Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

nicht gelöst hatte, ergriffen und gefressen worden war.
Diese Noth bewog den Fürsten Kreon, öffentlich bekannt
zu machen, daß demjenigen, der die Stadt von der Wür¬
gerin befreien würde, das Reich, und seine Schwester
Jokaste als Gemahlin zu Theil werden sollte. Eben als
jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat
Oedipus an seinem Wanderstabe die Stadt Thebe. Die
Gefahr, wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Le¬
ben, wegen der drohenden Weissagung, die über ihm
schwebte, nicht hoch anschlug. Er begab sich daher nach
dem Felsen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen
hatte, und ließ sich von ihr ein Räthsel vorlegen. Das
Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht un¬
auflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautetete also:
"Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am
Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allem
mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten
Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder
ihm am geringsten." Oedipus lächelte, als er das Räthsel
vernahm, das ihm selbst gar nicht schwierig erschien.
"Dein Räthsel ist der Mensch," sagte er, "der am Morgen
seines Lebens, so lang er ein schwaches und kraftloses Kind
ist, auf seinen zween Füßen und seinen zwo Händen geht;
ist er erstarkt, so geht er am Mittage seines Lebens nur auf
den zween Füßen; ist er endlich am Lebensabend als ein
Greis angekommen, und der Stütze bedürftig geworden, so
nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hülfe." Das
Räthsel war glücklich gelöst, und aus Schaam und Ver¬
zweiflung stürzte sich die Sphinx selbst vom Felsen und
zu Tode. Oedipus trug zum Lohne das Königreich von
Theben und die Hand der Wittwe, welche seine eigene

nicht gelöst hatte, ergriffen und gefreſſen worden war.
Dieſe Noth bewog den Fürſten Kreon, öffentlich bekannt
zu machen, daß demjenigen, der die Stadt von der Wür¬
gerin befreien würde, das Reich, und ſeine Schweſter
Jokaſte als Gemahlin zu Theil werden ſollte. Eben als
jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat
Oedipus an ſeinem Wanderſtabe die Stadt Thebe. Die
Gefahr, wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Le¬
ben, wegen der drohenden Weiſſagung, die über ihm
ſchwebte, nicht hoch anſchlug. Er begab ſich daher nach
dem Felſen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen
hatte, und ließ ſich von ihr ein Räthſel vorlegen. Das
Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht un¬
auflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautetete alſo:
„Es iſt am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am
Abend dreifüßig. Von allen Geſchöpfen wechſelt es allem
mit der Zahl ſeiner Füße; aber eben wenn es die meiſten
Füße bewegt, ſind Kraft und Schnelligkeit ſeiner Glieder
ihm am geringſten.“ Oedipus lächelte, als er das Räthſel
vernahm, das ihm ſelbſt gar nicht ſchwierig erſchien.
„Dein Räthſel iſt der Menſch,“ ſagte er, „der am Morgen
ſeines Lebens, ſo lang er ein ſchwaches und kraftloſes Kind
iſt, auf ſeinen zween Füßen und ſeinen zwo Händen geht;
iſt er erſtarkt, ſo geht er am Mittage ſeines Lebens nur auf
den zween Füßen; iſt er endlich am Lebensabend als ein
Greis angekommen, und der Stütze bedürftig geworden, ſo
nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hülfe.“ Das
Räthſel war glücklich gelöſt, und aus Schaam und Ver¬
zweiflung ſtürzte ſich die Sphinx ſelbſt vom Felſen und
zu Tode. Oedipus trug zum Lohne das Königreich von
Theben und die Hand der Wittwe, welche ſeine eigene

