Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sturza, Marie Tihanyi: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau. Leipzig, 1905

Bild:
<< vorherige Seite

bewohnte, während es jetzt ihr dauernder Witwensitz geworden war. Dorthin kamen sie, nicht nur um materielle Hilfe zu suchen, sondern auch moralischen Halt, der öfter schon Revolten hintangehalten hatte. Denn diese freimütige Frau besaß die Gabe, schon allein durch ihre überquellende Güte zu beruhigen, zu versöhnen, Mißverständnisse zu beseitigen, den rechten Weg zu erkennen und jedem zu zeigen. Sie tat das alles ohne moralisierende Redensarten, ohne schöne Tiraden, ohne frömmelnde Predigten. Sozialistische Schlagworte waren ihr fremd, wie überhaupt ihr philosophisch ungeschultes Denken auch nicht den Schatten einer Theorie aufkommen ließ. Sie war eine ehrliche Natur, mit klarem Sinn für Recht und Unrecht, erfüllt von fast krankhafter Empfindsamkeit sodaß sie oft darunter litt, wenn ihre Seele von den vielen sie umgebenden Leid getroffen ward. Jeder Gedanke, jede Handlung Frau von Ellissen's hatten Quelle und Triebfeder in ihrem Herzen. Von etwas schwachem Charakter, besaß sie nur Kraft zur Liebe. Diese war, wie sie sagte, die Achse, die treibende Kraft, der Ausgangspunkt ihrer Lebensäußerungen, die allein das Räderwerk ihrer Maschine in Bewegung setzte. Dieses Bildes bediente sie sich, um den Arbeitern

bewohnte, während es jetzt ihr dauernder Witwensitz geworden war. Dorthin kamen sie, nicht nur um materielle Hilfe zu suchen, sondern auch moralischen Halt, der öfter schon Revolten hintangehalten hatte. Denn diese freimütige Frau besaß die Gabe, schon allein durch ihre überquellende Güte zu beruhigen, zu versöhnen, Mißverständnisse zu beseitigen, den rechten Weg zu erkennen und jedem zu zeigen. Sie tat das alles ohne moralisierende Redensarten, ohne schöne Tiraden, ohne frömmelnde Predigten. Sozialistische Schlagworte waren ihr fremd, wie überhaupt ihr philosophisch ungeschultes Denken auch nicht den Schatten einer Theorie aufkommen ließ. Sie war eine ehrliche Natur, mit klarem Sinn für Recht und Unrecht, erfüllt von fast krankhafter Empfindsamkeit sodaß sie oft darunter litt, wenn ihre Seele von den vielen sie umgebenden Leid getroffen ward. Jeder Gedanke, jede Handlung Frau von Ellissen’s hatten Quelle und Triebfeder in ihrem Herzen. Von etwas schwachem Charakter, besaß sie nur Kraft zur Liebe. Diese war, wie sie sagte, die Achse, die treibende Kraft, der Ausgangspunkt ihrer Lebensäußerungen, die allein das Räderwerk ihrer Maschine in Bewegung setzte. Dieses Bildes bediente sie sich, um den Arbeitern

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0015" n="14"/>
bewohnte, während es jetzt ihr dauernder Witwensitz geworden war. Dorthin kamen sie, nicht nur um materielle Hilfe zu suchen, sondern auch moralischen Halt, der öfter schon Revolten hintangehalten hatte. Denn diese freimütige Frau besaß die Gabe, schon allein durch ihre überquellende Güte zu beruhigen, zu versöhnen, Mißverständnisse zu beseitigen, den rechten Weg zu erkennen und jedem zu zeigen. Sie tat das alles ohne moralisierende Redensarten, ohne schöne Tiraden, ohne frömmelnde Predigten. Sozialistische Schlagworte waren ihr fremd, wie überhaupt ihr philosophisch ungeschultes Denken auch nicht den Schatten einer Theorie aufkommen ließ. Sie war eine ehrliche Natur, mit klarem Sinn für Recht und Unrecht, erfüllt von fast krankhafter Empfindsamkeit sodaß sie oft darunter litt, wenn ihre Seele von den vielen sie umgebenden Leid getroffen ward. Jeder Gedanke, jede Handlung Frau von Ellissen&#x2019;s hatten Quelle und Triebfeder in ihrem Herzen. Von etwas schwachem Charakter, besaß sie nur Kraft zur Liebe. Diese war, wie sie sagte, die Achse, die treibende Kraft, der Ausgangspunkt ihrer Lebensäußerungen, die allein das Räderwerk ihrer Maschine in Bewegung setzte. Dieses Bildes bediente sie sich, um den Arbeitern
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[14/0015] bewohnte, während es jetzt ihr dauernder Witwensitz geworden war. Dorthin kamen sie, nicht nur um materielle Hilfe zu suchen, sondern auch moralischen Halt, der öfter schon Revolten hintangehalten hatte. Denn diese freimütige Frau besaß die Gabe, schon allein durch ihre überquellende Güte zu beruhigen, zu versöhnen, Mißverständnisse zu beseitigen, den rechten Weg zu erkennen und jedem zu zeigen. Sie tat das alles ohne moralisierende Redensarten, ohne schöne Tiraden, ohne frömmelnde Predigten. Sozialistische Schlagworte waren ihr fremd, wie überhaupt ihr philosophisch ungeschultes Denken auch nicht den Schatten einer Theorie aufkommen ließ. Sie war eine ehrliche Natur, mit klarem Sinn für Recht und Unrecht, erfüllt von fast krankhafter Empfindsamkeit sodaß sie oft darunter litt, wenn ihre Seele von den vielen sie umgebenden Leid getroffen ward. Jeder Gedanke, jede Handlung Frau von Ellissen’s hatten Quelle und Triebfeder in ihrem Herzen. Von etwas schwachem Charakter, besaß sie nur Kraft zur Liebe. Diese war, wie sie sagte, die Achse, die treibende Kraft, der Ausgangspunkt ihrer Lebensäußerungen, die allein das Räderwerk ihrer Maschine in Bewegung setzte. Dieses Bildes bediente sie sich, um den Arbeitern

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Wikisource: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in Wikisource-Syntax. (2012-10-29T10:30:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus Wikisource entsprechen muss.
Wikimedia Commons: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-10-29T10:30:31Z)
Frank Wiegand: Konvertierung von Wikisource-Markup nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2012-10-29T10:30:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905/15
Zitationshilfe: Sturza, Marie Tihanyi: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau. Leipzig, 1905, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905/15>, abgerufen am 16.04.2024.