einige Figuren in erhobener Arbeit,
und in Lebensgröße, welche eben diese Fabel vorstelleten: Pirro Ligorio,
welcher dieses in seinen Handschriften in der Vaticanischen Bibliothek an-
gemerket hat, versichert, daß sie von sehr schöner Arbeit gewesen; und viel-
leicht ist dieses erhoben gearbeitete Werk von eben der Fabel in der Gallerie
des Grafen Pembroke zu Wilton in Engeland. Es scheint, man wolle in
dem Verzeichnisse dieser Gallerie dessen Werth nach dem Gewichte ange-
ben: denn mag sagt, daß es an drey tausend Englische Pfund schwer
sey 1). Es enthält dasselbe zwanzig Figuren, unter welchen sieben Töchter
und eben so viel Söhne sind; jene stehen und liegen, und einige von diesen
sitzen zu Pferde, welche so hoch gearbeitet sind, daß der Kopf und der Hals
derselben ganz vom Grunde hervor stehen: Apollo und Diana befinden sich
nicht unter den Figuren. Jn dem Museo der Zeichnungen Sr. Eminenz
des Herrn Cardinals Alex. Albani, und zwar unter denjenigen, welche
der berühmte Commendator del Pozzo gesammelt hat, befindet sich eine
Zeichnung eines erhobenen Werkes von dieser Fabel, ebenfalls aus zwanzig
Figuren, die Pferde nicht mit gerechnet, welche Zeichnung ich nach jenem
Werke genommen glaube, ehe es aus Rom gegangen ist. Es sind sieben
Söhne, und eben so viel Töchter, nach dem Apollodorus, vorgestellet, vor
welchen die Niobe stehend, die zwo jüngsten in ihrem Schooße verbergen
will, welches Amycle und Meliböa seyn würden, die, wie einige wollen,
dem Tode entgangen sind. Fünf Söhne sind zu Pferde, und außer densel-
ben sind drey alte Männliche Figuren, welches ihre Hofmeister vorstellen.

Jn
1) Descr. delle Pitt. Statue etc. a Wilton, p. 81.
Winckelm. Gesch. der Kunst. U u

der Zeit unter den Griechen betrachtet.
Toͤchtern, und dort eine Tochter und ein Sohn: auch zu Dreßden iſt un-
ter den acht Statuen einer von den Soͤhnen der Niobe, welcher demjeni-
gen, der in der Villa Medicis geſtreckt liegt, aͤhnlich iſt, und, wie dieſer,
eine Wunde unter der Bruſt hat. Jn den Truͤmmern der ehemaligen Sal-
luſtiſchen Gaͤrten in Rom, fanden ſich einige Figuren in erhobener Arbeit,
und in Lebensgroͤße, welche eben dieſe Fabel vorſtelleten: Pirro Ligorio,
welcher dieſes in ſeinen Handſchriften in der Vaticaniſchen Bibliothek an-
gemerket hat, verſichert, daß ſie von ſehr ſchoͤner Arbeit geweſen; und viel-
leicht iſt dieſes erhoben gearbeitete Werk von eben der Fabel in der Gallerie
des Grafen Pembroke zu Wilton in Engeland. Es ſcheint, man wolle in
dem Verzeichniſſe dieſer Gallerie deſſen Werth nach dem Gewichte ange-
ben: denn mag ſagt, daß es an drey tauſend Engliſche Pfund ſchwer
ſey 1). Es enthaͤlt daſſelbe zwanzig Figuren, unter welchen ſieben Toͤchter
und eben ſo viel Soͤhne ſind; jene ſtehen und liegen, und einige von dieſen
ſitzen zu Pferde, welche ſo hoch gearbeitet ſind, daß der Kopf und der Hals
derſelben ganz vom Grunde hervor ſtehen: Apollo und Diana befinden ſich
nicht unter den Figuren. Jn dem Muſeo der Zeichnungen Sr. Eminenz
des Herrn Cardinals Alex. Albani, und zwar unter denjenigen, welche
der beruͤhmte Commendator del Pozzo geſammelt hat, befindet ſich eine
Zeichnung eines erhobenen Werkes von dieſer Fabel, ebenfalls aus zwanzig
Figuren, die Pferde nicht mit gerechnet, welche Zeichnung ich nach jenem
Werke genommen glaube, ehe es aus Rom gegangen iſt. Es ſind ſieben
Soͤhne, und eben ſo viel Toͤchter, nach dem Apollodorus, vorgeſtellet, vor
welchen die Niobe ſtehend, die zwo juͤngſten in ihrem Schooße verbergen
will, welches Amycle und Meliboͤa ſeyn wuͤrden, die, wie einige wollen,
dem Tode entgangen ſind. Fuͤnf Soͤhne ſind zu Pferde, und außer denſel-
ben ſind drey alte Maͤnnliche Figuren, welches ihre Hofmeiſter vorſtellen.