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0343" n="317"/>
nicht gelöst hatte, ergriffen und gefre&#x017F;&#x017F;en worden war.<lb/>
Die&#x017F;e Noth bewog den Für&#x017F;ten Kreon, öffentlich bekannt<lb/>
zu machen, daß demjenigen, der die Stadt von der Wür¬<lb/>
gerin befreien würde, das Reich, und &#x017F;eine Schwe&#x017F;ter<lb/>
Joka&#x017F;te als Gemahlin zu Theil werden &#x017F;ollte. Eben als<lb/>
jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat<lb/>
Oedipus an &#x017F;einem Wander&#x017F;tabe die Stadt Thebe. Die<lb/>
Gefahr, wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Le¬<lb/>
ben, wegen der drohenden Wei&#x017F;&#x017F;agung, die über ihm<lb/>
&#x017F;chwebte, nicht hoch an&#x017F;chlug. Er begab &#x017F;ich daher nach<lb/>
dem Fel&#x017F;en, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen<lb/>
hatte, und ließ &#x017F;ich von ihr ein Räth&#x017F;el vorlegen. Das<lb/>
Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht un¬<lb/>
auflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautetete al&#x017F;o:<lb/>
&#x201E;Es i&#x017F;t am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am<lb/>
Abend dreifüßig. Von allen Ge&#x017F;chöpfen wech&#x017F;elt es allem<lb/>
mit der Zahl &#x017F;einer Füße; aber eben wenn es die mei&#x017F;ten<lb/>
Füße bewegt, &#x017F;ind Kraft und Schnelligkeit &#x017F;einer Glieder<lb/>
ihm am gering&#x017F;ten.&#x201C; Oedipus lächelte, als er das Räth&#x017F;el<lb/>
vernahm, das ihm &#x017F;elb&#x017F;t gar nicht &#x017F;chwierig er&#x017F;chien.<lb/>
&#x201E;Dein Räth&#x017F;el i&#x017F;t der Men&#x017F;ch,&#x201C; &#x017F;agte er, &#x201E;der am Morgen<lb/>
&#x017F;eines Lebens, &#x017F;o lang er ein &#x017F;chwaches und kraftlo&#x017F;es Kind<lb/>
i&#x017F;t, auf &#x017F;einen zween Füßen und &#x017F;einen zwo Händen geht;<lb/>
i&#x017F;t er er&#x017F;tarkt, &#x017F;o geht er am Mittage &#x017F;eines Lebens nur auf<lb/>
den zween Füßen; i&#x017F;t er endlich am Lebensabend als ein<lb/>
Greis angekommen, und der Stütze bedürftig geworden, &#x017F;o<lb/>
nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hülfe.&#x201C; Das<lb/>
Räth&#x017F;el war glücklich gelö&#x017F;t, und aus Schaam und Ver¬<lb/>
zweiflung &#x017F;türzte &#x017F;ich die Sphinx &#x017F;elb&#x017F;t vom Fel&#x017F;en und<lb/>
zu Tode. Oedipus trug zum Lohne das Königreich von<lb/>
Theben und die Hand der Wittwe, welche &#x017F;eine eigene<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[317/0343] nicht gelöst hatte, ergriffen und gefreſſen worden war. Dieſe Noth bewog den Fürſten Kreon, öffentlich bekannt zu machen, daß demjenigen, der die Stadt von der Wür¬ gerin befreien würde, das Reich, und ſeine Schweſter Jokaſte als Gemahlin zu Theil werden ſollte. Eben als jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde, betrat Oedipus an ſeinem Wanderſtabe die Stadt Thebe. Die Gefahr, wie ihr Preis reizten ihn, zumal da er das Le¬ ben, wegen der drohenden Weiſſagung, die über ihm ſchwebte, nicht hoch anſchlug. Er begab ſich daher nach dem Felſen, auf dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ ſich von ihr ein Räthſel vorlegen. Das Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht un¬ auflösliches aufzugeben, und ihr Spruch lautetete alſo: „Es iſt am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geſchöpfen wechſelt es allem mit der Zahl ſeiner Füße; aber eben wenn es die meiſten Füße bewegt, ſind Kraft und Schnelligkeit ſeiner Glieder ihm am geringſten.“ Oedipus lächelte, als er das Räthſel vernahm, das ihm ſelbſt gar nicht ſchwierig erſchien. „Dein Räthſel iſt der Menſch,“ ſagte er, „der am Morgen ſeines Lebens, ſo lang er ein ſchwaches und kraftloſes Kind iſt, auf ſeinen zween Füßen und ſeinen zwo Händen geht; iſt er erſtarkt, ſo geht er am Mittage ſeines Lebens nur auf den zween Füßen; iſt er endlich am Lebensabend als ein Greis angekommen, und der Stütze bedürftig geworden, ſo nimmt er den Stab als dritten Fuß zu Hülfe.“ Das Räthſel war glücklich gelöſt, und aus Schaam und Ver¬ zweiflung ſtürzte ſich die Sphinx ſelbſt vom Felſen und zu Tode. Oedipus trug zum Lohne das Königreich von Theben und die Hand der Wittwe, welche ſeine eigene

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/343
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 317. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/343>, abgerufen am 13.06.2024.