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Thomasius, Christian: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre. Halle (Saale), 1691.

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Das 13. Hauptstück von denen

51. Zu geschweigen/ daß viel tausend Exem-
pel
könten angeführet werden derer/ die viel eher
um anderer Menschen irrige Meinung ihr
Leben gelassen/
als derer die umb diejenigen/
derer Ursprung von ihnen selbst hergerühret/ viel
gelitten hätten.

52. Wiewohl nun diese beyden Haupt-prae-
judicia
dergestalt dem Wesen nach unterschie-
den sind/ so sind sie doch mehrentheils in der That
mit einander in denen Menschen vereiniget/ und
biethen einander hülffliche Hand; denn das prae-
judicium autoritatis
wird nachgehends bey dem
Menschen täglich durch eine grosse praecipitanz
befestiget/ indem er theils täglich siehet/ daß ihn
die menschliche autorität betrieget/ und doch in
denen meisten/ was er wahr zu seyn gläubet/ sich
auff selbige gründet; theils aber auch aus denen
in menschlicher autorität sich gründenden irrigen
Meinungen/ zum öfftern durch nachläßige praeci-
pitanz
immer neue Jrrthümer vorbringet.

53. Hinwiederum hilfft das praejudicium auto-
ritatis
auch die praecipitanz nicht wenig stärcken/
in Ansehung daß die Ubereilung und die daraus
herrührende Jrrthümer vielen Menschen gemein
sind/ und also indem ein Blinder dem andern den
Weg weisen will/ einer so wohl von der Warheit
abweichet als der andere/ und beyde doch eben
deßhalben/ weil sie sehen/ daß ihre Meinungen
von vielen vertheydiget werden/ auch sich bereden/
daß sie deßhalben in der allen Menschen gemeinen
Vernunfft gegründet wären.

54. Und
Das 13. Hauptſtuͤck von denen

51. Zu geſchweigen/ daß viel tauſend Exem-
pel
koͤnten angefuͤhret werden derer/ die viel eher
um anderer Menſchen irrige Meinung ihr
Leben gelaſſen/
als derer die umb diejenigen/
derer Urſprung von ihnen ſelbſt hergeruͤhret/ viel
gelitten haͤtten.

52. Wiewohl nun dieſe beyden Haupt-præ-
judicia
dergeſtalt dem Weſen nach unterſchie-
den ſind/ ſo ſind ſie doch mehrentheils in der That
mit einander in denen Menſchen vereiniget/ und
biethen einander huͤlffliche Hand; denn das præ-
judicium autoritatis
wird nachgehends bey dem
Menſchen taͤglich durch eine groſſe præcipitanz
befeſtiget/ indem er theils taͤglich ſiehet/ daß ihn
die menſchliche autoritaͤt betrieget/ und doch in
denen meiſten/ was er wahr zu ſeyn glaͤubet/ ſich
auff ſelbige gruͤndet; theils aber auch aus denen
in menſchlicher autoritaͤt ſich gruͤndenden irrigen
Meinungen/ zum oͤfftern durch nachlaͤßige præci-
pitanz
immer neue Jrrthuͤmer vorbringet.

53. Hinwiederum hilfft das præjudicium auto-
ritatis
auch die præcipitanz nicht wenig ſtaͤrcken/
in Anſehung daß die Ubereilung und die daraus
herruͤhrende Jrrthuͤmer vielen Menſchen gemein
ſind/ und alſo indem ein Blinder dem andern den
Weg weiſen will/ einer ſo wohl von der Warheit
abweichet als der andere/ und beyde doch eben
deßhalben/ weil ſie ſehen/ daß ihre Meinungen
von vielen vertheydiget weꝛden/ auch ſich beꝛeden/
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Vernunfft gegruͤndet waͤren.

54. Und
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[308/0326] Das 13. Hauptſtuͤck von denen 51. Zu geſchweigen/ daß viel tauſend Exem- pel koͤnten angefuͤhret werden derer/ die viel eher um anderer Menſchen irrige Meinung ihr Leben gelaſſen/ als derer die umb diejenigen/ derer Urſprung von ihnen ſelbſt hergeruͤhret/ viel gelitten haͤtten. 52. Wiewohl nun dieſe beyden Haupt-præ- judicia dergeſtalt dem Weſen nach unterſchie- den ſind/ ſo ſind ſie doch mehrentheils in der That mit einander in denen Menſchen vereiniget/ und biethen einander huͤlffliche Hand; denn das præ- judicium autoritatis wird nachgehends bey dem Menſchen taͤglich durch eine groſſe præcipitanz befeſtiget/ indem er theils taͤglich ſiehet/ daß ihn die menſchliche autoritaͤt betrieget/ und doch in denen meiſten/ was er wahr zu ſeyn glaͤubet/ ſich auff ſelbige gruͤndet; theils aber auch aus denen in menſchlicher autoritaͤt ſich gruͤndenden irrigen Meinungen/ zum oͤfftern durch nachlaͤßige præci- pitanz immer neue Jrrthuͤmer vorbringet. 53. Hinwiederum hilfft das præjudicium auto- ritatis auch die præcipitanz nicht wenig ſtaͤrcken/ in Anſehung daß die Ubereilung und die daraus herruͤhrende Jrrthuͤmer vielen Menſchen gemein ſind/ und alſo indem ein Blinder dem andern den Weg weiſen will/ einer ſo wohl von der Warheit abweichet als der andere/ und beyde doch eben deßhalben/ weil ſie ſehen/ daß ihre Meinungen von vielen vertheydiget weꝛden/ auch ſich beꝛeden/ daß ſie deßhalben in der allen Menſchen gemeinen Vernunfft gegruͤndet waͤren. 54. Und

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre. Halle (Saale), 1691, S. 308. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungvernufftlehre_1691/326>, abgerufen am 13.04.2024.