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Marburger Zeitung. Nr. 79, Marburg, 30.06.1904.

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Marburger Zeitung Nr. 79, 30. Juni 1904.

[Spaltenumbruch]

weder mit noch ohne Obstruktion abermals die gol-
denen Aepfel aus dem Staatsgarten von den Re-
gierungen über die Mauer zugeworfen werden. Die
Deutschen sind bereit, sich mit den Tschechen aus-
einanderzusetzen und ihnen zuzugestehen, was sie
billigerweise und ohne weitere Schädigung des
deutschen Volkes verlangen dürfen. Die Deutschen
wollen aber auch ihr Recht in Böhmen und in
ganz Oesterreich behaupten und ihre historische
Führerschaft im Staate nicht an das Slaventum
abgeben. Von einer Auseinandersetzung mit den
Deutschen weiß auch Herr Dr. Mattusch nichts zu
singen. Er fordert gleich den Jungtschechen nur
von der Regierung, die dann die Deutschen zu
zwingen hätte, die tschechischen Abmachungen mit
der Regierung zu unterschreiben. Die Regierung
müsse auf die Deutschen gleichviel wie bestimmend
einwirken, die Obstruktion im Landtag aufzugeben.
Die Deutschen sind Herrn Mattusch wie den anderen
Tschechen gleich Null und auch er spekuliert darauf,
im Reichsrat mit Hilfe der anderen deutschfeindlichen
Parteien und einer gefälligen Regierung die Deutschen
endgiltig unterzukriegen. Aber auch hier wachen
die Deutschen und es steht bei ihnen und nicht
bei Herrn von Koerber, was sie im böhmischen
Landtag tun wollen und ob sie die Obstruktion
aufgeben und sich abermals der brutalen Majori-
sierung der Tschechen mit Hilfe einer Regierung
überliefern wollen. Die Deutschen wollen, daß in
Böhmen Ordnung gemacht werde. Wenn das end-
lich auch die Tschechen wollen, anstatt wie bisher
aus der Unordnung sich Pfeifen schneiden, dann
werden sie mehr an eine Verständigung mit den
Deutschen denken als an ein Geschäft mit der Re-
gierung, das diese hinterher den Deutschen aufzu-
halsen hätte.




Politische Amschau.
Inland.
Von der Stinkbombe zur Petarde.

Der jungtschechische Reichsratsabgeordnete
Reichstädter hat in der Olmützer Handelskammer
seinerzeit mit Stinkbomben gearbeitet. In den
böhmischen Landtag dürfte demnächst ein Volks-
vertreter einziehen, der das Petardenwerfen als
politisches Mittel empfiehlt. Der selbständige jung-
tschechische Wahlwerber um das Landgemeinden-
mandat von Schlan, Dr. Janovsky, sprach am
26. d. M. in der genannten Stadt zur Wähler-
schaft. Er sagte, der Kern des jungtschechischen
Programms sei gesund, die gegenwärtigen Führer
aber seien unehrlich. Wenn man die Generale ab-
setzt, wäre es voreilig, auch die Armee aufzulösen.
Die Wahlen in die Delegation hätten verhindert
werden müssen. Es wäre nur notwendig gewesen,
daß ein Abgeordneter zwei Petarden in das Abge-
ordnetenhaus mitgenommen und erklärt hätte:
"Wenn die Wahlen vorgenommen werden, werfe
ich die Petarden auf die Estrade des Präsidenten."
Die Versammlung beschloß daraufhin einstimmig,
Janovsky als Wahlwerber anzunehmen.


[Spaltenumbruch]
Ausland.
Der russisch-japanische Krieg.
Der Vormarsch der Japaner.

