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Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764.

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II Theil. Von der Kunst, nach den äußern Umständen
Syracus der erste Rhapsodiste, in der neun und sechzigsten Olympias 1).
Die ersten Comödien wurden ebenfalls itzo durch den Epicharmus aufge-
führet, und Simonides, der erste Dichter in Elegien, gehöret unter die
Erfinder dieser großen Zeit. Die Redekunst wurde damals allererst eine
Wissenschaft, und Gorgias von Leontium aus Sicilien gab ihr diese Ge-
stalt; auch in Athen wurden zur Zeit des Socrates die ersten gerichtlichen
Reden schriftlich vom Antiphon aufgesetzet 2). Ja die Weisheit selbst wur-
de itzo zuerst öffentlich zu Athen durch den Athenagoras gelehret, welcher
seine Schule in der fünf und siebenzigsten Olympias eröffnete 3). Das
Griechische Alphabet war auch wenige Jahre vorher durch den Simonides
und Epicharmus vollständig geworden, und die von ihnen erfundenen
Buchstaben wurden zu Athen in öffentlichen Sachen zuerst in der vier und
neunzigsten Olympias, nach geendigtem Regimente der dreyßig Tyrannen,
gebraucht 4). Dieses waren gleichsam die großen Vorbereitungen zur
Vollkommenheit der Kunst, zu welcher sie nunmehro mit mächtigen
Schritten gieng.

e.
Aufnehmen
der Baukunst
und der Bild-
hauerey durch
Wiederauf-
bauung der
verstörten
Stadt Athen.

Das Unglück selbst, welches Griechenland betroffen hatte, mußte zur
Beförderung derselben dienen: denn die Verheerung, welche die Perser
anrichteten, und die Zerstörung der Stadt Athen, war nach dem Siege
des Themistocles Ursache zu Wiederaufbauung der Tempel und öffentlichen
Gebäude. Die Griechen fiengen an mit vermehrter Liebe gegen ihr Vater-
land, welches so viel tapfern Männern Leib und Leben gekostet hatte, und
nunmehro gegen alle Menschliche Macht gesichert scheinen konnte, eine jede
Stadt auf Auszierung derselben, und auf prächtigere Gebäude und Tem-
pel zu denken. Diese großen Anstalten machten die Künstler nothwendig,
und gaben ihnen Gelegenheit, sich gleich andern großern Männern zu zei-

gen.
1) Schol. Pind. Nem. 2. v. 1.
2) Plutarch. Vit. Antiph. p. 1530. l. 14.
3) Meurs. Lect. Att. L. 3. c. 27.
4) Corsini Fast. Att. Ol. 94. p. 276. seq.

II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden
Syracus der erſte Rhapſodiſte, in der neun und ſechzigſten Olympias 1).
Die erſten Comoͤdien wurden ebenfalls itzo durch den Epicharmus aufge-
fuͤhret, und Simonides, der erſte Dichter in Elegien, gehoͤret unter die
Erfinder dieſer großen Zeit. Die Redekunſt wurde damals allererſt eine
Wiſſenſchaft, und Gorgias von Leontium aus Sicilien gab ihr dieſe Ge-
ſtalt; auch in Athen wurden zur Zeit des Socrates die erſten gerichtlichen
Reden ſchriftlich vom Antiphon aufgeſetzet 2). Ja die Weisheit ſelbſt wur-
de itzo zuerſt oͤffentlich zu Athen durch den Athenagoras gelehret, welcher
ſeine Schule in der fuͤnf und ſiebenzigſten Olympias eroͤffnete 3). Das
Griechiſche Alphabet war auch wenige Jahre vorher durch den Simonides
und Epicharmus vollſtaͤndig geworden, und die von ihnen erfundenen
Buchſtaben wurden zu Athen in oͤffentlichen Sachen zuerſt in der vier und
neunzigſten Olympias, nach geendigtem Regimente der dreyßig Tyrannen,
gebraucht 4). Dieſes waren gleichſam die großen Vorbereitungen zur
Vollkommenheit der Kunſt, zu welcher ſie nunmehro mit maͤchtigen
Schritten gieng.

e.
Aufnehmen
der Baukunſt
und der Bild-
hauerey durch
Wiederauf-
bauung der
verſtoͤrten
Stadt Athen.

