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Tesche, Walter: Der Enten-Piet. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 19. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 121–236. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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O gewiß, so gewiß ich vor Euch stehe -- ich meine es ehrlich mit ihr! Ich will sie heirathen, sobald es angeht.

Heirathen! rief Lora erschrocken, und dazu soll ich helfen! -- Hast du vergessen, daß die Linda so gut wie deine Schwester und ein Findelkind ist? -- Wie kann ein ehrlich getaufter Holländer daran denken, einen Bankert zu heirathen. Und nun gar der Sohn vom Zorgenhof!

Hört, Mutter, scheltet mir die Linda nicht! drohte Bertold; in dem Punkt versteh' ich keinen Spaß! -- Ja, sie ist uns als Wickelkind ins Haus gebracht; aber es war ein rechtschaffener alter Klerk Baas, der sie brachte. Und wenn wir auch zusammen aufgewachsen sind, so ist sie darum doch nicht meine Schwester.

Herr Gott, was würden die Leute dazu sagen, fuhr die Alte, sich ereifernd, fort, -- und ich sollte zu dem Spectakel helfen? -- Nun und nimmermehr!

Heirathen! spottete Piet; seit wann heirathen denn am Goudasee die Jungen, ehe sie flügge sind? Laß deinen Flaum am Kinn erst reif werden, und dann sprich vom Heirathen, mein Söhnchen. Dummes Zeug; mich darum hier so lange aufzuhalten. -- Damit ging der Entenjäger hinaus, und man hörte ihn draußen noch lachend wiederholen: heirathen -- heirathen!

Bertold verstummte vor diesem Hohn und dem unerhörten Eifer der Alten, die er niemals so aufgeregt gesehen. Erkennend, daß hier jede fernere Bitte frucht-

O gewiß, so gewiß ich vor Euch stehe — ich meine es ehrlich mit ihr! Ich will sie heirathen, sobald es angeht.

Heirathen! rief Lora erschrocken, und dazu soll ich helfen! — Hast du vergessen, daß die Linda so gut wie deine Schwester und ein Findelkind ist? — Wie kann ein ehrlich getaufter Holländer daran denken, einen Bankert zu heirathen. Und nun gar der Sohn vom Zorgenhof!

Hört, Mutter, scheltet mir die Linda nicht! drohte Bertold; in dem Punkt versteh' ich keinen Spaß! — Ja, sie ist uns als Wickelkind ins Haus gebracht; aber es war ein rechtschaffener alter Klerk Baas, der sie brachte. Und wenn wir auch zusammen aufgewachsen sind, so ist sie darum doch nicht meine Schwester.

Herr Gott, was würden die Leute dazu sagen, fuhr die Alte, sich ereifernd, fort, — und ich sollte zu dem Spectakel helfen? — Nun und nimmermehr!

Heirathen! spottete Piet; seit wann heirathen denn am Goudasee die Jungen, ehe sie flügge sind? Laß deinen Flaum am Kinn erst reif werden, und dann sprich vom Heirathen, mein Söhnchen. Dummes Zeug; mich darum hier so lange aufzuhalten. — Damit ging der Entenjäger hinaus, und man hörte ihn draußen noch lachend wiederholen: heirathen — heirathen!

Bertold verstummte vor diesem Hohn und dem unerhörten Eifer der Alten, die er niemals so aufgeregt gesehen. Erkennend, daß hier jede fernere Bitte frucht-

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:22:21Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Zitationshilfe: Tesche, Walter: Der Enten-Piet. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 19. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 121–236. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tesche_piet_1910/22>, abgerufen am 21.04.2024.