haben, so bin ich es. So, denk' ich mir, ist Religion; man bedarf sie, und dann hat man sie gleich. Wer braucht Ge- schichte: brauchen wir Beweise? Wir wollen Stifter sein, mö- gen uns Andere nachglauben. Dabei bleibt's; ich kann Sie zwingen: ich fühl's und ich thu' es. Ich werde die erste Gelegenheit ergreifen, nach Hamburg zu kommen; das sein Sie gewiß. Ihrenthalben. Und ich ergreife jetzt gut. Ich bin verwundet nach Frankreich gereist, und kehre gefaßt zurück. Wer ohne Panzer seinen Busen in der harten Welt umher- trägt, der muß verwundet werden; das wußt' ich nur nicht: der Schreck ist das Meiste, und wenn man das Bluten noch für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber nicht unerwartet. "Er komme, und sage es mir zum zweiten- male," sagt Gräfin Orsina.
Ich schrieb mir letzthin in ein kleines Büchelchen: "Lange existiren die guten Dinge, ehe sie ihr Renommee haben, und lange existirt ihr Renommee, wenn sie nicht mehr sind." Das ist alles, was ich Ihnen über Paris sagen möchte. Lange, dünkt mich, ist es und kann es nicht mehr Paris sein; nach- dem seit Jahrhunderten ganz Deutschland Paris geworden ist. Denn mir kömmt Paris vor wie ein zusammengedrängtes Deutschland, und wenig verschieden. Das könnt' ich sehr ausspinnen: ein andermal! thun Sie's selbst; derweile. Eine Nation, die Vaudeville's haben kann, kann keine Musik haben. Die große Oper ist tragisch, und das Tragische hat viel von der Oper. Ich bin unpartheiisch: das würden Sie mir bei jedem einzelnen Urtheil zugestehen; aber für unbe- dingtes Lob zu deutsch. Daraus machen Sie nun, was Sie
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haben, ſo bin ich es. So, denk’ ich mir, iſt Religion; man bedarf ſie, und dann hat man ſie gleich. Wer braucht Ge- ſchichte: brauchen wir Beweiſe? Wir wollen Stifter ſein, mö- gen uns Andere nachglauben. Dabei bleibt’s; ich kann Sie zwingen: ich fühl’s und ich thu’ es. Ich werde die erſte Gelegenheit ergreifen, nach Hamburg zu kommen; das ſein Sie gewiß. Ihrenthalben. Und ich ergreife jetzt gut. Ich bin verwundet nach Frankreich gereiſt, und kehre gefaßt zurück. Wer ohne Panzer ſeinen Buſen in der harten Welt umher- trägt, der muß verwundet werden; das wußt’ ich nur nicht: der Schreck iſt das Meiſte, und wenn man das Bluten noch für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber nicht unerwartet. „Er komme, und ſage es mir zum zweiten- male,“ ſagt Gräfin Orſina.
Ich ſchrieb mir letzthin in ein kleines Büchelchen: „Lange exiſtiren die guten Dinge, ehe ſie ihr Renommee haben, und lange exiſtirt ihr Renommee, wenn ſie nicht mehr ſind.“ Das iſt alles, was ich Ihnen über Paris ſagen möchte. Lange, dünkt mich, iſt es und kann es nicht mehr Paris ſein; nach- dem ſeit Jahrhunderten ganz Deutſchland Paris geworden iſt. Denn mir kömmt Paris vor wie ein zuſammengedrängtes Deutſchland, und wenig verſchieden. Das könnt’ ich ſehr ausſpinnen: ein andermal! thun Sie’s ſelbſt; derweile. Eine Nation, die Vaudeville’s haben kann, kann keine Muſik haben. Die große Oper iſt tragiſch, und das Tragiſche hat viel von der Oper. Ich bin unpartheiiſch: das würden Sie mir bei jedem einzelnen Urtheil zugeſtehen; aber für unbe- dingtes Lob zu deutſch. Daraus machen Sie nun, was Sie
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haben, ſo bin ich es. So, denk’ ich mir, iſt Religion; man
bedarf ſie, und dann hat man ſie gleich. Wer braucht Ge-
ſchichte: brauchen wir Beweiſe? Wir wollen Stifter ſein, mö-
gen uns Andere nachglauben. Dabei bleibt’s; ich kann Sie
zwingen: ich fühl’s und ich thu’ es. Ich werde die erſte
Gelegenheit ergreifen, nach Hamburg zu kommen; das ſein
Sie gewiß. Ihrenthalben. Und ich ergreife jetzt gut. Ich
bin verwundet nach Frankreich gereiſt, und kehre gefaßt zurück.
Wer ohne Panzer ſeinen Buſen in der harten Welt umher-
trägt, der muß verwundet werden; das wußt’ ich nur nicht:
der Schreck iſt das Meiſte, und wenn man das Bluten noch
für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber
nicht unerwartet. „Er komme, und ſage es mir zum zweiten-
male,“ ſagt Gräfin Orſina.
Ich ſchrieb mir letzthin in ein kleines Büchelchen: „Lange
exiſtiren die guten Dinge, ehe ſie ihr Renommee haben, und
lange exiſtirt ihr Renommee, wenn ſie nicht mehr ſind.“ Das
iſt alles, was ich Ihnen über Paris ſagen möchte. Lange,
dünkt mich, iſt es und kann es nicht mehr Paris ſein; nach-
dem ſeit Jahrhunderten ganz Deutſchland Paris geworden iſt.
Denn mir kömmt Paris vor wie ein zuſammengedrängtes
Deutſchland, und wenig verſchieden. Das könnt’ ich ſehr
ausſpinnen: ein andermal! thun Sie’s ſelbſt; derweile. Eine
Nation, die Vaudeville’s haben kann, kann keine Muſik
haben. Die große Oper iſt tragiſch, und das Tragiſche hat
viel von der Oper. Ich bin unpartheiiſch: das würden Sie
mir bei jedem einzelnen Urtheil zugeſtehen; aber für unbe-
dingtes Lob zu deutſch. Daraus machen Sie nun, was Sie
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Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 241. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/255>, abgerufen am 25.11.2024.
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