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Schröder, Ernst: Vorlesungen über die Algebra der Logik. Bd. 2, Abt. 1. Leipzig, 1891.

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Fünfzehnte Vorlesung.
schliesslich entspricht, und umgekehrt auch jedem Zeitmomente je ein
bestimmter Punkt der Geraden. Zu dem Ende braucht man sich nur
die Gerade etwa von einem sich "gleichförmig" bewegenden Punkte
-- z. B. von links nach rechts hin durchlaufen zu denken.

Den Punkt mit konstanter, mit in der Zeit sich gleich bleibender,
unveränderlicher Geschwindigkeit sich bewegen zu lassen, also dass er in
gleichen Zeitabschnitten auch immer unter sich gleiche Wegestrecken be-
schreibt, ist nicht wesentlich für unsre Betrachtung, es ist dies nur die
nächstliegende aber auch die einfachste und bequemste der zur Verfügung
stehenden Vorstellungsweisen. Genügen würde schon die Annahme, dass
unser Punkt in einer irgendwie bestimmten Weise nur überhaupt die ganze
Gerade durchlaufe, ohne aber jemals stille zu stehen oder gar um-
zukehren, rückläufig zu werden, also in einem bestimmten Sinne, in der
gleichen Richtung stetsfort sich bewegend -- so etwa, dass er jeden rechts
von der Stelle, wo er sich soeben befindet in endlicher Entfernung liegenden
Punkt auch in endlicher Zeit erreichen wird, und ebenso auch jede angeb-
bare zur linken von jener befindliche Stelle vor endlicher Zeit passirt
haben muss.

Der Ort auf der Geraden, wo der Punkt sich eben befindet ent-
spricht alsdann dem gegenwärtigen Augenblick, jede links davon be-
findliche Stelle einem bestimmten Moment der Vergangenheit, und jede
zur Rechten einem solchen der Zukunft -- und umgekehrt. Man kann
irgend einen Punkt auf der Geraden betrachten als den Träger, das
Bild desjenigen Augenblicks, in welchem der sich bewegende Punkt
durch ihn hindurchging, -geht oder -gehen wird, und mit irgend
einem Zeitmoment in der Vergangenheit, als Gegenwart, oder in der
Zukunft, ist auch zugleich ein Punkt der Geraden gegeben als der-
jenige Ort, an welchem der sich bewegende Punkt sich in ihm befindet.
Es ist bezeichnend für die Berechtigung und Landläufigkeit dieser Zu-
ordnungsweise, dass die Sprache geradezu von "Zeitpunkten" redet.

Wenn es nicht von vornherein als selbstverständlich erschiene,
so müsste es auf diesem Wege einleuchten und wird es obendrein
dadurch anschaulich, wie der identische Kalkul mit allen seinen
Gesetzen auch auf Gebiete von Zeitpunkten anwendbar ist.

Zur Versinnlichung etwaiger auf solche bezüglichen Betrachtungen
mittelst Figuren werden wir natürlich nur zu dem erwähnten Bilde,
zu der Geraden, unsre Zuflucht nehmen.

Die Eins bedeutet uns aber jetzt die ganze Mannigfaltigkeit der
Zeitpunkte, "die ganze Zeit", welche sich zusammensetzt aus der nach
rückwärts unbegrenzten Vergangenheit, der Gegenwart und der nach
vorwärts unbegrenzten Zukunft, und mit einem Worte auch Ewigkeit
genannt werden mag.

Fünfzehnte Vorlesung.
schliesslich entspricht, und umgekehrt auch jedem Zeitmomente je ein
bestimmter Punkt der Geraden. Zu dem Ende braucht man sich nur
die Gerade etwa von einem sich „gleichförmig“ bewegenden Punkte
— z. B. von links nach rechts hin durchlaufen zu denken.

Den Punkt mit konstanter, mit in der Zeit sich gleich bleibender,
unveränderlicher Geschwindigkeit sich bewegen zu lassen, also dass er in
gleichen Zeitabschnitten auch immer unter sich gleiche Wegestrecken be-
schreibt, ist nicht wesentlich für unsre Betrachtung, es ist dies nur die
nächstliegende aber auch die einfachste und bequemste der zur Verfügung
stehenden Vorstellungsweisen. Genügen würde schon die Annahme, dass
unser Punkt in einer irgendwie bestimmten Weise nur überhaupt die ganze
Gerade durchlaufe, ohne aber jemals stille zu stehen oder gar um-
zukehren, rückläufig zu werden, also in einem bestimmten Sinne, in der
gleichen Richtung stetsfort sich bewegend — so etwa, dass er jeden rechts
von der Stelle, wo er sich soeben befindet in endlicher Entfernung liegenden
Punkt auch in endlicher Zeit erreichen wird, und ebenso auch jede angeb-
bare zur linken von jener befindliche Stelle vor endlicher Zeit passirt
haben muss.

