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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767.

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Achtes Buch, siebentes Capitel.
dig sind, von sich selbst gestehen, "daß er sich aller an-
"dern Beschäftigungen begeben habe, um den Rest
"seines Lebens in Gesellschaft der Venus, des Bacchus
"und der Musen auszuleben, der einzigen Quellen der
"Freuden der Sterblichen?" Sehen wir nicht den
weisen Socrates kein Bedenken tragen, in Gesellschaft
seiner jungen Freunde, der schönen und gefälligen Theo-
dota einen Besuch zu machen, um über ihre von einem
aus der Gesellschaft für unbeschreiblich angepriesene
Schönheit den Augenschein einzunehmen? Sehen wir
nicht, daß er seiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt,
indem er diese Theodota, auf eine scherzhafte Art in
der Kunst Liebhaber zu fangen unterrichtet? War er
nicht ein Freund und Bewunderer, ja, wenn Plato
nicht zuviel gesagt hat, ein Schüler der berühmten
Aspasia, deren Haus, ungeachtet der Vorwürfe, welche
ihr von der zaumlosen Frechheit der damaligen Comö-
die gemacht wurden, der Sammelplaz der schönsten
Geister von Athen war? So enthaltsam er selbst, bey
seinen beyden Weibern, in Absicht der Vergnügen der
Paphischen Göttin immer seyn mochte; so finden wir
doch seine Grundsäze über die Liebe mit der allgemeinen
Denkungsart seiner Nation ganz übereinstimmend. Er
unterschied das Bedürfniß von der Leidenschaft; das
Werk der Natur, von dem Werk der Phantasie; er
warnte vor dem Leztern, wie wir im vierten Capitel
schon im Vorbeygehen bemerkt haben; und rieth zu Be-
friedigung der ersten (nach Xenophons Bericht) eine
solche Art von Liebe, (das Wort dessen sich die Grie-

chen

Achtes Buch, ſiebentes Capitel.
dig ſind, von ſich ſelbſt geſtehen, „daß er ſich aller an-
„dern Beſchaͤftigungen begeben habe, um den Reſt
„ſeines Lebens in Geſellſchaft der Venus, des Bacchus
„und der Muſen auszuleben, der einzigen Quellen der
„Freuden der Sterblichen?„ Sehen wir nicht den
weiſen Socrates kein Bedenken tragen, in Geſellſchaft
ſeiner jungen Freunde, der ſchoͤnen und gefaͤlligen Theo-
dota einen Beſuch zu machen, um uͤber ihre von einem
aus der Geſellſchaft fuͤr unbeſchreiblich angeprieſene
Schoͤnheit den Augenſchein einzunehmen? Sehen wir
nicht, daß er ſeiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt,
indem er dieſe Theodota, auf eine ſcherzhafte Art in
der Kunſt Liebhaber zu fangen unterrichtet? War er
nicht ein Freund und Bewunderer, ja, wenn Plato
nicht zuviel geſagt hat, ein Schuͤler der beruͤhmten
Aſpaſia, deren Haus, ungeachtet der Vorwuͤrfe, welche
ihr von der zaumloſen Frechheit der damaligen Comoͤ-
die gemacht wurden, der Sammelplaz der ſchoͤnſten
Geiſter von Athen war? So enthaltſam er ſelbſt, bey
ſeinen beyden Weibern, in Abſicht der Vergnuͤgen der
Paphiſchen Goͤttin immer ſeyn mochte; ſo finden wir
doch ſeine Grundſaͤze uͤber die Liebe mit der allgemeinen
Denkungsart ſeiner Nation ganz uͤbereinſtimmend. Er
unterſchied das Beduͤrfniß von der Leidenſchaft; das
Werk der Natur, von dem Werk der Phantaſie; er
warnte vor dem Leztern, wie wir im vierten Capitel
ſchon im Vorbeygehen bemerkt haben; und rieth zu Be-
friedigung der erſten (nach Xenophons Bericht) eine
ſolche Art von Liebe, (das Wort deſſen ſich die Grie-

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[77/0079] Achtes Buch, ſiebentes Capitel. dig ſind, von ſich ſelbſt geſtehen, „daß er ſich aller an- „dern Beſchaͤftigungen begeben habe, um den Reſt „ſeines Lebens in Geſellſchaft der Venus, des Bacchus „und der Muſen auszuleben, der einzigen Quellen der „Freuden der Sterblichen?„ Sehen wir nicht den weiſen Socrates kein Bedenken tragen, in Geſellſchaft ſeiner jungen Freunde, der ſchoͤnen und gefaͤlligen Theo- dota einen Beſuch zu machen, um uͤber ihre von einem aus der Geſellſchaft fuͤr unbeſchreiblich angeprieſene Schoͤnheit den Augenſchein einzunehmen? Sehen wir nicht, daß er ſeiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt, indem er dieſe Theodota, auf eine ſcherzhafte Art in der Kunſt Liebhaber zu fangen unterrichtet? War er nicht ein Freund und Bewunderer, ja, wenn Plato nicht zuviel geſagt hat, ein Schuͤler der beruͤhmten Aſpaſia, deren Haus, ungeachtet der Vorwuͤrfe, welche ihr von der zaumloſen Frechheit der damaligen Comoͤ- die gemacht wurden, der Sammelplaz der ſchoͤnſten Geiſter von Athen war? So enthaltſam er ſelbſt, bey ſeinen beyden Weibern, in Abſicht der Vergnuͤgen der Paphiſchen Goͤttin immer ſeyn mochte; ſo finden wir doch ſeine Grundſaͤze uͤber die Liebe mit der allgemeinen Denkungsart ſeiner Nation ganz uͤbereinſtimmend. Er unterſchied das Beduͤrfniß von der Leidenſchaft; das Werk der Natur, von dem Werk der Phantaſie; er warnte vor dem Leztern, wie wir im vierten Capitel ſchon im Vorbeygehen bemerkt haben; und rieth zu Be- friedigung der erſten (nach Xenophons Bericht) eine ſolche Art von Liebe, (das Wort deſſen ſich die Grie- chen

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Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 2. Frankfurt (Main) u. a., 1767, S. 77. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon02_1767/79>, abgerufen am 10.05.2021.