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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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V. 1. Die frohen Tage der Erwartung.
bischof Droste aus seiner ländlichen Heimath nach Münster überzusiedeln;
nach Köln wollte er den Urheber des Streites auf keinen Fall zurückkehren
lassen. Den anderen der beiden Erzbischöfe hingegen, Dunin, der noch rechts-
kräftig verurtheilt in Colberg gefangen saß, dachte er sogleich wieder in sein
erzbischöfliches Amt einzusetzen. Welch ein Mißgriff! Dunin war nicht
nur der schuldigere der beiden Prälaten, da er ganz ohne Noth ein seit
Jahrzehnten anerkanntes Gesetz eigenmächtig aufgehoben hatte; er gehörte
auch einer Provinz an, welche durch ihre Unbotmäßigkeit ebenso bekannt war
wie das Rheinland durch seinen gesetzlichen Sinn und sich längst gewöhnt
hatte, jede That königlicher Milde als deutsche Schwäche zu verspotten.
Während am Rhein die Ruhe fast nirgends gestört wurde, nahmen in
Posen die Kundgebungen lärmenden Zornes kein Ende: die Geistlichen
verbreiteten ein Lied: "den Hirt und Vater raubt man seinen Kindern,
den heil'gen Glauben will man uns entreißen."*) Grade diesen schlech-
testen Unterthanen Preußens, den Polen widmete Friedrich Wilhelm eine
schwärmerische Zärtlichkeit. Er konnte nie vergessen, daß Platen ihn einst
in den Polenliedern um Schutz für "das Volk der Leiden" angefleht und
ihm zugerufen hatte:

Triumphe sind wie Niederlagen,
Wenn ihre Frucht besteht in Klagen,
Im grenzenlosen Haß der Welt.

Mit den Radziwills und Raczynskis verband ihn alte Freundschaft. Durch
Großmuth hoffte er die Großmüthigen, die in Wahrheit nur begehrlich
waren, zu versöhnen.

Daher wurde schon am 17. Juli Geh. Rath Aulicke, ein hartkatho-
lischer Westphale, der fortan in Preußens Kirchenpolitik noch lange eine
verhängnißvolle Rolle spielen sollte, an den Gefangenen gesendet. Die
verschmitzten Augen des glatten kleinen Polen leuchteten, er zerfloß in Dank-
barkeit und versprach in einem höchst unterthänigen Schreiben fortan Treue
und Frieden zu wahren. Darauf gestattete ihm der König die Rückkehr
und sprach zugleich die Hoffnung aus: "Es wird Mich freuen, durch die
Bethätigung Ihrer gegen Mich ausgesprochenen Verheißungen Mich bald
in den Stand gesetzt zu sehen Sie an Meinem Hoflager zu empfangen."**)
Die Heimkehr erfolgte, um Aufsehen zu vermeiden, am späten Abend des
5. August; aber natürlich hatte einer der adlichen Vertrauten des Erzbischofs,
Lipski, die Nachricht schon vorher verbreitet, so gestaltete sich denn die Ein-
fahrt zu einem brausenden Triumphzuge, und es frommte wenig, daß der
König dem Herrn v. Lipski nachträglich seinen Unwillen aussprechen ließ.***)

*) Bericht des Ministerialverwesers v. Ladenberg an den König, 3. Aug. 1840.
**) Instruktion für Aulicke, 17. Juli; Aulicke's Bericht, 27. Juli; Dunin an den
König, 24. Juli; Cabinetsordre an Dunin, 29. Juli 1840.
***) Ladenberg's Bericht an den König, 6. Aug.; Cabinetsordre an Ladenberg,
7. Aug. 1840.

V. 1. Die frohen Tage der Erwartung.
biſchof Droſte aus ſeiner ländlichen Heimath nach Münſter überzuſiedeln;
nach Köln wollte er den Urheber des Streites auf keinen Fall zurückkehren
laſſen. Den anderen der beiden Erzbiſchöfe hingegen, Dunin, der noch rechts-
kräftig verurtheilt in Colberg gefangen ſaß, dachte er ſogleich wieder in ſein
erzbiſchöfliches Amt einzuſetzen. Welch ein Mißgriff! Dunin war nicht
nur der ſchuldigere der beiden Prälaten, da er ganz ohne Noth ein ſeit
Jahrzehnten anerkanntes Geſetz eigenmächtig aufgehoben hatte; er gehörte
auch einer Provinz an, welche durch ihre Unbotmäßigkeit ebenſo bekannt war
wie das Rheinland durch ſeinen geſetzlichen Sinn und ſich längſt gewöhnt
hatte, jede That königlicher Milde als deutſche Schwäche zu verſpotten.
Während am Rhein die Ruhe faſt nirgends geſtört wurde, nahmen in
Poſen die Kundgebungen lärmenden Zornes kein Ende: die Geiſtlichen
verbreiteten ein Lied: „den Hirt und Vater raubt man ſeinen Kindern,
den heil’gen Glauben will man uns entreißen.“*) Grade dieſen ſchlech-
teſten Unterthanen Preußens, den Polen widmete Friedrich Wilhelm eine
ſchwärmeriſche Zärtlichkeit. Er konnte nie vergeſſen, daß Platen ihn einſt
in den Polenliedern um Schutz für „das Volk der Leiden“ angefleht und
ihm zugerufen hatte:

Triumphe ſind wie Niederlagen,
Wenn ihre Frucht beſteht in Klagen,
Im grenzenloſen Haß der Welt.

Mit den Radziwills und Raczynskis verband ihn alte Freundſchaft. Durch
Großmuth hoffte er die Großmüthigen, die in Wahrheit nur begehrlich
waren, zu verſöhnen.

