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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 2. Stuttgart, 1839.

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Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit sich,
erzog es auf seinem Aeckerchen wie sein eigenes Kind und
nannte den Knaben Paris.

Als der Königssohn unter den Hirten zum Jünglinge
herangewachsen war, zeichnete er sich durch Körperkraft
und Schönheit aus, und wurde ein Schutz aller Hirten
des Berges Ida gegen die Räuber, daher ihn jene auch
nur Alexander, d. h. Männerhilf, nannten.

Nun geschah es eines Tages, als er mitten im abweg¬
samsten und schattigsten Thale, das sich durch die Schluch¬
ten des Berges Ida hinzog, zwischen Tannen und Stein¬
eichen, ferne von seinen Heerden, die den Zugang zu dieser
Einsamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit ver¬
schränkten Armen hinabschaute durch den Bergriß, der eine
Durchsicht auf die Palläste Troja's und das ferne Meer
gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde
um ihn her beben machte. Eh er sich besinnen konnte,
stand, halb von seinen Flügeln, halb von den Füßen getra¬
gen, Merkur der Götterbote, den goldnen Heroldsstab in
den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkün¬
diger einer neuen Göttererscheinung: denn drei himmlische
Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen
über das weiche, nie gemähete und nie abgeweidete Gras
einhergeschritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling
überlief und seine Stirnhaare sich aufrichteten. Doch der
geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: "Lege alle Furcht ab;
die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter:
dich haben sie gewählt zu entscheiden, welche von ihnen
Dreien die schönste sey. Jupiter befiehlt dir, dich diesem
Richteramte zu unterziehen: er wird dir seinen Schirm und
Beistand nicht versagen!" So sprach Merkur und erhob

Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit ſich,
erzog es auf ſeinem Aeckerchen wie ſein eigenes Kind und
nannte den Knaben Paris.

Als der Königsſohn unter den Hirten zum Jünglinge
herangewachſen war, zeichnete er ſich durch Körperkraft
und Schönheit aus, und wurde ein Schutz aller Hirten
des Berges Ida gegen die Räuber, daher ihn jene auch
nur Alexander, d. h. Männerhilf, nannten.

Nun geſchah es eines Tages, als er mitten im abweg¬
ſamſten und ſchattigſten Thale, das ſich durch die Schluch¬
ten des Berges Ida hinzog, zwiſchen Tannen und Stein¬
eichen, ferne von ſeinen Heerden, die den Zugang zu dieſer
Einſamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit ver¬
ſchränkten Armen hinabſchaute durch den Bergriß, der eine
Durchſicht auf die Palläſte Troja's und das ferne Meer
gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde
um ihn her beben machte. Eh er ſich beſinnen konnte,
ſtand, halb von ſeinen Flügeln, halb von den Füßen getra¬
gen, Merkur der Götterbote, den goldnen Heroldsſtab in
den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkün¬
diger einer neuen Göttererſcheinung: denn drei himmliſche
Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen
über das weiche, nie gemähete und nie abgeweidete Gras
einhergeſchritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling
überlief und ſeine Stirnhaare ſich aufrichteten. Doch der
geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: „Lege alle Furcht ab;
die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter:
dich haben ſie gewählt zu entſcheiden, welche von ihnen
Dreien die ſchönſte ſey. Jupiter befiehlt dir, dich dieſem
Richteramte zu unterziehen: er wird dir ſeinen Schirm und
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[8/0030] Walde liegen. Jetzt hob er es auf, nahm es mit ſich, erzog es auf ſeinem Aeckerchen wie ſein eigenes Kind und nannte den Knaben Paris. Als der Königsſohn unter den Hirten zum Jünglinge herangewachſen war, zeichnete er ſich durch Körperkraft und Schönheit aus, und wurde ein Schutz aller Hirten des Berges Ida gegen die Räuber, daher ihn jene auch nur Alexander, d. h. Männerhilf, nannten. Nun geſchah es eines Tages, als er mitten im abweg¬ ſamſten und ſchattigſten Thale, das ſich durch die Schluch¬ ten des Berges Ida hinzog, zwiſchen Tannen und Stein¬ eichen, ferne von ſeinen Heerden, die den Zugang zu dieſer Einſamkeit nicht fanden, an einen Baum gelehnt mit ver¬ ſchränkten Armen hinabſchaute durch den Bergriß, der eine Durchſicht auf die Palläſte Troja's und das ferne Meer gewährte, daß er einen Götterfußtritt vernahm, der die Erde um ihn her beben machte. Eh er ſich beſinnen konnte, ſtand, halb von ſeinen Flügeln, halb von den Füßen getra¬ gen, Merkur der Götterbote, den goldnen Heroldsſtab in den Händen, vor ihm; doch war auch er nur der Verkün¬ diger einer neuen Göttererſcheinung: denn drei himmliſche Frauen, Göttinnen des Olymp, kamen mit leichten Füßen über das weiche, nie gemähete und nie abgeweidete Gras einhergeſchritten, daß ein heiliger Schauer den Jüngling überlief und ſeine Stirnhaare ſich aufrichteten. Doch der geflügelte Götterbote rief ihm entgegen: „Lege alle Furcht ab; die Göttinnen kommen zu dir als zu ihrem Schiedsrichter: dich haben ſie gewählt zu entſcheiden, welche von ihnen Dreien die ſchönſte ſey. Jupiter befiehlt dir, dich dieſem Richteramte zu unterziehen: er wird dir ſeinen Schirm und Beiſtand nicht verſagen!“ So ſprach Merkur und erhob

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 2. Stuttgart, 1839, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen02_1839/30>, abgerufen am 11.05.2021.