Tieck, Ludwig: Die Gemälde. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 2. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–123. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronleuchter dort anbringen wollen und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Märchen machen. Ohne daß du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kömmst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu sein. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum Letztem selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden und dennoch, uns selbst zum Trotz, hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronleuchter dort anbringen wollen und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Märchen machen. Ohne daß du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kömmst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu sein. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum Letztem selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden und dennoch, uns selbst zum Trotz, <TEI> <text> <body> <div n="7"> <p><pb facs="#f0103"/> hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronleuchter dort anbringen wollen und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Märchen machen.</p><lb/> <p>Ohne daß du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kömmst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu sein. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum Letztem selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden und dennoch, uns selbst zum Trotz,<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0103]
hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronleuchter dort anbringen wollen und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Märchen machen.
Ohne daß du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kömmst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu sein. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum Letztem selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden und dennoch, uns selbst zum Trotz,
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Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition.
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