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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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V. 3. Enttäuschung und Verwirrung.
fange. Zu den Manövern der beiden westlichen Armeecorps sodann kamen
Offiziere aus fast allen Ländern Europas, mehrere der benachbarten Fürsten
erschienen persönlich; nur der Großherzog von Baden entschuldigte sein
Ausbleiben, er durfte sich von den liberalen Kammerrednern nicht nachsagen
lassen, daß er preußischen Rathschlägen folge.*) Von den kriegerischen
Uebungen reiste der König alsdann zu dem Feste der zweiten Grundstein-
legung des Kölner Doms. Auch Sulpiz Boisseree wollte an seinem Ehren-
tage nicht fehlen, und wie erstaunte er, da er nach langjähriger Abwesen-
heit die Heimath wiedersah; Alles war anders geworden unter der preu-
ßischen Herrschaft, die wieder aufgeblühten alten Städte und der mächtige
Verkehr auf dem befreiten Strome, anders auch die Gesinnung des Volkes.
Einst in den napoleonischen Zeiten hatten die Kölner über ihn die Ach-
seln gezuckt wenn er ihnen von der Erhaltung ihres ewigen Domes sprach,
und es keineswegs befremdlich gefunden, daß der französische Bischof Ber-
dollet die alte gothische Steinmasse ganz abzutragen dachte; jetzt drückten
Alle dem Herausgeber des Domwerkes freudig die Hand, Alle meinten,
den unvergleichlichen Bau wieder herzustellen sei eine Ehrenpflicht der
Provinz. Und daß es so stand, daß die Rheinländer ihrer eigenen großen
Vorzeit wieder liebevoll in die Augen zu sehen wagten, das verdankten
sie der Krone Preußen, die dies Land seinem halbwälschen Sonderdasein
entrissen und in die Strömung des nationalen Lebens zurückgeleitet hatte.

Gedanken, die aus der Literatur verschwinden, klingen in den Sitten
der Gesellschaft oft noch lange nach; so waren auch die romantischen
Stimmungen, obgleich die Chorführer der Dichtung längst andere Wege
gingen, am Rheine noch sehr mächtig. Eben in diesen Jahren sang Karl
Simrock unter dem Jubel seiner Landsleute die schalkhafte Warnung vor
dem Rhein:

An den Rhein, an den Rhein, zieh' nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rathe Dir gut.
Da geht Dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht Dir zu freudig der Muth.

Niemals früher waren die alten Gemäuer der rheinischen Schlösser so viel
besucht und gepriesen worden wie jetzt, da die neuen Dampfboote täglich wein-
seliges junges Volk, Maler aus Düsseldorf, Studenten aus Bonn, Sänger
aus Köln rheinaufwärts führten. Prinz Friedrich von Preußen ließ den
Rheinstein, Bethmann-Hollweg die Burg Rheineck wieder aufbauen, Graf
Fürstenberg auf dem Apollinarisberge die weithin das Stromthal beherr-
schende prächtige gothische Kirche errichten; auf den Mahnruf Ferdinand
Freiligrath's, der in Unkel beim rothen Bleichert glückliche Dichtertage
verträumte, wurden Sammlungen veranstaltet, um den eingestürzten Fen-
sterbogen der Burg Rolandseck herzustellen; bald nachher entstand auch
der Königsstuhl von Rhense aus seinen Trümmern wieder. Aus diesen

*) Radowitz's Bericht, 20. Aug. 1842.

V. 3. Enttäuſchung und Verwirrung.
fange. Zu den Manövern der beiden weſtlichen Armeecorps ſodann kamen
Offiziere aus faſt allen Ländern Europas, mehrere der benachbarten Fürſten
erſchienen perſönlich; nur der Großherzog von Baden entſchuldigte ſein
Ausbleiben, er durfte ſich von den liberalen Kammerrednern nicht nachſagen
laſſen, daß er preußiſchen Rathſchlägen folge.*) Von den kriegeriſchen
Uebungen reiſte der König alsdann zu dem Feſte der zweiten Grundſtein-
legung des Kölner Doms. Auch Sulpiz Boiſſeree wollte an ſeinem Ehren-
tage nicht fehlen, und wie erſtaunte er, da er nach langjähriger Abweſen-
heit die Heimath wiederſah; Alles war anders geworden unter der preu-
ßiſchen Herrſchaft, die wieder aufgeblühten alten Städte und der mächtige
Verkehr auf dem befreiten Strome, anders auch die Geſinnung des Volkes.
Einſt in den napoleoniſchen Zeiten hatten die Kölner über ihn die Ach-
ſeln gezuckt wenn er ihnen von der Erhaltung ihres ewigen Domes ſprach,
und es keineswegs befremdlich gefunden, daß der franzöſiſche Biſchof Ber-
dollet die alte gothiſche Steinmaſſe ganz abzutragen dachte; jetzt drückten
Alle dem Herausgeber des Domwerkes freudig die Hand, Alle meinten,
den unvergleichlichen Bau wieder herzuſtellen ſei eine Ehrenpflicht der
Provinz. Und daß es ſo ſtand, daß die Rheinländer ihrer eigenen großen
Vorzeit wieder liebevoll in die Augen zu ſehen wagten, das verdankten
ſie der Krone Preußen, die dies Land ſeinem halbwälſchen Sonderdaſein
entriſſen und in die Strömung des nationalen Lebens zurückgeleitet hatte.

