Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793.

Bild:
<< vorherige Seite

sein Widerlegen sei nicht viel besser als sein Frisie¬
ren. Als er das letztere that und so nahe vor ihr
stand, sah sie wieder das Gegentheil. Jedes Haar
wurd' an ihr zu einem Fühlfaden und ihr war, als
berührt' er ihre Wunden Nerven, als gienge mit
ihm eine flammende Hölle um sie. Auf einmal
quol ihre Bangigkeit, nach den Gesetzen der weib¬
lichen Natur, von der mitlern Stufe zur höchsten
auf -- ich möchte wissen obs von seinen eigennützi¬
gen Stellungen kam, die ihm nichts halfen, oder
von einem Kusse, als der Einnahme der Benefiz¬
komedie, die er zu seinem Besten aufführte, oder
von ihrem Blick auf die Pyramide des Eremiten¬
bergs, der ihre zagende Brust mit dem Bilde
und Ebenbild ihres Bruders überfüllte -- genug
sie sprang fieberhaft auf und sagte: "sie hätte so
gewiß versprochen, der Residentin den Hut aufset¬
zen zu helfen und wäre noch hier!" und erwarte¬
te, ihn triebe dieser demüthig-stolze Vorwurf fort.
Er war nicht fortzutreiben: Dieses Mißlingen zer¬
riß ihre zarten Kräfte und sie lehnte sich wankend
mit dem Arme und frisirten Kopfe an die Tapete.
Er, vielleicht ennüiert oder froh, sie an seine
Nachbarschaft gewöhnt zu haben, nahm seinen

ſein Widerlegen ſei nicht viel beſſer als ſein Friſie¬
ren. Als er das letztere that und ſo nahe vor ihr
ſtand, ſah ſie wieder das Gegentheil. Jedes Haar
wurd' an ihr zu einem Fuͤhlfaden und ihr war, als
beruͤhrt' er ihre Wunden Nerven, als gienge mit
ihm eine flammende Hoͤlle um ſie. Auf einmal
quol ihre Bangigkeit, nach den Geſetzen der weib¬
lichen Natur, von der mitlern Stufe zur hoͤchſten
auf — ich moͤchte wiſſen obs von ſeinen eigennuͤtzi¬
gen Stellungen kam, die ihm nichts halfen, oder
von einem Kuſſe, als der Einnahme der Benefiz¬
komedie, die er zu ſeinem Beſten auffuͤhrte, oder
von ihrem Blick auf die Pyramide des Eremiten¬
bergs, der ihre zagende Bruſt mit dem Bilde
und Ebenbild ihres Bruders uͤberfuͤllte — genug
ſie ſprang fieberhaft auf und ſagte: „ſie haͤtte ſo
gewiß verſprochen, der Reſidentin den Hut aufſet¬
zen zu helfen und waͤre noch hier!“ und erwarte¬
te, ihn triebe dieſer demuͤthig-ſtolze Vorwurf fort.
Er war nicht fortzutreiben: Dieſes Mißlingen zer¬
riß ihre zarten Kraͤfte und ſie lehnte ſich wankend
mit dem Arme und friſirten Kopfe an die Tapete.
Er, vielleicht ennuͤiert oder froh, ſie an ſeine
Nachbarſchaft gewoͤhnt zu haben, nahm ſeinen

