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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

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Juno, die Göttermutter, war längst an die Treu¬
losigkeit ihres Gatten gewöhnt, der sich von ihrer Liebe
ab, und den Töchtern der Halbgötter und der Sterblichen
zuwandte; aber sie vermochte ihren Zorn und ihre Eifersucht
nicht zu bändigen, und mit immer wachem Mißtrauen be¬
obachtete sie alle Schritte Jupiters auf der Erde. So
schaute sie auch jetzt gerade auf die Gegenden hernieder,
wo ihr Gemahl ohne ihr Wissen wandelte. Zu ihrem
großen Erstaunen bemerkte sie plötzlich, wie der heitere
Tag auf Einer Stelle durch nächtlichen Nebel getrübt
wurde, und wie dieser weder einem Strome, noch dem
dunstigen Boden entsteige, noch sonst von einer natürlichen
Ursache herrühre. Da kam ihr schnell ein Gedanke an
die Untreue ihres Gatten; sie spähte rings durch den
Olymp und fand ihn nicht. "Entweder ich täusche mich,"
sprach sie ergrimmt zu sich selbst, "oder ich werde von
meinem Gatten schnöde gekränkt!" Und nun fuhr sie auf
einer Wolke vom hohen Aether zur Erde hernieder, und
gebot dem Nebel, der den Entführer mit seiner Beute
umschlossen hielt, zu weichen. Jupiter hatte die Ankunft
seiner Gemahlin geahnt und um seine Geliebte ihrer Rache
zu entziehen, verwandelte er die schöne Tochter des Ina¬
chus schnell in eine schmucke, schneeweiße Kuh. Aber auch
so war die holdselige Jungfrau noch schön geblieben.
Juno, welche die List ihres Gemahls alsbald durchschaut
hatte, pries das stattliche Thier, und fragte, als wüßte
sie nichts von der Wahrheit, wem die Kuh gehöre, von
wannen und welcherlei Zucht sie sey. Jupiter, in der
Noth und um sie von weitrer Nachfrage abzuschrecken, nahm
seine Zuflucht zu einer Lüge und gab vor, die Kuh ent¬
stamme der Erde. Juno gab sich damit zufrieden, aber

Juno, die Göttermutter, war längſt an die Treu¬
loſigkeit ihres Gatten gewöhnt, der ſich von ihrer Liebe
ab, und den Töchtern der Halbgötter und der Sterblichen
zuwandte; aber ſie vermochte ihren Zorn und ihre Eiferſucht
nicht zu bändigen, und mit immer wachem Mißtrauen be¬
obachtete ſie alle Schritte Jupiters auf der Erde. So
ſchaute ſie auch jetzt gerade auf die Gegenden hernieder,
wo ihr Gemahl ohne ihr Wiſſen wandelte. Zu ihrem
großen Erſtaunen bemerkte ſie plötzlich, wie der heitere
Tag auf Einer Stelle durch nächtlichen Nebel getrübt
wurde, und wie dieſer weder einem Strome, noch dem
dunſtigen Boden entſteige, noch ſonſt von einer natürlichen
Urſache herrühre. Da kam ihr ſchnell ein Gedanke an
die Untreue ihres Gatten; ſie ſpähte rings durch den
Olymp und fand ihn nicht. „Entweder ich täuſche mich,“
ſprach ſie ergrimmt zu ſich ſelbſt, „oder ich werde von
meinem Gatten ſchnöde gekränkt!“ Und nun fuhr ſie auf
einer Wolke vom hohen Aether zur Erde hernieder, und
gebot dem Nebel, der den Entführer mit ſeiner Beute
umſchloſſen hielt, zu weichen. Jupiter hatte die Ankunft
ſeiner Gemahlin geahnt und um ſeine Geliebte ihrer Rache
zu entziehen, verwandelte er die ſchöne Tochter des Ina¬
chus ſchnell in eine ſchmucke, ſchneeweiße Kuh. Aber auch
ſo war die holdſelige Jungfrau noch ſchön geblieben.
Juno, welche die Liſt ihres Gemahls alsbald durchſchaut
hatte, pries das ſtattliche Thier, und fragte, als wüßte
ſie nichts von der Wahrheit, wem die Kuh gehöre, von
wannen und welcherlei Zucht ſie ſey. Jupiter, in der
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[21/0047] Juno, die Göttermutter, war längſt an die Treu¬ loſigkeit ihres Gatten gewöhnt, der ſich von ihrer Liebe ab, und den Töchtern der Halbgötter und der Sterblichen zuwandte; aber ſie vermochte ihren Zorn und ihre Eiferſucht nicht zu bändigen, und mit immer wachem Mißtrauen be¬ obachtete ſie alle Schritte Jupiters auf der Erde. So ſchaute ſie auch jetzt gerade auf die Gegenden hernieder, wo ihr Gemahl ohne ihr Wiſſen wandelte. Zu ihrem großen Erſtaunen bemerkte ſie plötzlich, wie der heitere Tag auf Einer Stelle durch nächtlichen Nebel getrübt wurde, und wie dieſer weder einem Strome, noch dem dunſtigen Boden entſteige, noch ſonſt von einer natürlichen Urſache herrühre. Da kam ihr ſchnell ein Gedanke an die Untreue ihres Gatten; ſie ſpähte rings durch den Olymp und fand ihn nicht. „Entweder ich täuſche mich,“ ſprach ſie ergrimmt zu ſich ſelbſt, „oder ich werde von meinem Gatten ſchnöde gekränkt!“ Und nun fuhr ſie auf einer Wolke vom hohen Aether zur Erde hernieder, und gebot dem Nebel, der den Entführer mit ſeiner Beute umſchloſſen hielt, zu weichen. Jupiter hatte die Ankunft ſeiner Gemahlin geahnt und um ſeine Geliebte ihrer Rache zu entziehen, verwandelte er die ſchöne Tochter des Ina¬ chus ſchnell in eine ſchmucke, ſchneeweiße Kuh. Aber auch ſo war die holdſelige Jungfrau noch ſchön geblieben. Juno, welche die Liſt ihres Gemahls alsbald durchſchaut hatte, pries das ſtattliche Thier, und fragte, als wüßte ſie nichts von der Wahrheit, wem die Kuh gehöre, von wannen und welcherlei Zucht ſie ſey. Jupiter, in der Noth und um ſie von weitrer Nachfrage abzuſchrecken, nahm ſeine Zuflucht zu einer Lüge und gab vor, die Kuh ent¬ ſtamme der Erde. Juno gab ſich damit zufrieden, aber

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/47>, abgerufen am 17.04.2024.