Ein Telegramm des Generals Kuropatkin an
Kaiser Nikolaus vom 27. d. besagt: Gestern nahmen
die japanischen Truppen die Offensive gegen unsere
Vorposten an der östlichen Front, welche sich vor
dem Defilee von Fenschulin, Modulin und Dalin
befinden, auf. Unsere Kavallerie und Infanterie,
welche, von den Japanern bedroht, zurückgingen,
stellten fest, daß der Angriff gegen jeden der drei
Pässe durch überlegene Streitkräfte ausgeführt
wurde. Der Angriff gegen den Dalin-Paß wurde
außer von anderen Truppen auch von der Garde-
division unternommen. Außer diesem Angriffe in
der Front machten bedeutende japanische Streit-
kräfte eine Umgehungsbewegung an den beiden
Flanken unserer Truppen, welche die Defilees Fen-
schulin und Modulin besetzt hielten. Heute früh
griffen unbedeutende japanische Streitkräfte unsere
Truppen, die sich von Fenschulin nach Titkhe zurück-
gezogen hatten, an, wurden jedoch mühelos zurück-
geschlagen. Die japanische Vorhut setzte, nachdem
sie am 26. d. abends unsere Truppen von
Wandiapudza gegen den Dalin-Paß zurückgedrängt
hatte, den Vormarsch gegen unsere Stellung
im Dalin-Passe fort. Unsere Vorposten leisteten
einer Infanteriebrigade mit drei Bataillonen,
welche in der Front gegen sie vorrückte, eine Zeit-
lang Widerstand, zogen sich jedoch, da ihnen eine
Umgehung durch andere Truppen drohte, zurück.
Durch die vorgenommenen Rekognoszierungen wurde
festgestellt, daß ein Teil der japanischen Südarmee
in nordöstlicher Richtung vorrücke, um eine Vereini-
gung mit der Armee Kurokis durchzuführen. Mon-
tag wurde gemeldet, daß unsere Kavallerie ein heißes
Gefecht bei Sjunötschön hatte.

Nach den mir in den letzten Tagen zugekom-
menen Informationen können die japanischen
Streitkräfte, welche gegen unsere Mandschurei-Armee
vorrücken, auf acht bis neun Divisionen und mehrere
Reservebrigaden geschätzt werden, die gegenwärtig
von den Japanern ins Vordertreffen gestellt werden.

Japanische Grausamkeiten?

Die Russische Telegraphen-Agentur läßt sich
aus Liaufang melden, Prinz Bourbon sei Augen-
zeuge von empörender Behandlung russischer Ver-
wundeter durch Japaner gewesen, welche sogar Tote
mit dem Bajonett durchbohrt hätten. Er habe bei
der Räumung der Station Wafangou durch die
russischen Truppen eine groß an eine Wand
geschriebene, an die japanischen Generale und Offi-
ziere gerichtete Mitteilung über die mit eigenen
Augen gesehenen Greuel zurückgelassen, in der er
zum Schluß die Zuversicht ausspricht, daß sich
Aehnliches nicht wiederholen werde.

Solange solche Erzählungen nicht durch eine
amtliche russische Erklärung erhärtet werden, tut
man wohl gut, sie mit einigem Mißtrauen aufzu-
nehmen. In dieser Form klingt die Sache zwar sehr
effektvoll, aber nicht ganz wahrscheinlich. Man darf
wohl annehmen, daß namentlich die japanischen
Offiziere da, wo unter dem Kulturlack asiatische
Roheit zum Vorschein kommt, mit allergrößter
Strenge einschreiten werden, schon aus dem ein-
fachen Grunde, um ihrer Sache in den Augen
Europas nicht zu schaden.




[Spaltenumbruch]

Die Wirtin hatte nicht nötig, eine unzurei-
chende Antwort zu geben, denn die Türe öffnete
sich von neuem und keine andere trat ein als die
Iska, die bei dem unerwarteten Anblicke der Frau
von Jeliska stutzte, dann aber einen Freudenschrei
ausstieß, sich ihr zu Füßen warf, ihre Knie um-
faßte und in heftigster Erregung mehr schluchzte
als sprach:

"Panna! Gott sei dank! Er lebt! Wir sind
gerettet!"

Auch der Graf trat ein und begrüßte sie mit
freudigem Erstaunen. Er sagte, daß Stephan sehr
erschöpft sei, daß aber sein Zustand kein Bedenken
einflöße, daß der Wirt bereits auf dem Wege, den
einzigen Arzt des Städtchens zu holen, der die
Kugel aus der Wunde an der Hüfte entfernen und
einen wirklichen Verband anlegen könne. Die zweite
Verwundung oberhalb des Knies rühre offenbar
von einem Streifschuß her und habe nicht viel zu
bedeuten. Aber morgen in aller Frühe, so schloß
er seinen Bericht, werde er Stephan nach Sareweo
bringen, so sanft und bequem, wie es sein liebster
Freund verlangen dürfe und auch die Panna werde
[Spaltenumbruch] sein Gast sein, da sie es nicht gestatten werde, daß
der letzte Czaroswil ohne ihre Pflege genese.

