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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

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waren ihre Speise, ihr Bett der harte, nicht einmal immer
mit Gras bedeckte Boden, ihr Trank schlammige Pfützen.
Io vergaß oft, daß sie kein Mensch mehr war, sie wollte
Mitleiden erflehend ihre Arme zu Argus erheben: da ward
sie erst daran erinnert, daß sie keine Arme mehr hatte. Sie
wollte ihm in Worten rührende Bitten vortragen : dann ent¬
fuhr ihrem Munde ein Brüllen, daß sie vor ihrer eigenen
Stimme erschrack, welche sie daran mahnte, wie sie durch
ihres Räubers Selbstsucht in ein Vieh verwandelt wor¬
den sey. Doch blieb Argus mit ihr nicht an Einer Stelle,
denn so hatte es ihn Juno geheißen, die durch Verände¬
rung ihres Aufenthalts sie dem Gemahl um so gewisser
zu entziehen hoffte. Daher zog ihr Wächter mit ihr im
Lande herum, und so kam sie auch mit ihm in ihre alte
Heimath, an das Gestade des Flusses, wo sie so oft als
Kind zu spielen gepflegt hatte. Da sah sie zum ersten¬
mal ihr Bild in der Fluth; als das Thierhaupt mit
Hörnern ihr aus dem Wasser entgegenblickte, schauderte
sie zurück und floh bestürzt vor sich selbst. Ein sehnsüch¬
tiger Trieb führte sie in die Nähe ihrer Schwestern, in
die Nähe ihres Vaters Inachus; aber diese erkannten sie
nicht; Inachus streichelte wohl das schöne Thier, und
reichte ihm Blätter, die er von dem nächsten Strauche
pflückte; Io beleckte dankbar seine Hand, und benetzte sie
mit Küssen und heimlichen menschlichen Thränen. Aber
wen er liebkoste, und von wem er geliebkost wurde, das
ahnete der Greis nicht. Endlich kam der Armen, deren
Geist unter der Verwandlung nicht gelitten hatte, ein
glücklicher Gedanke. Sie fing an, Schriftzeichen mit dem
Fuße zu ziehen, und erregte durch diese Bewegung die Auf¬
merksamkeit des Vaters, der bald im Staube die Kunde

waren ihre Speiſe, ihr Bett der harte, nicht einmal immer
mit Gras bedeckte Boden, ihr Trank ſchlammige Pfützen.
Io vergaß oft, daß ſie kein Menſch mehr war, ſie wollte
Mitleiden erflehend ihre Arme zu Argus erheben: da ward
ſie erſt daran erinnert, daß ſie keine Arme mehr hatte. Sie
wollte ihm in Worten rührende Bitten vortragen : dann ent¬
fuhr ihrem Munde ein Brüllen, daß ſie vor ihrer eigenen
Stimme erſchrack, welche ſie daran mahnte, wie ſie durch
ihres Räubers Selbſtſucht in ein Vieh verwandelt wor¬
den ſey. Doch blieb Argus mit ihr nicht an Einer Stelle,
denn ſo hatte es ihn Juno geheißen, die durch Verände¬
rung ihres Aufenthalts ſie dem Gemahl um ſo gewiſſer
zu entziehen hoffte. Daher zog ihr Wächter mit ihr im
Lande herum, und ſo kam ſie auch mit ihm in ihre alte
Heimath, an das Geſtade des Fluſſes, wo ſie ſo oft als
Kind zu ſpielen gepflegt hatte. Da ſah ſie zum erſten¬
mal ihr Bild in der Fluth; als das Thierhaupt mit
Hörnern ihr aus dem Waſſer entgegenblickte, ſchauderte
ſie zurück und floh beſtürzt vor ſich ſelbſt. Ein ſehnſüch¬
tiger Trieb führte ſie in die Nähe ihrer Schweſtern, in
die Nähe ihres Vaters Inachus; aber dieſe erkannten ſie
nicht; Inachus ſtreichelte wohl das ſchöne Thier, und
reichte ihm Blätter, die er von dem nächſten Strauche
pflückte; Io beleckte dankbar ſeine Hand, und benetzte ſie
mit Küſſen und heimlichen menſchlichen Thränen. Aber
wen er liebkoſte, und von wem er geliebkost wurde, das
ahnete der Greis nicht. Endlich kam der Armen, deren
Geiſt unter der Verwandlung nicht gelitten hatte, ein
glücklicher Gedanke. Sie fing an, Schriftzeichen mit dem
Fuße zu ziehen, und erregte durch dieſe Bewegung die Auf¬
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[23/0049] waren ihre Speiſe, ihr Bett der harte, nicht einmal immer mit Gras bedeckte Boden, ihr Trank ſchlammige Pfützen. Io vergaß oft, daß ſie kein Menſch mehr war, ſie wollte Mitleiden erflehend ihre Arme zu Argus erheben: da ward ſie erſt daran erinnert, daß ſie keine Arme mehr hatte. Sie wollte ihm in Worten rührende Bitten vortragen : dann ent¬ fuhr ihrem Munde ein Brüllen, daß ſie vor ihrer eigenen Stimme erſchrack, welche ſie daran mahnte, wie ſie durch ihres Räubers Selbſtſucht in ein Vieh verwandelt wor¬ den ſey. Doch blieb Argus mit ihr nicht an Einer Stelle, denn ſo hatte es ihn Juno geheißen, die durch Verände¬ rung ihres Aufenthalts ſie dem Gemahl um ſo gewiſſer zu entziehen hoffte. Daher zog ihr Wächter mit ihr im Lande herum, und ſo kam ſie auch mit ihm in ihre alte Heimath, an das Geſtade des Fluſſes, wo ſie ſo oft als Kind zu ſpielen gepflegt hatte. Da ſah ſie zum erſten¬ mal ihr Bild in der Fluth; als das Thierhaupt mit Hörnern ihr aus dem Waſſer entgegenblickte, ſchauderte ſie zurück und floh beſtürzt vor ſich ſelbſt. Ein ſehnſüch¬ tiger Trieb führte ſie in die Nähe ihrer Schweſtern, in die Nähe ihres Vaters Inachus; aber dieſe erkannten ſie nicht; Inachus ſtreichelte wohl das ſchöne Thier, und reichte ihm Blätter, die er von dem nächſten Strauche pflückte; Io beleckte dankbar ſeine Hand, und benetzte ſie mit Küſſen und heimlichen menſchlichen Thränen. Aber wen er liebkoſte, und von wem er geliebkost wurde, das ahnete der Greis nicht. Endlich kam der Armen, deren Geiſt unter der Verwandlung nicht gelitten hatte, ein glücklicher Gedanke. Sie fing an, Schriftzeichen mit dem Fuße zu ziehen, und erregte durch dieſe Bewegung die Auf¬ merkſamkeit des Vaters, der bald im Staube die Kunde

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/49>, abgerufen am 21.04.2024.