Der Ort auf der Geraden, wo der Punkt sich eben befindet ent-
spricht alsdann dem gegenwärtigen Augenblick, jede links davon be-
findliche Stelle einem bestimmten Moment der Vergangenheit, und jede
zur Rechten einem solchen der Zukunft — und umgekehrt. Man kann
irgend einen Punkt auf der Geraden betrachten als den Träger, das
Bild desjenigen Augenblicks, in welchem der sich bewegende Punkt
durch ihn hindurchging, -geht oder -gehen wird, und mit irgend
einem Zeitmoment in der Vergangenheit, als Gegenwart, oder in der
Zukunft, ist auch zugleich ein Punkt der Geraden gegeben als der-
jenige Ort, an welchem der sich bewegende Punkt sich in ihm befindet.
Es ist bezeichnend für die Berechtigung und Landläufigkeit dieser Zu-
ordnungsweise, dass die Sprache geradezu von „Zeitpunkten“ redet.

Wenn es nicht von vornherein als selbstverständlich erschiene,
so müsste es auf diesem Wege einleuchten und wird es obendrein
dadurch anschaulich, wie der identische Kalkul mit allen seinen
Gesetzen auch auf Gebiete von Zeitpunkten anwendbar ist.

Zur Versinnlichung etwaiger auf solche bezüglichen Betrachtungen
mittelst Figuren werden wir natürlich nur zu dem erwähnten Bilde,
zu der Geraden, unsre Zuflucht nehmen.

Die Eins bedeutet uns aber jetzt die ganze Mannigfaltigkeit der
Zeitpunkte, „die ganze Zeit“, welche sich zusammensetzt aus der nach
rückwärts unbegrenzten Vergangenheit, der Gegenwart und der nach
vorwärts unbegrenzten Zukunft, und mit einem Worte auch Ewigkeit
genannt werden mag.

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[4/0028] Fünfzehnte Vorlesung. schliesslich entspricht, und umgekehrt auch jedem Zeitmomente je ein bestimmter Punkt der Geraden. Zu dem Ende braucht man sich nur die Gerade etwa von einem sich „gleichförmig“ bewegenden Punkte — z. B. von links nach rechts hin durchlaufen zu denken. Den Punkt mit konstanter, mit in der Zeit sich gleich bleibender, unveränderlicher Geschwindigkeit sich bewegen zu lassen, also dass er in gleichen Zeitabschnitten auch immer unter sich gleiche Wegestrecken be- schreibt, ist nicht wesentlich für unsre Betrachtung, es ist dies nur die nächstliegende aber auch die einfachste und bequemste der zur Verfügung stehenden Vorstellungsweisen. Genügen würde schon die Annahme, dass unser Punkt in einer irgendwie bestimmten Weise nur überhaupt die ganze Gerade durchlaufe, ohne aber jemals stille zu stehen oder gar um- zukehren, rückläufig zu werden, also in einem bestimmten Sinne, in der gleichen Richtung stetsfort sich bewegend — so etwa, dass er jeden rechts von der Stelle, wo er sich soeben befindet in endlicher Entfernung liegenden Punkt auch in endlicher Zeit erreichen wird, und ebenso auch jede angeb- bare zur linken von jener befindliche Stelle vor endlicher Zeit passirt haben muss. Der Ort auf der Geraden, wo der Punkt sich eben befindet ent- spricht alsdann dem gegenwärtigen Augenblick, jede links davon be- findliche Stelle einem bestimmten Moment der Vergangenheit, und jede zur Rechten einem solchen der Zukunft — und umgekehrt. Man kann irgend einen Punkt auf der Geraden betrachten als den Träger, das Bild desjenigen Augenblicks, in welchem der sich bewegende Punkt durch ihn hindurchging, -geht oder -gehen wird, und mit irgend einem Zeitmoment in der Vergangenheit, als Gegenwart, oder in der Zukunft, ist auch zugleich ein Punkt der Geraden gegeben als der- jenige Ort, an welchem der sich bewegende Punkt sich in ihm befindet. Es ist bezeichnend für die Berechtigung und Landläufigkeit dieser Zu- ordnungsweise, dass die Sprache geradezu von „Zeitpunkten“ redet. Wenn es nicht von vornherein als selbstverständlich erschiene, so müsste es auf diesem Wege einleuchten und wird es obendrein dadurch anschaulich, wie der identische Kalkul mit allen seinen Gesetzen auch auf Gebiete von Zeitpunkten anwendbar ist. Zur Versinnlichung etwaiger auf solche bezüglichen Betrachtungen mittelst Figuren werden wir natürlich nur zu dem erwähnten Bilde, zu der Geraden, unsre Zuflucht nehmen. Die Eins bedeutet uns aber jetzt die ganze Mannigfaltigkeit der Zeitpunkte, „die ganze Zeit“, welche sich zusammensetzt aus der nach rückwärts unbegrenzten Vergangenheit, der Gegenwart und der nach vorwärts unbegrenzten Zukunft, und mit einem Worte auch Ewigkeit genannt werden mag.

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Zitationshilfe: Schröder, Ernst: Vorlesungen über die Algebra der Logik. Bd. 2, Abt. 1. Leipzig, 1891, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schroeder_logik0201_1891/28>, abgerufen am 02.03.2024.