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Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793.

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gegen alles verhärten; Daher schöne Geister, Mah¬
ler und ihre Kenner bloß oft darum für das wirk¬
liche
Unglück keine oder zu viele Thränen haben,
weil sie es für artistisches halten.

Ich muß aber schneller zum Geburtstage der
Residentin eilen, dessen Folgen Gustav vielleicht
im längsten Leben nicht vergessen wird.

Er brachte mit dem größten Vergnügen seine
Rolle im Drama, wovon noch viel wird gespro¬
chen werden, seinem Gedächtniß bei und wünschte
nichts als er könnte sie noch nicht auswendig --
Beata macht' es auch mit der ihrigen so: der
Grund war, ihre Rollen waren auf dem Theater
an einander gerichtet, mithin waren's jetzt ihre
Gedanken auch; und für die scheue Beata war's
besonders süß, daß sie zarte Gedanken der Liebe
für ihn, die sie kaum zu haben und nicht zu äus¬
sern wagte, mit gutem Gewissen memoriren konn¬
te. Um nicht immer an ihn zu denken, zerstreue¬
te sie sich oft durch das Geschäft des Auswendigler¬
nens der besagten Rolle. Gute Seele! suche dich
immer zu täuschen; es ist besser es zu wollen als
gar nichts darnach zu fragen! -- Ihr Adoptiv-
Bruder konnte bisher durchaus kein Mittel finden,

gegen alles verhaͤrten; Daher ſchoͤne Geiſter, Mah¬
ler und ihre Kenner bloß oft darum fuͤr das wirk¬
liche
Ungluͤck keine oder zu viele Thraͤnen haben,
weil ſie es fuͤr artiſtiſches halten.

Ich muß aber ſchneller zum Geburtstage der
Reſidentin eilen, deſſen Folgen Guſtav vielleicht
im laͤngſten Leben nicht vergeſſen wird.

Er brachte mit dem groͤßten Vergnuͤgen ſeine
Rolle im Drama, wovon noch viel wird geſpro¬
chen werden, ſeinem Gedaͤchtniß bei und wuͤnſchte
nichts als er koͤnnte ſie noch nicht auswendig —
Beata macht' es auch mit der ihrigen ſo: der
Grund war, ihre Rollen waren auf dem Theater
an einander gerichtet, mithin waren's jetzt ihre
Gedanken auch; und fuͤr die ſcheue Beata war's
beſonders ſuͤß, daß ſie zarte Gedanken der Liebe
fuͤr ihn, die ſie kaum zu haben und nicht zu aͤuſ¬
ſern wagte, mit gutem Gewiſſen memoriren konn¬
te. Um nicht immer an ihn zu denken, zerſtreue¬
te ſie ſich oft durch das Geſchaͤft des Auswendigler¬
nens der beſagten Rolle. Gute Seele! ſuche dich
immer zu taͤuſchen; es iſt beſſer es zu wollen als
gar nichts darnach zu fragen! — Ihr Adoptiv-
Bruder konnte bisher durchaus kein Mittel finden,

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[187/0197] gegen alles verhaͤrten; Daher ſchoͤne Geiſter, Mah¬ ler und ihre Kenner bloß oft darum fuͤr das wirk¬ liche Ungluͤck keine oder zu viele Thraͤnen haben, weil ſie es fuͤr artiſtiſches halten. Ich muß aber ſchneller zum Geburtstage der Reſidentin eilen, deſſen Folgen Guſtav vielleicht im laͤngſten Leben nicht vergeſſen wird. Er brachte mit dem groͤßten Vergnuͤgen ſeine Rolle im Drama, wovon noch viel wird geſpro¬ chen werden, ſeinem Gedaͤchtniß bei und wuͤnſchte nichts als er koͤnnte ſie noch nicht auswendig — Beata macht' es auch mit der ihrigen ſo: der Grund war, ihre Rollen waren auf dem Theater an einander gerichtet, mithin waren's jetzt ihre Gedanken auch; und fuͤr die ſcheue Beata war's beſonders ſuͤß, daß ſie zarte Gedanken der Liebe fuͤr ihn, die ſie kaum zu haben und nicht zu aͤuſ¬ ſern wagte, mit gutem Gewiſſen memoriren konn¬ te. Um nicht immer an ihn zu denken, zerſtreue¬ te ſie ſich oft durch das Geſchaͤft des Auswendigler¬ nens der beſagten Rolle. Gute Seele! ſuche dich immer zu taͤuſchen; es iſt beſſer es zu wollen als gar nichts darnach zu fragen! — Ihr Adoptiv- Bruder konnte bisher durchaus kein Mittel finden,

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Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793, S. 187. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/197>, abgerufen am 16.04.2024.