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0031" n="21"/>
&#x017F;ein Widerlegen &#x017F;ei nicht viel be&#x017F;&#x017F;er als &#x017F;ein Fri&#x017F;ie¬<lb/>
ren. Als er das letztere that und &#x017F;o nahe vor ihr<lb/>
&#x017F;tand, &#x017F;ah &#x017F;ie wieder das Gegentheil. Jedes Haar<lb/>
wurd' an ihr zu einem Fu&#x0364;hlfaden und ihr war, als<lb/>
beru&#x0364;hrt' er ihre Wunden Nerven, als gienge mit<lb/>
ihm eine flammende Ho&#x0364;lle um &#x017F;ie. Auf einmal<lb/>
quol ihre Bangigkeit, nach den Ge&#x017F;etzen der weib¬<lb/>
lichen Natur, von der mitlern Stufe zur ho&#x0364;ch&#x017F;ten<lb/>
auf &#x2014; ich mo&#x0364;chte wi&#x017F;&#x017F;en obs von &#x017F;einen eigennu&#x0364;tzi¬<lb/>
gen Stellungen kam, die ihm nichts halfen, oder<lb/>
von einem Ku&#x017F;&#x017F;e, als der Einnahme der Benefiz¬<lb/>
komedie, die er zu &#x017F;einem Be&#x017F;ten auffu&#x0364;hrte, oder<lb/>
von ihrem Blick auf die Pyramide des Eremiten¬<lb/>
bergs, der ihre zagende Bru&#x017F;t mit dem <hi rendition="#g">Bilde</hi><lb/>
und <hi rendition="#g">Ebenbild</hi> ihres Bruders u&#x0364;berfu&#x0364;llte &#x2014; genug<lb/>
&#x017F;ie &#x017F;prang fieberhaft auf und &#x017F;agte: &#x201E;&#x017F;ie ha&#x0364;tte &#x017F;o<lb/>
gewiß ver&#x017F;prochen, der Re&#x017F;identin den Hut auf&#x017F;et¬<lb/>
zen zu helfen und wa&#x0364;re noch hier!&#x201C; und erwarte¬<lb/>
te, ihn triebe die&#x017F;er demu&#x0364;thig-&#x017F;tolze Vorwurf fort.<lb/>
Er war nicht fortzutreiben: Die&#x017F;es Mißlingen zer¬<lb/>
riß ihre zarten Kra&#x0364;fte und &#x017F;ie lehnte &#x017F;ich wankend<lb/>
mit dem Arme und fri&#x017F;irten Kopfe an die Tapete.<lb/>
Er, vielleicht ennu&#x0364;iert oder froh, &#x017F;ie an &#x017F;eine<lb/>
Nachbar&#x017F;chaft gewo&#x0364;hnt zu haben, nahm &#x017F;einen<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0031] ſein Widerlegen ſei nicht viel beſſer als ſein Friſie¬ ren. Als er das letztere that und ſo nahe vor ihr ſtand, ſah ſie wieder das Gegentheil. Jedes Haar wurd' an ihr zu einem Fuͤhlfaden und ihr war, als beruͤhrt' er ihre Wunden Nerven, als gienge mit ihm eine flammende Hoͤlle um ſie. Auf einmal quol ihre Bangigkeit, nach den Geſetzen der weib¬ lichen Natur, von der mitlern Stufe zur hoͤchſten auf — ich moͤchte wiſſen obs von ſeinen eigennuͤtzi¬ gen Stellungen kam, die ihm nichts halfen, oder von einem Kuſſe, als der Einnahme der Benefiz¬ komedie, die er zu ſeinem Beſten auffuͤhrte, oder von ihrem Blick auf die Pyramide des Eremiten¬ bergs, der ihre zagende Bruſt mit dem Bilde und Ebenbild ihres Bruders uͤberfuͤllte — genug ſie ſprang fieberhaft auf und ſagte: „ſie haͤtte ſo gewiß verſprochen, der Reſidentin den Hut aufſet¬ zen zu helfen und waͤre noch hier!“ und erwarte¬ te, ihn triebe dieſer demuͤthig-ſtolze Vorwurf fort. Er war nicht fortzutreiben: Dieſes Mißlingen zer¬ riß ihre zarten Kraͤfte und ſie lehnte ſich wankend mit dem Arme und friſirten Kopfe an die Tapete. Er, vielleicht ennuͤiert oder froh, ſie an ſeine Nachbarſchaft gewoͤhnt zu haben, nahm ſeinen

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/31
Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/31>, abgerufen am 23.02.2024.