Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Spiess, Christian Heinrich: Biographien der Wahnsinnigen. Bd. 1. Leipzig, 1796.

Bild:
<< vorherige Seite

Ich. Warum seufzt ihr?

Die Alte. Hab's wohl Ursache! Bin eine
unglückliche Mutter! Erzog ein Kind, das mich
einst ernähren sollte, und kann's nun nicht
hoffen.

Ich. Ein so andächtiges Kind wird gewiß
willig für seine alte Mutter arbeiten.

Die Alte. Ach, Herr! Sie war fromm und
arbeitsam, sie würde es noch seyn, wenn sie nicht
ihren Verstand verlohren hätte!

Ich. (mit einem Seitenblicke nach
der Betenden)
Ist sie wahnsinnig?

Die Alte. Ja, leider! Schon seit einigen
Jahren. Sonst arbeitete sie vom frühen Morgen
bis in die späte Nacht, jetzt nur, wenn's ihr
einfällt.

Ich. Und was thut sie sonst?

Die Alte. Beten, nichts als Beten! Oft,
wenn sie am Spinnrade sitzt, und ich mir eben
denke, daß sich Gott ihrer erbarmt, ihr Leiden
gelindert hat, springt sie auf, wirft sich auf die
Knie, und hat Erscheinungen, die sie den gan-
zen Tag an der Arbeit hindern. Dann muß ich
immer auch weinen, und komme mit meiner
Strickerei schlecht vorwärts. Gott! was wird am
Ende noch aus uns werden, wenn mich endlich
der Kummer auch auf's Lager wirft, und wir
gar nichts mehr verdienen können! Es mag

Ich. Warum ſeufzt ihr?

Die Alte. Hab's wohl Urſache! Bin eine
ungluͤckliche Mutter! Erzog ein Kind, das mich
einſt ernaͤhren ſollte, und kann's nun nicht
hoffen.

Ich. Ein ſo andaͤchtiges Kind wird gewiß
willig fuͤr ſeine alte Mutter arbeiten.

Die Alte. Ach, Herr! Sie war fromm und
arbeitſam, ſie wuͤrde es noch ſeyn, wenn ſie nicht
ihren Verſtand verlohren haͤtte!

Ich. (mit einem Seitenblicke nach
der Betenden)
Iſt ſie wahnſinnig?

Die Alte. Ja, leider! Schon ſeit einigen
Jahren. Sonſt arbeitete ſie vom fruͤhen Morgen
bis in die ſpaͤte Nacht, jetzt nur, wenn's ihr
einfaͤllt.

Ich. Und was thut ſie ſonſt?

Die Alte. Beten, nichts als Beten! Oft,
wenn ſie am Spinnrade ſitzt, und ich mir eben
denke, daß ſich Gott ihrer erbarmt, ihr Leiden
gelindert hat, ſpringt ſie auf, wirft ſich auf die
Knie, und hat Erſcheinungen, die ſie den gan-
zen Tag an der Arbeit hindern. Dann muß ich
immer auch weinen, und komme mit meiner
Strickerei ſchlecht vorwaͤrts. Gott! was wird am
Ende noch aus uns werden, wenn mich endlich
der Kummer auch auf's Lager wirft, und wir
gar nichts mehr verdienen koͤnnen! Es mag