Gedanken, die aus der Literatur verſchwinden, klingen in den Sitten
der Geſellſchaft oft noch lange nach; ſo waren auch die romantiſchen
Stimmungen, obgleich die Chorführer der Dichtung längſt andere Wege
gingen, am Rheine noch ſehr mächtig. Eben in dieſen Jahren ſang Karl
Simrock unter dem Jubel ſeiner Landsleute die ſchalkhafte Warnung vor
dem Rhein:

An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein,
Mein Sohn, ich rathe Dir gut.
Da geht Dir das Leben zu lieblich ein,
Da blüht Dir zu freudig der Muth.

Niemals früher waren die alten Gemäuer der rheiniſchen Schlöſſer ſo viel
beſucht und geprieſen worden wie jetzt, da die neuen Dampfboote täglich wein-
ſeliges junges Volk, Maler aus Düſſeldorf, Studenten aus Bonn, Sänger
aus Köln rheinaufwärts führten. Prinz Friedrich von Preußen ließ den
Rheinſtein, Bethmann-Hollweg die Burg Rheineck wieder aufbauen, Graf
Fürſtenberg auf dem Apollinarisberge die weithin das Stromthal beherr-
ſchende prächtige gothiſche Kirche errichten; auf den Mahnruf Ferdinand
Freiligrath’s, der in Unkel beim rothen Bleichert glückliche Dichtertage
verträumte, wurden Sammlungen veranſtaltet, um den eingeſtürzten Fen-
ſterbogen der Burg Rolandseck herzuſtellen; bald nachher entſtand auch
der Königsſtuhl von Rhenſe aus ſeinen Trümmern wieder. Aus dieſen

*) Radowitz’s Bericht, 20. Aug. 1842.
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[172/0186] V. 3. Enttäuſchung und Verwirrung. fange. Zu den Manövern der beiden weſtlichen Armeecorps ſodann kamen Offiziere aus faſt allen Ländern Europas, mehrere der benachbarten Fürſten erſchienen perſönlich; nur der Großherzog von Baden entſchuldigte ſein Ausbleiben, er durfte ſich von den liberalen Kammerrednern nicht nachſagen laſſen, daß er preußiſchen Rathſchlägen folge. *) Von den kriegeriſchen Uebungen reiſte der König alsdann zu dem Feſte der zweiten Grundſtein- legung des Kölner Doms. Auch Sulpiz Boiſſeree wollte an ſeinem Ehren- tage nicht fehlen, und wie erſtaunte er, da er nach langjähriger Abweſen- heit die Heimath wiederſah; Alles war anders geworden unter der preu- ßiſchen Herrſchaft, die wieder aufgeblühten alten Städte und der mächtige Verkehr auf dem befreiten Strome, anders auch die Geſinnung des Volkes. Einſt in den napoleoniſchen Zeiten hatten die Kölner über ihn die Ach- ſeln gezuckt wenn er ihnen von der Erhaltung ihres ewigen Domes ſprach, und es keineswegs befremdlich gefunden, daß der franzöſiſche Biſchof Ber- dollet die alte gothiſche Steinmaſſe ganz abzutragen dachte; jetzt drückten Alle dem Herausgeber des Domwerkes freudig die Hand, Alle meinten, den unvergleichlichen Bau wieder herzuſtellen ſei eine Ehrenpflicht der Provinz. Und daß es ſo ſtand, daß die Rheinländer ihrer eigenen großen Vorzeit wieder liebevoll in die Augen zu ſehen wagten, das verdankten ſie der Krone Preußen, die dies Land ſeinem halbwälſchen Sonderdaſein entriſſen und in die Strömung des nationalen Lebens zurückgeleitet hatte. Gedanken, die aus der Literatur verſchwinden, klingen in den Sitten der Geſellſchaft oft noch lange nach; ſo waren auch die romantiſchen Stimmungen, obgleich die Chorführer der Dichtung längſt andere Wege gingen, am Rheine noch ſehr mächtig. Eben in dieſen Jahren ſang Karl Simrock unter dem Jubel ſeiner Landsleute die ſchalkhafte Warnung vor dem Rhein: An den Rhein, an den Rhein, zieh’ nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rathe Dir gut. Da geht Dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht Dir zu freudig der Muth. Niemals früher waren die alten Gemäuer der rheiniſchen Schlöſſer ſo viel beſucht und geprieſen worden wie jetzt, da die neuen Dampfboote täglich wein- ſeliges junges Volk, Maler aus Düſſeldorf, Studenten aus Bonn, Sänger aus Köln rheinaufwärts führten. Prinz Friedrich von Preußen ließ den Rheinſtein, Bethmann-Hollweg die Burg Rheineck wieder aufbauen, Graf Fürſtenberg auf dem Apollinarisberge die weithin das Stromthal beherr- ſchende prächtige gothiſche Kirche errichten; auf den Mahnruf Ferdinand Freiligrath’s, der in Unkel beim rothen Bleichert glückliche Dichtertage verträumte, wurden Sammlungen veranſtaltet, um den eingeſtürzten Fen- ſterbogen der Burg Rolandseck herzuſtellen; bald nachher entſtand auch der Königsſtuhl von Rhenſe aus ſeinen Trümmern wieder. Aus dieſen *) Radowitz’s Bericht, 20. Aug. 1842.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 172. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/186>, abgerufen am 13.04.2021.