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Rudolphi, Caroline Christiane Louise: Gemälde weiblicher Erziehung. Bd. 2. Heidelberg, 1807.

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Mathilde. Jch will werden, beste Tante,
was ich seyn soll. Du sollst noch Freude an mir
haben, und die Mama auch. Und wenn sie mich
dann auch nicht lieb hätte, so weiß ich doch, daß
ich es verdiene, und daß sie mich dann nur nicht
kennt.

Jch. So ist es recht, Mathilde. Aber Mama
wird die erste seyn, die dir ihre zärtliche Liebe
beweis't. -- Nun bitte ich Dich, Emma, sende
dem armen Kinde bald einen recht freundlichen
Brief. Sie muß nicht sich ohne die Liebe ihrer
Wohlthäterin behelfen lernen. -- Deine beiden
Engel haben mich im Wachen wie in Träumen
bisher oft beschäftigt. Auch an diesen Kindern
hat sich unsere Weise schön bewährt. Sind nicht
beide das Bild der Gesundheit, und beide voll
aufstrebenden Lebens? Aber an der Gertrud hast
Du auch einen unbezahlbaren Schatz. Jn ihrer
Aufsicht kann nichts versäumt, nichts verwahrlos't
werden, da muß alles alles gedeihen. Und wie
sie Dich verstehen gelernt hat, und doch nicht selbst
herrschen und nur immer Deine folgsame andere
Hand seyn will! Jch habe ihres Gleichen noch

Mathilde. Jch will werden, beſte Tante,
was ich ſeyn ſoll. Du ſollſt noch Freude an mir
haben, und die Mama auch. Und wenn ſie mich
dann auch nicht lieb hätte, ſo weiß ich doch, daß
ich es verdiene, und daß ſie mich dann nur nicht
kennt.

Jch. So iſt es recht, Mathilde. Aber Mama
wird die erſte ſeyn, die dir ihre zärtliche Liebe
beweiſ’t. — Nun bitte ich Dich, Emma, ſende
dem armen Kinde bald einen recht freundlichen
Brief. Sie muß nicht ſich ohne die Liebe ihrer
Wohlthäterin behelfen lernen. — Deine beiden
Engel haben mich im Wachen wie in Träumen
bisher oft beſchäftigt. Auch an dieſen Kindern
hat ſich unſere Weiſe ſchön bewährt. Sind nicht
beide das Bild der Geſundheit, und beide voll
aufſtrebenden Lebens? Aber an der Gertrud haſt
Du auch einen unbezahlbaren Schatz. Jn ihrer
Aufſicht kann nichts verſäumt, nichts verwahrloſ’t
werden, da muß alles alles gedeihen. Und wie
ſie Dich verſtehen gelernt hat, und doch nicht ſelbſt
herrſchen und nur immer Deine folgſame andere
Hand ſeyn will! Jch habe ihres Gleichen noch

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[37/0045] Mathilde. Jch will werden, beſte Tante, was ich ſeyn ſoll. Du ſollſt noch Freude an mir haben, und die Mama auch. Und wenn ſie mich dann auch nicht lieb hätte, ſo weiß ich doch, daß ich es verdiene, und daß ſie mich dann nur nicht kennt. Jch. So iſt es recht, Mathilde. Aber Mama wird die erſte ſeyn, die dir ihre zärtliche Liebe beweiſ’t. — Nun bitte ich Dich, Emma, ſende dem armen Kinde bald einen recht freundlichen Brief. Sie muß nicht ſich ohne die Liebe ihrer Wohlthäterin behelfen lernen. — Deine beiden Engel haben mich im Wachen wie in Träumen bisher oft beſchäftigt. Auch an dieſen Kindern hat ſich unſere Weiſe ſchön bewährt. Sind nicht beide das Bild der Geſundheit, und beide voll aufſtrebenden Lebens? Aber an der Gertrud haſt Du auch einen unbezahlbaren Schatz. Jn ihrer Aufſicht kann nichts verſäumt, nichts verwahrloſ’t werden, da muß alles alles gedeihen. Und wie ſie Dich verſtehen gelernt hat, und doch nicht ſelbſt herrſchen und nur immer Deine folgſame andere Hand ſeyn will! Jch habe ihres Gleichen noch

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Zitationshilfe: Rudolphi, Caroline Christiane Louise: Gemälde weiblicher Erziehung. Bd. 2. Heidelberg, 1807, S. 37. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rudolphi_erziehung02_1807/45>, abgerufen am 27.11.2021.