"Und Du, Mädchen", sagte er zu Iska, "die
Du brav und treu mit wahrem Heldenmut unser
Schicksal teilen wolltest, Du, der wir Rettung und
Freiheit verdanken, Du sollst in meinem Hause Heim
finden und wie viel ich auch drüben, in unserem
armen Vaterlande verlor, ich werde noch genug
haben, um Deine Zukunft sicher zu stellen."

Die Panna wünschte Stephan zu sehen und
trat in das Zimmer, wo ihm ein Lager bereitet
war. Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte matt:

"Willkommen, Panna, ich lebe und bin ge-
rettet. Dein Gebet war mein Schutz."

"Gelobt sei Gott", entgegnete sie bewegt. "Nun
wird noch alles, alles gut."

"Alles, alles gut", wiederholte er lächelnd
und schloß die Augen. "So könnte es sein, wenn
es wahr ist, was Roman Krosczynski zum Trost
mir sagte und ein entzückendes Bild, das ich ein-
mal sah und für immer verlor, auf Erden in zwei
Gestalten lebt."

(Schluß folgt.)


[Spaltenumbruch]
Port Arthur.

Eine anderweitig nicht bestätigte nichtoffizielle
Nachricht teilt mit, die Japaner hätten am Sonn-
tag drei Forts im südöstlichen Teile der Vertei-
digungswerke von Port Arthur angegriffen und
eingenommen. -- Eine Reuter-Meldung besagt:
Der über die Einnahme dreier Forts bei Port
Arthur hier eingegangene nichtamtliche Bericht sagt,
die Forts Tschikbanschau, Tschitouschau und Sotscho-
schau wurden am Sonntag nach einem Gefechte,
das den ganzen Tag gewährt hatte, genommen.
Das Gefecht hatte mit dem Kampfe der beider-
seitigen Artillerie begonnen. Auf japanischer Seite
nahmen Truppen aller Waffengattungen am Ge-
fechte teil. Das Fort Sotschoschau wurde zurst ge-
nommen. Die beiden anderen Forts bald danach.
Die Russen zogen sich westlich zurück. Die Zahl
der Verwundeten ist noch nicht bekannt. Die
Japaner verloren an Toten und Verwundeten
3 Offiziere und 100 Mann. Zwei russische Ge-
schütze mit Munition sind von den Japanern er-
beutet worden.




Tagesneuigkeiten.
(Ein furchtbares Eisenbahnunglück)

hat sich auf der Brücke über den Fluß Gisela
(Spanien) ereignet und sind dabei 50 Personen
ums Leben gekommen; dreißig verbrannten in den
brennenden Wagen, zwanzig ertranken im Fluß.
Das Unglück entstand durch eine Entgleisung des
Zuges, der aus den Schienen sprang, wobei die
Lokomotive mit drei Wagen sich von den übrigen
Wagen trennte. Diese drei Wagen erhoben sich
übereinander und wurden durch fliegende Funken
von der Lokomotive in Brand gesteckt. Der furcht-
bare Sturm, der in der Nacht herrschte, trieb die
Flammen von den drei Wagen über den Zug weg.
Die Lokomotive arbeitete unterdes weiter, brach
durch die Brustwehr der Brücke und blieb in dieser
hängen, mit den Rädern in der leeren Laft arbeitend.
Einige Stützen der Brücke gerieten ebenfalls in
Brand und gaben nach, sodaß mehrere Wagen in
den Fluß stürzten. Andere Wagen fingen sich in
den Strebepfeilern der Brücke und wurden dadurch
vor dem gleichen Schicksal bewahrt. Unter den
Insassen des Zuges herrschte natürlich eine furcht-
bare Panik. Ein Wagen wurde von der Strömung
des Flusses ergriffen und weggeführt. Das Wasser
war blutig gefärbt und mit verstümmelten Körpern
bedeckt. Diejenigen, die dem Tode entgangen waren,
waren durch die ausgestandenen Schrecken völlig
unfähig, den Verunglückten Hilfe zu leisten. Die
Schreckensßenen wurden am größten, als der
Dampf aus den Lokomotivkesseln in den Feuerraum
drang und die glühende Asche unter die um ihr
Leben kämpfenden Passagiere trieb. Infolge der
weiten Entfernung von der nächsten Stadt konnte
die nach Bekanntwerden des Unglücks eingeleitete
Hilfsaktion nur langsam vor sich gehen. Unter den
Trümmern des verbrannten Zuges lagen noch viele
Leichen, an die man bis jetzt nicht herankommen
konnte. Viele Landleute, die aus der Umgegend zur
Hilfeleistung herbeieilten, wurden bei dem entsetz-
lichen Anblick, der sich ihnen an der Unglücksstelle
bot, ohnmächtig. König Alsons sandte, nachdem ihm
Nachricht erstattet worden war, sofort eine Geld-
unterstützung.

