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Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793.

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Seelen umschliessen, o reichten deine Arme um al¬
les wie ihre, die da beugen das Fühlhorn des Kä¬
fers und das bebende Gefieder des Lilienschmetter¬
lings und die zähen Wälder, die da streicheln mit
ihrer Hand das Raupenhaar und alle Blumen-Auen
und die Meere der Erde, o könntest du wie sie an
jeder Lippe ruhen, die vor Freude brennt, und
kühlend um jeden gequälten Busen schweben, der
seufzen will. -- -- O hat denn der Mensch
ein so schmales versperrtes Herz, daß er vom gan¬
zen Reiche Gottes, das um ihn thront, nichts lie¬
ben, nichts fühlen kann als was seine zehn Fin¬
ger fassen und fühlen? Soll er nicht wünschen,
daß alle Menschen und alle Wesen nur Einen Hals,
nur einen Busen haben, um sie alle mit einem
einzigen Arm zu umschliessen, um keines zu ver¬
gessen und in gesättigter Liebe nicht mehr Herzen
zu kennen als zwei, das liebende und das gelieb¬
te? -- Heute wurd' ich mit der ganzen Schöpfung
verbunden und ich gab allen Wesen mein Herz . . .

Ich kehrte mich nach Osten gegen das neue
Schloß und gegen Auenthal: hinter dem Auen¬
thaler Wald brausete durch einen zerbrochnen Re¬
gen-Schwibbogen ein aufgerichteter Ozean -- ich

Seelen umſchlieſſen, o reichten deine Arme um al¬
les wie ihre, die da beugen das Fuͤhlhorn des Kaͤ¬
fers und das bebende Gefieder des Lilienſchmetter¬
lings und die zaͤhen Waͤlder, die da ſtreicheln mit
ihrer Hand das Raupenhaar und alle Blumen-Auen
und die Meere der Erde, o koͤnnteſt du wie ſie an
jeder Lippe ruhen, die vor Freude brennt, und
kuͤhlend um jeden gequaͤlten Buſen ſchweben, der
ſeufzen will. — — O hat denn der Menſch
ein ſo ſchmales verſperrtes Herz, daß er vom gan¬
zen Reiche Gottes, das um ihn thront, nichts lie¬
ben, nichts fuͤhlen kann als was ſeine zehn Fin¬
ger faſſen und fuͤhlen? Soll er nicht wuͤnſchen,
daß alle Menſchen und alle Weſen nur Einen Hals,
nur einen Buſen haben, um ſie alle mit einem
einzigen Arm zu umſchlieſſen, um keines zu ver¬
geſſen und in geſaͤttigter Liebe nicht mehr Herzen
zu kennen als zwei, das liebende und das gelieb¬
te? — Heute wurd' ich mit der ganzen Schoͤpfung
verbunden und ich gab allen Weſen mein Herz . . .

Ich kehrte mich nach Oſten gegen das neue
Schloß und gegen Auenthal: hinter dem Auen¬
thaler Wald brauſete durch einen zerbrochnen Re¬
gen-Schwibbogen ein aufgerichteter Ozean — ich

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[10/0020] Seelen umſchlieſſen, o reichten deine Arme um al¬ les wie ihre, die da beugen das Fuͤhlhorn des Kaͤ¬ fers und das bebende Gefieder des Lilienſchmetter¬ lings und die zaͤhen Waͤlder, die da ſtreicheln mit ihrer Hand das Raupenhaar und alle Blumen-Auen und die Meere der Erde, o koͤnnteſt du wie ſie an jeder Lippe ruhen, die vor Freude brennt, und kuͤhlend um jeden gequaͤlten Buſen ſchweben, der ſeufzen will. — — O hat denn der Menſch ein ſo ſchmales verſperrtes Herz, daß er vom gan¬ zen Reiche Gottes, das um ihn thront, nichts lie¬ ben, nichts fuͤhlen kann als was ſeine zehn Fin¬ ger faſſen und fuͤhlen? Soll er nicht wuͤnſchen, daß alle Menſchen und alle Weſen nur Einen Hals, nur einen Buſen haben, um ſie alle mit einem einzigen Arm zu umſchlieſſen, um keines zu ver¬ geſſen und in geſaͤttigter Liebe nicht mehr Herzen zu kennen als zwei, das liebende und das gelieb¬ te? — Heute wurd' ich mit der ganzen Schoͤpfung verbunden und ich gab allen Weſen mein Herz . . . Ich kehrte mich nach Oſten gegen das neue Schloß und gegen Auenthal: hinter dem Auen¬ thaler Wald brauſete durch einen zerbrochnen Re¬ gen-Schwibbogen ein aufgerichteter Ozean — ich

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Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/20>, abgerufen am 01.03.2024.