Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

und Seherweisheit ausbrach. "Sieh nur, Gemahl," rief
sie, "wie wenig die Seher wissen; sieh es an einem Bei¬
spiel! Mein erster Gatte Laius hatte auch einst ein Orakel
erhalten, daß er durch Sohneshand sterben werde. Nun
erschlug aber jenen eine Räuberschaar am Kreuzweg, und
unser einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden,
in's öde Gebirge geworfen und nicht über drei Tage alt.
So erfüllen sich die Sprüche der Seher!" Diese Worte,
die die Königin mit Hohnlachen sprach, machten auf
Oedipus einen ganz andern Eindruck, als sie erwartet
hatte. "Am Kreuzweg," fragte er in höchster Gemüths¬
angst, "ist Laius gefallen? O sprich, wie war seine Ge¬
stalt, sein Alter?" -- "Er war groß," antwortete Jokaste,
ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, "die ersten
Greisenlocken schmückten sein Haupt; er war dir selbst,
mein Gemahl, von Gestalt und Ansehen gar nicht unähn¬
lich." -- "Tiresias ist nicht blind, Tiresias ist sehend!"
rief entsetzenvoll Oedipus, dem die Nacht seines Geistes
auf einmal, wie durch einen Blitzstrahl, erleuchtet ward.
Doch trieb ihn das Gräßliche selber, weiter danach zu
forschen, als müßten auf seine Fragen Antworten kom¬
men, welche die schreckliche Entdeckung auf einmal als
Irrthum darstellten. Aber alle Umstände trafen zusam¬
men, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener
den ganzen Mord gemeldet habe. Dieser Knecht aber
habe, sowie er den Oedipus auf dem Throne sah, flehent¬
lich gebeten, ihn soweit als möglich von der Stadt weg
auf die Waiden des Königes zu schicken. Oedipus be¬
gehrte ihn zu sehen und der Sklave wurde vom Lande
hereinbeschieden. Ehe er jedoch noch ankam, erschien
ein Bote aus Korinth, meldete dem Oedipus den Tod

und Seherweisheit ausbrach. „Sieh nur, Gemahl,“ rief
ſie, „wie wenig die Seher wiſſen; ſieh es an einem Bei¬
ſpiel! Mein erſter Gatte Laïus hatte auch einſt ein Orakel
erhalten, daß er durch Sohneshand ſterben werde. Nun
erſchlug aber jenen eine Räuberſchaar am Kreuzweg, und
unſer einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden,
in's öde Gebirge geworfen und nicht über drei Tage alt.
So erfüllen ſich die Sprüche der Seher!“ Dieſe Worte,
die die Königin mit Hohnlachen ſprach, machten auf
Oedipus einen ganz andern Eindruck, als ſie erwartet
hatte. „Am Kreuzweg,“ fragte er in höchſter Gemüths¬
angſt, „iſt Laïus gefallen? O ſprich, wie war ſeine Ge¬
ſtalt, ſein Alter?“ — „Er war groß,“ antwortete Jokaſte,
ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, „die erſten
Greiſenlocken ſchmückten ſein Haupt; er war dir ſelbſt,
mein Gemahl, von Geſtalt und Anſehen gar nicht unähn¬
lich.“ — „Tireſias iſt nicht blind, Tireſias iſt ſehend!“
rief entſetzenvoll Oedipus, dem die Nacht ſeines Geiſtes
auf einmal, wie durch einen Blitzſtrahl, erleuchtet ward.
Doch trieb ihn das Gräßliche ſelber, weiter danach zu
forſchen, als müßten auf ſeine Fragen Antworten kom¬
men, welche die ſchreckliche Entdeckung auf einmal als
Irrthum darſtellten. Aber alle Umſtände trafen zuſam¬
men, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener
den ganzen Mord gemeldet habe. Dieſer Knecht aber
habe, ſowie er den Oedipus auf dem Throne ſah, flehent¬
lich gebeten, ihn ſoweit als möglich von der Stadt weg
auf die Waiden des Königes zu ſchicken. Oedipus be¬
gehrte ihn zu ſehen und der Sklave wurde vom Lande
hereinbeſchieden. Ehe er jedoch noch ankam, erſchien
ein Bote aus Korinth, meldete dem Oedipus den Tod