(Ein seltsamer Automobilunfall.)

Als Sonntag nachmittags Prinz Moritz von Schaum-
burg-Lippe mit dem Kammerherrn v. Specht in der
Nähe von Langenschwalbach eine Automobilfahrt
unternahm, fuhr der Chauffeur, welcher einem Hunde
ausweichrn wollte, an eine Telegraphenstange an.
Diese schlug um und traf den Kammerherrn, welcher
sofort tot war. Der Erbprinz und der Chauffeur
wurden aus dem Wagen geschleudert und leicht
verletzt.

(Eine Vergnügungstour nach Port
Arthur.)

Nach der Tokioer Meldung eines Lon-
doner Blattes hat die japanische Regierung bereits
einen Vergnügungsdampfer gechartert, der, mit
höheren japanischen Würdenträgern, Parlaments-
abgeordneten und in Japan verweilenden fremden
Gästen an Bord, dieser Tage eine Rundreise ange-
treten hat. Die Meldung lautet weiter, daß der
Dampfer aller Voraussicht nach zur "paßrechten"
Zeit, d. h. dem Programm gemäß in etwa 10
Tagen in Port Arthur anlangen werde, "das in-
zwischen in die Hände der Japaner gefallen sein
dürfte". Die erste Programmnummer verlief mit der
Besichtigung des Kriegshafens von Kure, wie vor-
auszusehen war, zur vollsten Zufriedenheit; dann

Marburger Zeitung Nr. 79, 30. Juni 1904.

[Spaltenumbruch]

weder mit noch ohne Obſtruktion abermals die gol-
denen Aepfel aus dem Staatsgarten von den Re-
gierungen über die Mauer zugeworfen werden. Die
Deutſchen ſind bereit, ſich mit den Tſchechen aus-
einanderzuſetzen und ihnen zuzugeſtehen, was ſie
billigerweiſe und ohne weitere Schädigung des
deutſchen Volkes verlangen dürfen. Die Deutſchen
wollen aber auch ihr Recht in Böhmen und in
ganz Oeſterreich behaupten und ihre hiſtoriſche
Führerſchaft im Staate nicht an das Slaventum
abgeben. Von einer Auseinanderſetzung mit den
Deutſchen weiß auch Herr Dr. Mattuſch nichts zu
ſingen. Er fordert gleich den Jungtſchechen nur
von der Regierung, die dann die Deutſchen zu
zwingen hätte, die tſchechiſchen Abmachungen mit
der Regierung zu unterſchreiben. Die Regierung
müſſe auf die Deutſchen gleichviel wie beſtimmend
einwirken, die Obſtruktion im Landtag aufzugeben.
Die Deutſchen ſind Herrn Mattuſch wie den anderen
Tſchechen gleich Null und auch er ſpekuliert darauf,
im Reichsrat mit Hilfe der anderen deutſchfeindlichen
Parteien und einer gefälligen Regierung die Deutſchen
endgiltig unterzukriegen. Aber auch hier wachen
die Deutſchen und es ſteht bei ihnen und nicht
bei Herrn von Koerber, was ſie im böhmiſchen
Landtag tun wollen und ob ſie die Obſtruktion
aufgeben und ſich abermals der brutalen Majori-
ſierung der Tſchechen mit Hilfe einer Regierung
überliefern wollen. Die Deutſchen wollen, daß in
Böhmen Ordnung gemacht werde. Wenn das end-
lich auch die Tſchechen wollen, anſtatt wie bisher
aus der Unordnung ſich Pfeifen ſchneiden, dann
werden ſie mehr an eine Verſtändigung mit den
Deutſchen denken als an ein Geſchäft mit der Re-
gierung, das dieſe hinterher den Deutſchen aufzu-
halſen hätte.




