Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

einander gedrückt und die bloßen Knochen gewahrte,
stellte er sich an, als entdeckte er jetzt eben erst den Be¬
trug und zornig sprach er: "Ich sehe wohl, Freund Ja¬
petionide, daß du die Kunst des Truges noch nicht ver¬
lernt hast!"

Jupiter beschloß sich an Prometheus für seinen Betrug
zu rächen, und versagte den Sterblichen die letzte Gabe, die
sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das Feuer. Doch
auch dafür wußte der schlaue Sohn des Japetus Rath. Er
nahm den langen Stängel des markigen Riesenfenchels,
näherte sich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwa¬
gen, und setzte so den Stängel in glostenden Brand.
Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde,
und bald loderte der erste Holzstoß gen Himmel. In
innerster Seele schmerzte es den Donnerer, als er den
fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Men¬
schen emporsteigen sah. Sofort formte er, zum Ersatz
für des Feuers Gebrauch, das den Sterblichen nicht
mehr zu nehmen war, ein neues Uebel für sie. Der sei¬
ner Kunst wegen berühmte Feuergott Vulkanus mußte
ihm das Scheinbild einer schönen Jungfrau fertigen;
Minerva selbst, die, auf Prometheus eifersüchtig, ihm ab¬
hold geworden war, warf dem Bild ein weißes, schim¬
merndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das
Gesicht wallen, den das Mädchen mit den Händen ge¬
theilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit frischen Blumen
und umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleich¬
falls Vulkanus seinem Vater zu lieb kunstreich verfertigt
und mit bunten Thiergestalten herrlich verziert hatte.
Merkurius der Götterbote mußte dem holden Gebilde
Sprache verleihen, und Venus allen Liebreiz. Also hatte

einander gedrückt und die bloßen Knochen gewahrte,
ſtellte er ſich an, als entdeckte er jetzt eben erſt den Be¬
trug und zornig ſprach er: „Ich ſehe wohl, Freund Ja¬
petionide, daß du die Kunſt des Truges noch nicht ver¬
lernt haſt!“

Jupiter beſchloß ſich an Prometheus für ſeinen Betrug
zu rächen, und verſagte den Sterblichen die letzte Gabe, die
ſie zur vollendeteren Geſittung bedurften, das Feuer. Doch
auch dafür wußte der ſchlaue Sohn des Japetus Rath. Er
nahm den langen Stängel des markigen Rieſenfenchels,
näherte ſich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwa¬
gen, und ſetzte ſo den Stängel in gloſtenden Brand.
Mit dieſem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde,
und bald loderte der erſte Holzſtoß gen Himmel. In
innerſter Seele ſchmerzte es den Donnerer, als er den
fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Men¬
ſchen emporſteigen ſah. Sofort formte er, zum Erſatz
für des Feuers Gebrauch, das den Sterblichen nicht
mehr zu nehmen war, ein neues Uebel für ſie. Der ſei¬
ner Kunſt wegen berühmte Feuergott Vulkanus mußte
ihm das Scheinbild einer ſchönen Jungfrau fertigen;
Minerva ſelbſt, die, auf Prometheus eiferſüchtig, ihm ab¬
hold geworden war, warf dem Bild ein weißes, ſchim¬
merndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das
Geſicht wallen, den das Mädchen mit den Händen ge¬
theilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit friſchen Blumen
und umſchlang es mit einer goldenen Binde, die gleich¬
falls Vulkanus ſeinem Vater zu lieb kunſtreich verfertigt
und mit bunten Thiergeſtalten herrlich verziert hatte.
Merkurius der Götterbote mußte dem holden Gebilde
Sprache verleihen, und Venus allen Liebreiz. Alſo hatte

