heit erklärten, das will jetzt ein schwächliches Gelichter, oder alte Weiber die unglücklicher Weise Hosen tragen, für unwahr erklären, um sich ein mystisches Gewand aus alten verjährten Formen so recht bequem für ihre eigene Person und die liebwerthe Familie zu machen."*) --
So wurden dem Wiener Hofe alle Zeichen günstig. Noch bis gegen das Ende des vorigen Jahres hatte Metternich, aus Scheu vor der Empfindlichkeit der kleinen Höfe, jeden scharfen Eingriff in die deutsche Bundespolitik vermieden; jetzt schien ihm die Zeit gekommen für einen Feldzug wider die Demagogen. War erst die Quadrupelallianz auf dem Congresse von Neuem befestigt, so sollten die deutsche Presse, die Universi- täten, die Turnplätze und wenn möglich auch die Landtage die Strenge des Bundesrechts empfinden. Um den Kampf für das Bestehende auch mit geistigen Waffen zu führen hatte Metternich soeben die Wiener Jahr- bücher der Literatur gründen lassen, da der Oesterreichische Beobachter, wenn nicht Gentz einmal einen Aufsatz sendete, doch gar zu kläglich war, und Cotta in die Spalten der Augsburger Allgemeinen Zeitung außer den Zusendungen der Hofburg auch liberale Artikel aufnahm. Matthäus von Collin, der Bruder des Dramatikers Heinrich, ein harmloser, un- bedeutender Schriftsteller erhielt die Leitung, und es bezeichnet Metter- nichs wissenschaftliche Bildungsstufe, daß er selber den trivialsten aller deutschen Recensenten, den durch Goethe und Schiller so köstlich ver- höhnten Magister Ubique, Karl Böttiger in Dresden aufforderte, dem "in echt gelehrtem, wahrhaft weltbürgerlichem Sinne" geplanten Unternehmen als Kritiker zu dienen. Die reichen Geldmittel der Zeitschrift verschafften ihr zwar einzelne gediegene Beiträge, doch eine literarische Bedeutung er- langte sie niemals; wie hätte unter diesem geistlosen Regimente die leben- dige Wissenschaft gedeihen können?
Gleich in den ersten Heften erschienen, zur Vorbereitung des Kampfes gegen die deutschen Zeitungen, zwei Abhandlungen von Gentz über die Preßfreiheit in England, die einzigen streng wissenschaftlich gehaltenen Arbeiten seiner späteren Jahre. Welch eine Wandlung seit jenem frei- müthigen Sendschreiben, in dem er vor zwanzig Jahren dem neuen Könige von Preußen den Segen der freien Presse erwiesen hatte. Wie viel reifer, erfahrener, kenntnißreicher erschien er jetzt, aber auch wie kalt, wie einseitig, wie glaubenlos und unredlich in seiner gewandten Rhetorik. Jetzt sollte die Preßfreiheit nur noch ein relativer Begriff sein und unter der Censur ebenso sicher ja noch sicherer bestehen können als unter der Gefahr nachträg- licher, gerichtlicher Bestrafung. Nach einer meisterhaften Darstellung der Geschichte der englischen Presse, wie nur er allein sie damals geben konnte, entwickelte er die leitenden Gedanken einer Doctrin, welche während eines Menschenalters der Grundirrthum der deutschen Preßgesetzgebung ge-
*) Boyen an Schön, 26. Okt. 1818.
Die Wiener Jahrbücher.
heit erklärten, das will jetzt ein ſchwächliches Gelichter, oder alte Weiber die unglücklicher Weiſe Hoſen tragen, für unwahr erklären, um ſich ein myſtiſches Gewand aus alten verjährten Formen ſo recht bequem für ihre eigene Perſon und die liebwerthe Familie zu machen.“*) —
So wurden dem Wiener Hofe alle Zeichen günſtig. Noch bis gegen das Ende des vorigen Jahres hatte Metternich, aus Scheu vor der Empfindlichkeit der kleinen Höfe, jeden ſcharfen Eingriff in die deutſche Bundespolitik vermieden; jetzt ſchien ihm die Zeit gekommen für einen Feldzug wider die Demagogen. War erſt die Quadrupelallianz auf dem Congreſſe von Neuem befeſtigt, ſo ſollten die deutſche Preſſe, die Univerſi- täten, die Turnplätze und wenn möglich auch die Landtage die Strenge des Bundesrechts empfinden. Um den Kampf für das Beſtehende auch mit geiſtigen Waffen zu führen hatte Metternich ſoeben die Wiener Jahr- bücher der Literatur gründen laſſen, da der Oeſterreichiſche Beobachter, wenn nicht Gentz einmal einen Aufſatz ſendete, doch gar zu kläglich war, und Cotta in die Spalten der Augsburger Allgemeinen Zeitung außer den Zuſendungen der Hofburg auch liberale Artikel aufnahm. Matthäus von Collin, der Bruder des Dramatikers Heinrich, ein harmloſer, un- bedeutender Schriftſteller erhielt die Leitung, und es bezeichnet Metter- nichs wiſſenſchaftliche Bildungsſtufe, daß er ſelber den trivialſten aller deutſchen Recenſenten, den durch Goethe und Schiller ſo köſtlich ver- höhnten Magiſter Ubique, Karl Böttiger in Dresden aufforderte, dem „in echt gelehrtem, wahrhaft weltbürgerlichem Sinne“ geplanten Unternehmen als Kritiker zu dienen. Die reichen Geldmittel der Zeitſchrift verſchafften ihr zwar einzelne gediegene Beiträge, doch eine literariſche Bedeutung er- langte ſie niemals; wie hätte unter dieſem geiſtloſen Regimente die leben- dige Wiſſenſchaft gedeihen können?