Politiſche Amſchau.
Inland.
Von der Stinkbombe zur Petarde.

Der jungtſchechiſche Reichsratsabgeordnete
Reichſtädter hat in der Olmützer Handelskammer
ſeinerzeit mit Stinkbomben gearbeitet. In den
böhmiſchen Landtag dürfte demnächſt ein Volks-
vertreter einziehen, der das Petardenwerfen als
politiſches Mittel empfiehlt. Der ſelbſtändige jung-
tſchechiſche Wahlwerber um das Landgemeinden-
mandat von Schlan, Dr. Janovsky, ſprach am
26. d. M. in der genannten Stadt zur Wähler-
ſchaft. Er ſagte, der Kern des jungtſchechiſchen
Programms ſei geſund, die gegenwärtigen Führer
aber ſeien unehrlich. Wenn man die Generale ab-
ſetzt, wäre es voreilig, auch die Armee aufzulöſen.
Die Wahlen in die Delegation hätten verhindert
werden müſſen. Es wäre nur notwendig geweſen,
daß ein Abgeordneter zwei Petarden in das Abge-
ordnetenhaus mitgenommen und erklärt hätte:
„Wenn die Wahlen vorgenommen werden, werfe
ich die Petarden auf die Eſtrade des Präſidenten.“
Die Verſammlung beſchloß daraufhin einſtimmig,
Janovsky als Wahlwerber anzunehmen.


[Spaltenumbruch]
Ausland.
Der ruſſiſch-japaniſche Krieg.
Der Vormarſch der Japaner.

Ein Telegramm des Generals Kuropatkin an
Kaiſer Nikolaus vom 27. d. beſagt: Geſtern nahmen
die japaniſchen Truppen die Offenſive gegen unſere
Vorpoſten an der öſtlichen Front, welche ſich vor
dem Defilee von Fenſchulin, Modulin und Dalin
befinden, auf. Unſere Kavallerie und Infanterie,
welche, von den Japanern bedroht, zurückgingen,
ſtellten feſt, daß der Angriff gegen jeden der drei
Päſſe durch überlegene Streitkräfte ausgeführt
wurde. Der Angriff gegen den Dalin-Paß wurde
außer von anderen Truppen auch von der Garde-
diviſion unternommen. Außer dieſem Angriffe in
der Front machten bedeutende japaniſche Streit-
kräfte eine Umgehungsbewegung an den beiden
Flanken unſerer Truppen, welche die Defilees Fen-
ſchulin und Modulin beſetzt hielten. Heute früh
griffen unbedeutende japaniſche Streitkräfte unſere
Truppen, die ſich von Fenſchulin nach Titkhe zurück-
gezogen hatten, an, wurden jedoch mühelos zurück-
geſchlagen. Die japaniſche Vorhut ſetzte, nachdem
ſie am 26. d. abends unſere Truppen von
Wandiapudza gegen den Dalin-Paß zurückgedrängt
hatte, den Vormarſch gegen unſere Stellung
im Dalin-Paſſe fort. Unſere Vorpoſten leiſteten
einer Infanteriebrigade mit drei Bataillonen,
welche in der Front gegen ſie vorrückte, eine Zeit-
lang Widerſtand, zogen ſich jedoch, da ihnen eine
Umgehung durch andere Truppen drohte, zurück.
Durch die vorgenommenen Rekognoszierungen wurde
feſtgeſtellt, daß ein Teil der japaniſchen Südarmee
in nordöſtlicher Richtung vorrücke, um eine Vereini-
gung mit der Armee Kurokis durchzuführen. Mon-
tag wurde gemeldet, daß unſere Kavallerie ein heißes
Gefecht bei Sjunötſchön hatte.