Daher wurde ſchon am 17. Juli Geh. Rath Aulicke, ein hartkatho-
liſcher Weſtphale, der fortan in Preußens Kirchenpolitik noch lange eine
verhängnißvolle Rolle ſpielen ſollte, an den Gefangenen geſendet. Die
verſchmitzten Augen des glatten kleinen Polen leuchteten, er zerfloß in Dank-
barkeit und verſprach in einem höchſt unterthänigen Schreiben fortan Treue
und Frieden zu wahren. Darauf geſtattete ihm der König die Rückkehr
und ſprach zugleich die Hoffnung aus: „Es wird Mich freuen, durch die
Bethätigung Ihrer gegen Mich ausgeſprochenen Verheißungen Mich bald
in den Stand geſetzt zu ſehen Sie an Meinem Hoflager zu empfangen.“**)
Die Heimkehr erfolgte, um Aufſehen zu vermeiden, am ſpäten Abend des
5. Auguſt; aber natürlich hatte einer der adlichen Vertrauten des Erzbiſchofs,
Lipski, die Nachricht ſchon vorher verbreitet, ſo geſtaltete ſich denn die Ein-
fahrt zu einem brauſenden Triumphzuge, und es frommte wenig, daß der
König dem Herrn v. Lipski nachträglich ſeinen Unwillen ausſprechen ließ.***)

*) Bericht des Miniſterialverweſers v. Ladenberg an den König, 3. Aug. 1840.
**) Inſtruktion für Aulicke, 17. Juli; Aulicke’s Bericht, 27. Juli; Dunin an den
König, 24. Juli; Cabinetsordre an Dunin, 29. Juli 1840.
***) Ladenberg’s Bericht an den König, 6. Aug.; Cabinetsordre an Ladenberg,
7. Aug. 1840.
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[38/0052] V. 1. Die frohen Tage der Erwartung. biſchof Droſte aus ſeiner ländlichen Heimath nach Münſter überzuſiedeln; nach Köln wollte er den Urheber des Streites auf keinen Fall zurückkehren laſſen. Den anderen der beiden Erzbiſchöfe hingegen, Dunin, der noch rechts- kräftig verurtheilt in Colberg gefangen ſaß, dachte er ſogleich wieder in ſein erzbiſchöfliches Amt einzuſetzen. Welch ein Mißgriff! Dunin war nicht nur der ſchuldigere der beiden Prälaten, da er ganz ohne Noth ein ſeit Jahrzehnten anerkanntes Geſetz eigenmächtig aufgehoben hatte; er gehörte auch einer Provinz an, welche durch ihre Unbotmäßigkeit ebenſo bekannt war wie das Rheinland durch ſeinen geſetzlichen Sinn und ſich längſt gewöhnt hatte, jede That königlicher Milde als deutſche Schwäche zu verſpotten. Während am Rhein die Ruhe faſt nirgends geſtört wurde, nahmen in Poſen die Kundgebungen lärmenden Zornes kein Ende: die Geiſtlichen verbreiteten ein Lied: „den Hirt und Vater raubt man ſeinen Kindern, den heil’gen Glauben will man uns entreißen.“ *) Grade dieſen ſchlech- teſten Unterthanen Preußens, den Polen widmete Friedrich Wilhelm eine ſchwärmeriſche Zärtlichkeit. Er konnte nie vergeſſen, daß Platen ihn einſt in den Polenliedern um Schutz für „das Volk der Leiden“ angefleht und ihm zugerufen hatte: Triumphe ſind wie Niederlagen, Wenn ihre Frucht beſteht in Klagen, Im grenzenloſen Haß der Welt. Mit den Radziwills und Raczynskis verband ihn alte Freundſchaft. Durch Großmuth hoffte er die Großmüthigen, die in Wahrheit nur begehrlich waren, zu verſöhnen. Daher wurde ſchon am 17. Juli Geh. Rath Aulicke, ein hartkatho- liſcher Weſtphale, der fortan in Preußens Kirchenpolitik noch lange eine verhängnißvolle Rolle ſpielen ſollte, an den Gefangenen geſendet. Die verſchmitzten Augen des glatten kleinen Polen leuchteten, er zerfloß in Dank- barkeit und verſprach in einem höchſt unterthänigen Schreiben fortan Treue und Frieden zu wahren. Darauf geſtattete ihm der König die Rückkehr und ſprach zugleich die Hoffnung aus: „Es wird Mich freuen, durch die Bethätigung Ihrer gegen Mich ausgeſprochenen Verheißungen Mich bald in den Stand geſetzt zu ſehen Sie an Meinem Hoflager zu empfangen.“ **) Die Heimkehr erfolgte, um Aufſehen zu vermeiden, am ſpäten Abend des 5. Auguſt; aber natürlich hatte einer der adlichen Vertrauten des Erzbiſchofs, Lipski, die Nachricht ſchon vorher verbreitet, ſo geſtaltete ſich denn die Ein- fahrt zu einem brauſenden Triumphzuge, und es frommte wenig, daß der König dem Herrn v. Lipski nachträglich ſeinen Unwillen ausſprechen ließ. ***) *) Bericht des Miniſterialverweſers v. Ladenberg an den König, 3. Aug. 1840. **) Inſtruktion für Aulicke, 17. Juli; Aulicke’s Bericht, 27. Juli; Dunin an den König, 24. Juli; Cabinetsordre an Dunin, 29. Juli 1840. ***) Ladenberg’s Bericht an den König, 6. Aug.; Cabinetsordre an Ladenberg, 7. Aug. 1840.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 38. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/52>, abgerufen am 12.04.2021.