Das Ungluͤck ſelbſt, welches Griechenland betroffen hatte, mußte zur
Befoͤrderung derſelben dienen: denn die Verheerung, welche die Perſer
anrichteten, und die Zerſtoͤrung der Stadt Athen, war nach dem Siege
des Themiſtocles Urſache zu Wiederaufbauung der Tempel und oͤffentlichen
Gebaͤude. Die Griechen fiengen an mit vermehrter Liebe gegen ihr Vater-
land, welches ſo viel tapfern Maͤnnern Leib und Leben gekoſtet hatte, und
nunmehro gegen alle Menſchliche Macht geſichert ſcheinen konnte, eine jede
Stadt auf Auszierung derſelben, und auf praͤchtigere Gebaͤude und Tem-
pel zu denken. Dieſe großen Anſtalten machten die Kuͤnſtler nothwendig,
und gaben ihnen Gelegenheit, ſich gleich andern großern Maͤnnern zu zei-

gen.
1) Schol. Pind. Nem. 2. v. 1.
2) Plutarch. Vit. Antiph. p. 1530. l. 14.
3) Meurſ. Lect. Att. L. 3. c. 27.
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[326/0014] II Theil. Von der Kunſt, nach den aͤußern Umſtaͤnden Syracus der erſte Rhapſodiſte, in der neun und ſechzigſten Olympias 1). Die erſten Comoͤdien wurden ebenfalls itzo durch den Epicharmus aufge- fuͤhret, und Simonides, der erſte Dichter in Elegien, gehoͤret unter die Erfinder dieſer großen Zeit. Die Redekunſt wurde damals allererſt eine Wiſſenſchaft, und Gorgias von Leontium aus Sicilien gab ihr dieſe Ge- ſtalt; auch in Athen wurden zur Zeit des Socrates die erſten gerichtlichen Reden ſchriftlich vom Antiphon aufgeſetzet 2). Ja die Weisheit ſelbſt wur- de itzo zuerſt oͤffentlich zu Athen durch den Athenagoras gelehret, welcher ſeine Schule in der fuͤnf und ſiebenzigſten Olympias eroͤffnete 3). Das Griechiſche Alphabet war auch wenige Jahre vorher durch den Simonides und Epicharmus vollſtaͤndig geworden, und die von ihnen erfundenen Buchſtaben wurden zu Athen in oͤffentlichen Sachen zuerſt in der vier und neunzigſten Olympias, nach geendigtem Regimente der dreyßig Tyrannen, gebraucht 4). Dieſes waren gleichſam die großen Vorbereitungen zur Vollkommenheit der Kunſt, zu welcher ſie nunmehro mit maͤchtigen Schritten gieng. Das Ungluͤck ſelbſt, welches Griechenland betroffen hatte, mußte zur Befoͤrderung derſelben dienen: denn die Verheerung, welche die Perſer anrichteten, und die Zerſtoͤrung der Stadt Athen, war nach dem Siege des Themiſtocles Urſache zu Wiederaufbauung der Tempel und oͤffentlichen Gebaͤude. Die Griechen fiengen an mit vermehrter Liebe gegen ihr Vater- land, welches ſo viel tapfern Maͤnnern Leib und Leben gekoſtet hatte, und nunmehro gegen alle Menſchliche Macht geſichert ſcheinen konnte, eine jede Stadt auf Auszierung derſelben, und auf praͤchtigere Gebaͤude und Tem- pel zu denken. Dieſe großen Anſtalten machten die Kuͤnſtler nothwendig, und gaben ihnen Gelegenheit, ſich gleich andern großern Maͤnnern zu zei- gen. 1) Schol. Pind. Nem. 2. v. 1. 2) Plutarch. Vit. Antiph. p. 1530. l. 14. 3) Meurſ. Lect. Att. L. 3. c. 27. 4) Corſini Faſt. Att. Ol. 94. p. 276. ſeq.

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Zitationshilfe: Winckelmann, Johann Joachim: Geschichte der Kunst des Alterthums. Bd. 2. Dresden, 1764, S. 326. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/winckelmann_kunstgeschichte02_1764/14>, abgerufen am 21.04.2024.