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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

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das alte Göttergeschlecht, von welchem auch Prometheus
abstammte, gestürzt hatte.

Jetzt wurden die neuen Götter aufmerksam auf das
ebenentstandene Menschenvolk. Sie verlangten Verehrung
von ihm für den Schutz, welchen sie demselben angedei¬
hen zu lassen bereitwillig waren. Zu Mekone in Grie¬
chenland ward ein Tag gehalten zwischen Sterblichen
und Unsterblichen, und Rechte und Pflichten der Men¬
schen bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Pro¬
metheus als Anwalt seiner Menschen, dafür zu sorgen,
daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den
Sterblichen nicht allzulästige Gebühren auferlegen möch¬
ten. Da verführte den Prometheus seine Klugheit, die
Götter zu betrügen. Er schlachtete im Namen seiner
Geschöpfe einen großen Stier, davon sollten die Himmli¬
schen wählen, was sie für sich davon verlangten. Er
hatte aber nach Zerstückelung des Opferthieres zwei Hau¬
fen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleisch,
das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres
zusammengefaßt, auf die andere die kahlen Knochen,
künstlich in das Unschlitt des Schlachtopfers eingehüllt.
Und dieser Haufen war der größere. Jupiter der Göt¬
tervater, der allwissende, durchschaute seinen Betrug und
sprach: "Sohn des Japetus, erlauchter König, guter
Freund, wie ungleich hast du die Theile getheilt!" Pro¬
metheus glaubte jetzt erst recht, daß er ihn betrogen, lä¬
chelte bei sich selbst und sprach: "Erlauchter Jupiter,
größter der ewigen Götter, wähle den Theil, den dir
dein Herz im Busen anräth zu wählen." Jupiter er¬
grimmte im Herzen, aber geflissentlich faßte er mit bei¬
den Händen das weiße Unschlitt. Als er es nun aus¬

das alte Göttergeſchlecht, von welchem auch Prometheus
abſtammte, geſtürzt hatte.

Jetzt wurden die neuen Götter aufmerkſam auf das
ebenentſtandene Menſchenvolk. Sie verlangten Verehrung
von ihm für den Schutz, welchen ſie demſelben angedei¬
hen zu laſſen bereitwillig waren. Zu Mekone in Grie¬
chenland ward ein Tag gehalten zwiſchen Sterblichen
und Unſterblichen, und Rechte und Pflichten der Men¬
ſchen beſtimmt. Bei dieſer Verſammlung erſchien Pro¬
metheus als Anwalt ſeiner Menſchen, dafür zu ſorgen,
daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den
Sterblichen nicht allzuläſtige Gebühren auferlegen möch¬
ten. Da verführte den Prometheus ſeine Klugheit, die
Götter zu betrügen. Er ſchlachtete im Namen ſeiner
Geſchöpfe einen großen Stier, davon ſollten die Himmli¬
ſchen wählen, was ſie für ſich davon verlangten. Er
hatte aber nach Zerſtückelung des Opferthieres zwei Hau¬
fen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleiſch,
das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres
zuſammengefaßt, auf die andere die kahlen Knochen,
künſtlich in das Unſchlitt des Schlachtopfers eingehüllt.
Und dieſer Haufen war der größere. Jupiter der Göt¬
tervater, der allwiſſende, durchſchaute ſeinen Betrug und
ſprach: „Sohn des Japetus, erlauchter König, guter
Freund, wie ungleich haſt du die Theile getheilt!“ Pro¬
metheus glaubte jetzt erſt recht, daß er ihn betrogen, lä¬
chelte bei ſich ſelbſt und ſprach: „Erlauchter Jupiter,
größter der ewigen Götter, wähle den Theil, den dir
dein Herz im Buſen anräth zu wählen.“ Jupiter er¬
grimmte im Herzen, aber gefliſſentlich faßte er mit bei¬
den Händen das weiße Unſchlitt. Als er es nun aus¬

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[5/0031] das alte Göttergeſchlecht, von welchem auch Prometheus abſtammte, geſtürzt hatte. Jetzt wurden die neuen Götter aufmerkſam auf das ebenentſtandene Menſchenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm für den Schutz, welchen ſie demſelben angedei¬ hen zu laſſen bereitwillig waren. Zu Mekone in Grie¬ chenland ward ein Tag gehalten zwiſchen Sterblichen und Unſterblichen, und Rechte und Pflichten der Men¬ ſchen beſtimmt. Bei dieſer Verſammlung erſchien Pro¬ metheus als Anwalt ſeiner Menſchen, dafür zu ſorgen, daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den Sterblichen nicht allzuläſtige Gebühren auferlegen möch¬ ten. Da verführte den Prometheus ſeine Klugheit, die Götter zu betrügen. Er ſchlachtete im Namen ſeiner Geſchöpfe einen großen Stier, davon ſollten die Himmli¬ ſchen wählen, was ſie für ſich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerſtückelung des Opferthieres zwei Hau¬ fen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleiſch, das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zuſammengefaßt, auf die andere die kahlen Knochen, künſtlich in das Unſchlitt des Schlachtopfers eingehüllt. Und dieſer Haufen war der größere. Jupiter der Göt¬ tervater, der allwiſſende, durchſchaute ſeinen Betrug und ſprach: „Sohn des Japetus, erlauchter König, guter Freund, wie ungleich haſt du die Theile getheilt!“ Pro¬ metheus glaubte jetzt erſt recht, daß er ihn betrogen, lä¬ chelte bei ſich ſelbſt und ſprach: „Erlauchter Jupiter, größter der ewigen Götter, wähle den Theil, den dir dein Herz im Buſen anräth zu wählen.“ Jupiter er¬ grimmte im Herzen, aber gefliſſentlich faßte er mit bei¬ den Händen das weiße Unſchlitt. Als er es nun aus¬

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/31>, abgerufen am 21.04.2024.