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0032" n="6"/>
einander gedrückt und die bloßen Knochen gewahrte,<lb/>
&#x017F;tellte er &#x017F;ich an, als entdeckte er jetzt eben er&#x017F;t den Be¬<lb/>
trug und zornig &#x017F;prach er: &#x201E;Ich &#x017F;ehe wohl, Freund Ja¬<lb/>
petionide, daß du die Kun&#x017F;t des Truges noch nicht ver¬<lb/>
lernt ha&#x017F;t!&#x201C;</p><lb/>
          <p>Jupiter be&#x017F;chloß &#x017F;ich an Prometheus für &#x017F;einen Betrug<lb/>
zu rächen, und ver&#x017F;agte den Sterblichen die letzte Gabe, die<lb/>
&#x017F;ie zur vollendeteren Ge&#x017F;ittung bedurften, das <hi rendition="#g">Feuer</hi>. Doch<lb/>
auch dafür wußte der &#x017F;chlaue Sohn des Japetus Rath. Er<lb/>
nahm den langen Stängel des markigen Rie&#x017F;enfenchels,<lb/>
näherte &#x017F;ich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwa¬<lb/>
gen, und &#x017F;etzte &#x017F;o den Stängel in glo&#x017F;tenden Brand.<lb/>
Mit die&#x017F;em Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde,<lb/>
und bald loderte der er&#x017F;te Holz&#x017F;toß gen Himmel. In<lb/>
inner&#x017F;ter Seele &#x017F;chmerzte es den Donnerer, als er den<lb/>
fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Men¬<lb/>
&#x017F;chen empor&#x017F;teigen &#x017F;ah. Sofort formte er, zum Er&#x017F;atz<lb/>
für des Feuers Gebrauch, das den Sterblichen nicht<lb/>
mehr zu nehmen war, ein neues Uebel für &#x017F;ie. Der &#x017F;ei¬<lb/>
ner Kun&#x017F;t wegen berühmte Feuergott Vulkanus mußte<lb/>
ihm das Scheinbild einer &#x017F;chönen Jungfrau fertigen;<lb/>
Minerva &#x017F;elb&#x017F;t, die, auf Prometheus eifer&#x017F;üchtig, ihm ab¬<lb/>
hold geworden war, warf dem Bild ein weißes, &#x017F;chim¬<lb/>
merndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das<lb/>
Ge&#x017F;icht wallen, den das Mädchen mit den Händen ge¬<lb/>
theilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit fri&#x017F;chen Blumen<lb/>
und um&#x017F;chlang es mit einer goldenen Binde, die gleich¬<lb/>
falls Vulkanus &#x017F;einem Vater zu lieb kun&#x017F;treich verfertigt<lb/>
und mit bunten Thierge&#x017F;talten herrlich verziert hatte.<lb/>
Merkurius der Götterbote mußte dem holden Gebilde<lb/>
Sprache verleihen, und Venus allen Liebreiz. Al&#x017F;o hatte<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[6/0032] einander gedrückt und die bloßen Knochen gewahrte, ſtellte er ſich an, als entdeckte er jetzt eben erſt den Be¬ trug und zornig ſprach er: „Ich ſehe wohl, Freund Ja¬ petionide, daß du die Kunſt des Truges noch nicht ver¬ lernt haſt!“ Jupiter beſchloß ſich an Prometheus für ſeinen Betrug zu rächen, und verſagte den Sterblichen die letzte Gabe, die ſie zur vollendeteren Geſittung bedurften, das Feuer. Doch auch dafür wußte der ſchlaue Sohn des Japetus Rath. Er nahm den langen Stängel des markigen Rieſenfenchels, näherte ſich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwa¬ gen, und ſetzte ſo den Stängel in gloſtenden Brand. Mit dieſem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erſte Holzſtoß gen Himmel. In innerſter Seele ſchmerzte es den Donnerer, als er den fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Men¬ ſchen emporſteigen ſah. Sofort formte er, zum Erſatz für des Feuers Gebrauch, das den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein neues Uebel für ſie. Der ſei¬ ner Kunſt wegen berühmte Feuergott Vulkanus mußte ihm das Scheinbild einer ſchönen Jungfrau fertigen; Minerva ſelbſt, die, auf Prometheus eiferſüchtig, ihm ab¬ hold geworden war, warf dem Bild ein weißes, ſchim¬ merndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das Geſicht wallen, den das Mädchen mit den Händen ge¬ theilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit friſchen Blumen und umſchlang es mit einer goldenen Binde, die gleich¬ falls Vulkanus ſeinem Vater zu lieb kunſtreich verfertigt und mit bunten Thiergeſtalten herrlich verziert hatte. Merkurius der Götterbote mußte dem holden Gebilde Sprache verleihen, und Venus allen Liebreiz. Alſo hatte

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/32
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/32>, abgerufen am 16.04.2024.