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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

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hörten hörend nicht; wie Traumgestalten liefen sie umher,
und wußten sich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbe¬
kannt war ihnen die Kunst, Steine auszugraben und zu
behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem ge¬
fällten Holze des Waldes zu zimmern, und mit allem die¬
sem sich Häuser zu erbauen. Unter der Erde, in sonnen¬
losen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von bewegli¬
chen Ameisen: nicht den Winter, nicht den blüthenvollen
Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten sie
an sicheren Zeichen; planlos war alles, was sie verrich¬
teten. Da nahm sich Prometheus seiner Geschöpfe an;
er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne be¬
obachten, erfand ihnen die Kunst zu zählen, die Buchsta¬
benschrift; lehrte sie Thiere ans Joch spannen und zu
Genossen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Rosse an
Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die
Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben sorgte er den Men¬
schen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein
Mittel, nicht was von Speise und Trank ihm zuträglich
sey, kannte kein Salböl zur Linderung seiner Schäden;
sondern aus Mangel an Arzneien starben sie elendiglich
dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Mischung mil¬
der Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben.
Dann lehrte er sie die Wahrsagerkunst, deutete ihnen
Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferschau. Fer¬
ner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ sie
hier das Erz, das Eisen, das Silber und das Gold
entdecken; kurz in alle Bequemlichkeiten und Künste des
Lebens leitete er sie ein.

Im Himmel herrschte mit seinen Kindern seit Kur¬
zem Jupiter, der seinen Vater Kronos entthront, und

hörten hörend nicht; wie Traumgeſtalten liefen ſie umher,
und wußten ſich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbe¬
kannt war ihnen die Kunſt, Steine auszugraben und zu
behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem ge¬
fällten Holze des Waldes zu zimmern, und mit allem die¬
ſem ſich Häuſer zu erbauen. Unter der Erde, in ſonnen¬
loſen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von bewegli¬
chen Ameiſen: nicht den Winter, nicht den blüthenvollen
Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten ſie
an ſicheren Zeichen; planlos war alles, was ſie verrich¬
teten. Da nahm ſich Prometheus ſeiner Geſchöpfe an;
er lehrte ſie den Auf- und Niedergang der Geſtirne be¬
obachten, erfand ihnen die Kunſt zu zählen, die Buchſta¬
benſchrift; lehrte ſie Thiere ans Joch ſpannen und zu
Genoſſen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Roſſe an
Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die
Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben ſorgte er den Men¬
ſchen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein
Mittel, nicht was von Speiſe und Trank ihm zuträglich
ſey, kannte kein Salböl zur Linderung ſeiner Schäden;
ſondern aus Mangel an Arzneien ſtarben ſie elendiglich
dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Miſchung mil¬
der Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben.
Dann lehrte er ſie die Wahrſagerkunſt, deutete ihnen
Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferſchau. Fer¬
ner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ ſie
hier das Erz, das Eiſen, das Silber und das Gold
entdecken; kurz in alle Bequemlichkeiten und Künſte des
Lebens leitete er ſie ein.

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zem Jupiter, der ſeinen Vater Kronos entthront, und

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[4/0030] hörten hörend nicht; wie Traumgeſtalten liefen ſie umher, und wußten ſich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbe¬ kannt war ihnen die Kunſt, Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem ge¬ fällten Holze des Waldes zu zimmern, und mit allem die¬ ſem ſich Häuſer zu erbauen. Unter der Erde, in ſonnen¬ loſen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von bewegli¬ chen Ameiſen: nicht den Winter, nicht den blüthenvollen Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten ſie an ſicheren Zeichen; planlos war alles, was ſie verrich¬ teten. Da nahm ſich Prometheus ſeiner Geſchöpfe an; er lehrte ſie den Auf- und Niedergang der Geſtirne be¬ obachten, erfand ihnen die Kunſt zu zählen, die Buchſta¬ benſchrift; lehrte ſie Thiere ans Joch ſpannen und zu Genoſſen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Roſſe an Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben ſorgte er den Men¬ ſchen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein Mittel, nicht was von Speiſe und Trank ihm zuträglich ſey, kannte kein Salböl zur Linderung ſeiner Schäden; ſondern aus Mangel an Arzneien ſtarben ſie elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Miſchung mil¬ der Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er ſie die Wahrſagerkunſt, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferſchau. Fer¬ ner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ ſie hier das Erz, das Eiſen, das Silber und das Gold entdecken; kurz in alle Bequemlichkeiten und Künſte des Lebens leitete er ſie ein. Im Himmel herrſchte mit ſeinen Kindern ſeit Kur¬ zem Jupiter, der ſeinen Vater Kronos entthront, und

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/30>, abgerufen am 15.04.2024.