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0025" n="11"/>
        <p><hi rendition="#g">Ich</hi>. Warum &#x017F;eufzt ihr?</p><lb/>
        <p>Die <hi rendition="#g">Alte</hi>. Hab's wohl Ur&#x017F;ache! Bin eine<lb/>
unglu&#x0364;ckliche                     Mutter! Erzog ein Kind, das mich<lb/>
ein&#x017F;t erna&#x0364;hren &#x017F;ollte, und kann's nun                     nicht<lb/>
hoffen.</p><lb/>
        <p><hi rendition="#g">Ich</hi>. Ein &#x017F;o anda&#x0364;chtiges Kind wird gewiß<lb/>
willig fu&#x0364;r                     &#x017F;eine alte Mutter arbeiten.</p><lb/>
        <p>Die <hi rendition="#g">Alte</hi>. Ach, Herr! Sie war fromm und<lb/>
arbeit&#x017F;am, &#x017F;ie                     wu&#x0364;rde es noch &#x017F;eyn, wenn &#x017F;ie nicht<lb/>
ihren Ver&#x017F;tand verlohren ha&#x0364;tte!</p><lb/>
        <p><hi rendition="#g">Ich. (mit einem Seitenblicke nach<lb/>
der Betenden)</hi> I&#x017F;t                     &#x017F;ie wahn&#x017F;innig?</p><lb/>
        <p>Die <hi rendition="#g">Alte</hi>. Ja, leider! Schon &#x017F;eit einigen<lb/>
Jahren. Son&#x017F;t                     arbeitete &#x017F;ie vom fru&#x0364;hen Morgen<lb/>
bis in die &#x017F;pa&#x0364;te Nacht, jetzt nur, wenn's                     ihr<lb/>
einfa&#x0364;llt.</p><lb/>
        <p><hi rendition="#g">Ich</hi>. Und was thut &#x017F;ie &#x017F;on&#x017F;t?</p><lb/>
        <p>Die <hi rendition="#g">Alte</hi>. Beten, nichts als Beten! Oft,<lb/>
wenn &#x017F;ie am                     Spinnrade &#x017F;itzt, und ich mir eben<lb/>
denke, daß &#x017F;ich Gott ihrer erbarmt, ihr                     Leiden<lb/>
gelindert hat, &#x017F;pringt &#x017F;ie auf, wirft &#x017F;ich auf die<lb/>
Knie, und hat                     Er&#x017F;cheinungen, die &#x017F;ie den gan-<lb/>
zen Tag an der Arbeit hindern. Dann muß                     ich<lb/>
immer auch weinen, und komme mit meiner<lb/>
Strickerei &#x017F;chlecht                     vorwa&#x0364;rts. Gott! was wird am<lb/>
Ende noch aus uns werden, wenn mich                     endlich<lb/>
der Kummer auch auf's Lager wirft, und wir<lb/>
gar nichts mehr                     verdienen ko&#x0364;nnen! Es mag<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[11/0025] Ich. Warum ſeufzt ihr? Die Alte. Hab's wohl Urſache! Bin eine ungluͤckliche Mutter! Erzog ein Kind, das mich einſt ernaͤhren ſollte, und kann's nun nicht hoffen. Ich. Ein ſo andaͤchtiges Kind wird gewiß willig fuͤr ſeine alte Mutter arbeiten. Die Alte. Ach, Herr! Sie war fromm und arbeitſam, ſie wuͤrde es noch ſeyn, wenn ſie nicht ihren Verſtand verlohren haͤtte! Ich. (mit einem Seitenblicke nach der Betenden) Iſt ſie wahnſinnig? Die Alte. Ja, leider! Schon ſeit einigen Jahren. Sonſt arbeitete ſie vom fruͤhen Morgen bis in die ſpaͤte Nacht, jetzt nur, wenn's ihr einfaͤllt. Ich. Und was thut ſie ſonſt? Die Alte. Beten, nichts als Beten! Oft, wenn ſie am Spinnrade ſitzt, und ich mir eben denke, daß ſich Gott ihrer erbarmt, ihr Leiden gelindert hat, ſpringt ſie auf, wirft ſich auf die Knie, und hat Erſcheinungen, die ſie den gan- zen Tag an der Arbeit hindern. Dann muß ich immer auch weinen, und komme mit meiner Strickerei ſchlecht vorwaͤrts. Gott! was wird am Ende noch aus uns werden, wenn mich endlich der Kummer auch auf's Lager wirft, und wir gar nichts mehr verdienen koͤnnen! Es mag

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/spiess_biographien01_1796
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/spiess_biographien01_1796/25
Zitationshilfe: Spiess, Christian Heinrich: Biographien der Wahnsinnigen. Bd. 1. Leipzig, 1796, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spiess_biographien01_1796/25>, abgerufen am 18.05.2021.