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0348" n="322"/>
und Seherweisheit ausbrach. &#x201E;Sieh nur, Gemahl,&#x201C; rief<lb/>
&#x017F;ie, &#x201E;wie wenig die Seher wi&#x017F;&#x017F;en; &#x017F;ieh es an einem Bei¬<lb/>
&#x017F;piel! Mein er&#x017F;ter Gatte La<hi rendition="#aq">ï</hi>us hatte auch ein&#x017F;t ein Orakel<lb/>
erhalten, daß er durch Sohneshand &#x017F;terben werde. Nun<lb/>
er&#x017F;chlug aber jenen eine Räuber&#x017F;chaar am Kreuzweg, und<lb/>
un&#x017F;er einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden,<lb/>
in's öde Gebirge geworfen und nicht über drei Tage alt.<lb/>
So erfüllen &#x017F;ich die Sprüche der Seher!&#x201C; Die&#x017F;e Worte,<lb/>
die die Königin mit Hohnlachen &#x017F;prach, machten auf<lb/>
Oedipus einen ganz andern Eindruck, als &#x017F;ie erwartet<lb/>
hatte. &#x201E;Am Kreuzweg,&#x201C; fragte er in höch&#x017F;ter Gemüths¬<lb/>
ang&#x017F;t, &#x201E;i&#x017F;t La<hi rendition="#aq">ï</hi>us gefallen? O &#x017F;prich, wie war &#x017F;eine Ge¬<lb/>
&#x017F;talt, &#x017F;ein Alter?&#x201C; &#x2014; &#x201E;Er war groß,&#x201C; antwortete Joka&#x017F;te,<lb/>
ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, &#x201E;die er&#x017F;ten<lb/>
Grei&#x017F;enlocken &#x017F;chmückten &#x017F;ein Haupt; er war dir &#x017F;elb&#x017F;t,<lb/>
mein Gemahl, von Ge&#x017F;talt und An&#x017F;ehen gar nicht unähn¬<lb/>
lich.&#x201C; &#x2014; &#x201E;Tire&#x017F;ias i&#x017F;t nicht blind, Tire&#x017F;ias i&#x017F;t &#x017F;ehend!&#x201C;<lb/>
rief ent&#x017F;etzenvoll Oedipus, dem die Nacht &#x017F;eines Gei&#x017F;tes<lb/>
auf einmal, wie durch einen Blitz&#x017F;trahl, erleuchtet ward.<lb/>
Doch trieb ihn das Gräßliche &#x017F;elber, weiter danach zu<lb/>
for&#x017F;chen, als müßten auf &#x017F;eine Fragen Antworten kom¬<lb/>
men, welche die &#x017F;chreckliche Entdeckung auf einmal als<lb/>
Irrthum dar&#x017F;tellten. Aber alle Um&#x017F;tände trafen zu&#x017F;am¬<lb/>
men, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener<lb/>
den ganzen Mord gemeldet habe. Die&#x017F;er Knecht aber<lb/>
habe, &#x017F;owie er den Oedipus auf dem Throne &#x017F;ah, flehent¬<lb/>
lich gebeten, ihn &#x017F;oweit als möglich von der Stadt weg<lb/>
auf die Waiden des Königes zu &#x017F;chicken. Oedipus be¬<lb/>
gehrte ihn zu &#x017F;ehen und der Sklave wurde vom Lande<lb/>
hereinbe&#x017F;chieden. Ehe er jedoch noch ankam, er&#x017F;chien<lb/>
ein Bote aus Korinth, meldete dem Oedipus den Tod<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[322/0348] und Seherweisheit ausbrach. „Sieh nur, Gemahl,“ rief ſie, „wie wenig die Seher wiſſen; ſieh es an einem Bei¬ ſpiel! Mein erſter Gatte Laïus hatte auch einſt ein Orakel erhalten, daß er durch Sohneshand ſterben werde. Nun erſchlug aber jenen eine Räuberſchaar am Kreuzweg, und unſer einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden, in's öde Gebirge geworfen und nicht über drei Tage alt. So erfüllen ſich die Sprüche der Seher!“ Dieſe Worte, die die Königin mit Hohnlachen ſprach, machten auf Oedipus einen ganz andern Eindruck, als ſie erwartet hatte. „Am Kreuzweg,“ fragte er in höchſter Gemüths¬ angſt, „iſt Laïus gefallen? O ſprich, wie war ſeine Ge¬ ſtalt, ſein Alter?“ — „Er war groß,“ antwortete Jokaſte, ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, „die erſten Greiſenlocken ſchmückten ſein Haupt; er war dir ſelbſt, mein Gemahl, von Geſtalt und Anſehen gar nicht unähn¬ lich.“ — „Tireſias iſt nicht blind, Tireſias iſt ſehend!“ rief entſetzenvoll Oedipus, dem die Nacht ſeines Geiſtes auf einmal, wie durch einen Blitzſtrahl, erleuchtet ward. Doch trieb ihn das Gräßliche ſelber, weiter danach zu forſchen, als müßten auf ſeine Fragen Antworten kom¬ men, welche die ſchreckliche Entdeckung auf einmal als Irrthum darſtellten. Aber alle Umſtände trafen zuſam¬ men, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener den ganzen Mord gemeldet habe. Dieſer Knecht aber habe, ſowie er den Oedipus auf dem Throne ſah, flehent¬ lich gebeten, ihn ſoweit als möglich von der Stadt weg auf die Waiden des Königes zu ſchicken. Oedipus be¬ gehrte ihn zu ſehen und der Sklave wurde vom Lande hereinbeſchieden. Ehe er jedoch noch ankam, erſchien ein Bote aus Korinth, meldete dem Oedipus den Tod

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/348
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 322. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/348>, abgerufen am 13.06.2024.