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1) Deſcr. delle Pitt. Statue etc. à Wilton, p. 81.
Winckelm. Geſch. der Kunſt. U u
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[337/0025] der Zeit unter den Griechen betrachtet. Toͤchtern, und dort eine Tochter und ein Sohn: auch zu Dreßden iſt un- ter den acht Statuen einer von den Soͤhnen der Niobe, welcher demjeni- gen, der in der Villa Medicis geſtreckt liegt, aͤhnlich iſt, und, wie dieſer, eine Wunde unter der Bruſt hat. Jn den Truͤmmern der ehemaligen Sal- luſtiſchen Gaͤrten in Rom, fanden ſich einige Figuren in erhobener Arbeit, und in Lebensgroͤße, welche eben dieſe Fabel vorſtelleten: Pirro Ligorio, welcher dieſes in ſeinen Handſchriften in der Vaticaniſchen Bibliothek an- gemerket hat, verſichert, daß ſie von ſehr ſchoͤner Arbeit geweſen; und viel- leicht iſt dieſes erhoben gearbeitete Werk von eben der Fabel in der Gallerie des Grafen Pembroke zu Wilton in Engeland. Es ſcheint, man wolle in dem Verzeichniſſe dieſer Gallerie deſſen Werth nach dem Gewichte ange- ben: denn mag ſagt, daß es an drey tauſend Engliſche Pfund ſchwer ſey 1). Es enthaͤlt daſſelbe zwanzig Figuren, unter welchen ſieben Toͤchter und eben ſo viel Soͤhne ſind; jene ſtehen und liegen, und einige von dieſen ſitzen zu Pferde, welche ſo hoch gearbeitet ſind, daß der Kopf und der Hals derſelben ganz vom Grunde hervor ſtehen: Apollo und Diana befinden ſich nicht unter den Figuren. Jn dem Muſeo der Zeichnungen Sr. Eminenz des Herrn Cardinals Alex. Albani, und zwar unter denjenigen, welche der beruͤhmte Commendator del Pozzo geſammelt hat, befindet ſich eine Zeichnung eines erhobenen Werkes von dieſer Fabel, ebenfalls aus zwanzig Figuren, die Pferde nicht mit gerechnet, welche Zeichnung ich nach jenem Werke genommen glaube, ehe es aus Rom gegangen iſt. Es ſind ſieben Soͤhne, und eben ſo viel Toͤchter, nach dem Apollodorus, vorgeſtellet, vor welchen die Niobe ſtehend, die zwo juͤngſten in ihrem Schooße verbergen will, welches Amycle und Meliboͤa ſeyn wuͤrden, die, wie einige wollen, dem Tode entgangen ſind. Fuͤnf Soͤhne ſind zu Pferde, und außer denſel- ben ſind drey alte Maͤnnliche Figuren, welches ihre Hofmeiſter vorſtellen. Jn 1) Deſcr. delle Pitt. Statue etc. à Wilton, p. 81. Winckelm. Geſch. der Kunſt. U u

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 337. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/25>, abgerufen am 12.04.2024.