Gleich in den erſten Heften erſchienen, zur Vorbereitung des Kampfes gegen die deutſchen Zeitungen, zwei Abhandlungen von Gentz über die Preßfreiheit in England, die einzigen ſtreng wiſſenſchaftlich gehaltenen Arbeiten ſeiner ſpäteren Jahre. Welch eine Wandlung ſeit jenem frei- müthigen Sendſchreiben, in dem er vor zwanzig Jahren dem neuen Könige von Preußen den Segen der freien Preſſe erwieſen hatte. Wie viel reifer, erfahrener, kenntnißreicher erſchien er jetzt, aber auch wie kalt, wie einſeitig, wie glaubenlos und unredlich in ſeiner gewandten Rhetorik. Jetzt ſollte die Preßfreiheit nur noch ein relativer Begriff ſein und unter der Cenſur ebenſo ſicher ja noch ſicherer beſtehen können als unter der Gefahr nachträg- licher, gerichtlicher Beſtrafung. Nach einer meiſterhaften Darſtellung der Geſchichte der engliſchen Preſſe, wie nur er allein ſie damals geben konnte, entwickelte er die leitenden Gedanken einer Doctrin, welche während eines Menſchenalters der Grundirrthum der deutſchen Preßgeſetzgebung ge-
*) Boyen an Schön, 26. Okt. 1818.
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die unglücklicher Weiſe Hoſen tragen, für unwahr erklären, um ſich ein
myſtiſches Gewand aus alten verjährten Formen ſo recht bequem für ihre
eigene Perſon und die liebwerthe Familie zu machen.“ *) —
So wurden dem Wiener Hofe alle Zeichen günſtig. Noch bis gegen
das Ende des vorigen Jahres hatte Metternich, aus Scheu vor der
Empfindlichkeit der kleinen Höfe, jeden ſcharfen Eingriff in die deutſche
Bundespolitik vermieden; jetzt ſchien ihm die Zeit gekommen für einen
Feldzug wider die Demagogen. War erſt die Quadrupelallianz auf dem
Congreſſe von Neuem befeſtigt, ſo ſollten die deutſche Preſſe, die Univerſi-
täten, die Turnplätze und wenn möglich auch die Landtage die Strenge
des Bundesrechts empfinden. Um den Kampf für das Beſtehende auch
mit geiſtigen Waffen zu führen hatte Metternich ſoeben die Wiener Jahr-
bücher der Literatur gründen laſſen, da der Oeſterreichiſche Beobachter,
wenn nicht Gentz einmal einen Aufſatz ſendete, doch gar zu kläglich war,
und Cotta in die Spalten der Augsburger Allgemeinen Zeitung außer
den Zuſendungen der Hofburg auch liberale Artikel aufnahm. Matthäus
von Collin, der Bruder des Dramatikers Heinrich, ein harmloſer, un-
bedeutender Schriftſteller erhielt die Leitung, und es bezeichnet Metter-
nichs wiſſenſchaftliche Bildungsſtufe, daß er ſelber den trivialſten aller
deutſchen Recenſenten, den durch Goethe und Schiller ſo köſtlich ver-
höhnten Magiſter Ubique, Karl Böttiger in Dresden aufforderte, dem „in
echt gelehrtem, wahrhaft weltbürgerlichem Sinne“ geplanten Unternehmen
als Kritiker zu dienen. Die reichen Geldmittel der Zeitſchrift verſchafften
ihr zwar einzelne gediegene Beiträge, doch eine literariſche Bedeutung er-
langte ſie niemals; wie hätte unter dieſem geiſtloſen Regimente die leben-
dige Wiſſenſchaft gedeihen können?
Gleich in den erſten Heften erſchienen, zur Vorbereitung des Kampfes
gegen die deutſchen Zeitungen, zwei Abhandlungen von Gentz über die
Preßfreiheit in England, die einzigen ſtreng wiſſenſchaftlich gehaltenen
Arbeiten ſeiner ſpäteren Jahre. Welch eine Wandlung ſeit jenem frei-
müthigen Sendſchreiben, in dem er vor zwanzig Jahren dem neuen Könige
von Preußen den Segen der freien Preſſe erwieſen hatte. Wie viel reifer,
erfahrener, kenntnißreicher erſchien er jetzt, aber auch wie kalt, wie einſeitig,
wie glaubenlos und unredlich in ſeiner gewandten Rhetorik. Jetzt ſollte die
Preßfreiheit nur noch ein relativer Begriff ſein und unter der Cenſur ebenſo
ſicher ja noch ſicherer beſtehen können als unter der Gefahr nachträg-
licher, gerichtlicher Beſtrafung. Nach einer meiſterhaften Darſtellung der
Geſchichte der engliſchen Preſſe, wie nur er allein ſie damals geben konnte,
entwickelte er die leitenden Gedanken einer Doctrin, welche während eines
Menſchenalters der Grundirrthum der deutſchen Preßgeſetzgebung ge-
*) Boyen an Schön, 26. Okt. 1818.
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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 2: Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. Leipzig, 1882, S. 461. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte02_1882/475>, abgerufen am 22.11.2024.
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