Nach den mir in den letzten Tagen zugekom-
menen Informationen können die japaniſchen
Streitkräfte, welche gegen unſere Mandſchurei-Armee
vorrücken, auf acht bis neun Diviſionen und mehrere
Reſervebrigaden geſchätzt werden, die gegenwärtig
von den Japanern ins Vordertreffen geſtellt werden.

Japaniſche Grauſamkeiten?

Die Ruſſiſche Telegraphen-Agentur läßt ſich
aus Liaufang melden, Prinz Bourbon ſei Augen-
zeuge von empörender Behandlung ruſſiſcher Ver-
wundeter durch Japaner geweſen, welche ſogar Tote
mit dem Bajonett durchbohrt hätten. Er habe bei
der Räumung der Station Wafangou durch die
ruſſiſchen Truppen eine groß an eine Wand
geſchriebene, an die japaniſchen Generale und Offi-
ziere gerichtete Mitteilung über die mit eigenen
Augen geſehenen Greuel zurückgelaſſen, in der er
zum Schluß die Zuverſicht ausſpricht, daß ſich
Aehnliches nicht wiederholen werde.

Solange ſolche Erzählungen nicht durch eine
amtliche ruſſiſche Erklärung erhärtet werden, tut
man wohl gut, ſie mit einigem Mißtrauen aufzu-
nehmen. In dieſer Form klingt die Sache zwar ſehr
effektvoll, aber nicht ganz wahrſcheinlich. Man darf
wohl annehmen, daß namentlich die japaniſchen
Offiziere da, wo unter dem Kulturlack aſiatiſche
Roheit zum Vorſchein kommt, mit allergrößter
Strenge einſchreiten werden, ſchon aus dem ein-
fachen Grunde, um ihrer Sache in den Augen
Europas nicht zu ſchaden.




[Spaltenumbruch]

Die Wirtin hatte nicht nötig, eine unzurei-
chende Antwort zu geben, denn die Türe öffnete
ſich von neuem und keine andere trat ein als die
Iska, die bei dem unerwarteten Anblicke der Frau
von Jeliska ſtutzte, dann aber einen Freudenſchrei
ausſtieß, ſich ihr zu Füßen warf, ihre Knie um-
faßte und in heftigſter Erregung mehr ſchluchzte
als ſprach:

„Panna! Gott ſei dank! Er lebt! Wir ſind
gerettet!“

Auch der Graf trat ein und begrüßte ſie mit
freudigem Erſtaunen. Er ſagte, daß Stephan ſehr
erſchöpft ſei, daß aber ſein Zuſtand kein Bedenken
einflöße, daß der Wirt bereits auf dem Wege, den
einzigen Arzt des Städtchens zu holen, der die
Kugel aus der Wunde an der Hüfte entfernen und
einen wirklichen Verband anlegen könne. Die zweite
Verwundung oberhalb des Knies rühre offenbar
von einem Streifſchuß her und habe nicht viel zu
bedeuten. Aber morgen in aller Frühe, ſo ſchloß
er ſeinen Bericht, werde er Stephan nach Sareweo
bringen, ſo ſanft und bequem, wie es ſein liebſter
Freund verlangen dürfe und auch die Panna werde
[Spaltenumbruch] ſein Gaſt ſein, da ſie es nicht geſtatten werde, daß
der letzte Czaroswil ohne ihre Pflege geneſe.

„Und Du, Mädchen“, ſagte er zu Iska, „die
Du brav und treu mit wahrem Heldenmut unſer
Schickſal teilen wollteſt, Du, der wir Rettung und
Freiheit verdanken, Du ſollſt in meinem Hauſe Heim
finden und wie viel ich auch drüben, in unſerem
armen Vaterlande verlor, ich werde noch genug
haben, um Deine Zukunft ſicher zu ſtellen.“

Die Panna wünſchte Stephan zu ſehen und
trat in das Zimmer, wo ihm ein Lager bereitet
war. Er ſtreckte ihr die Hand entgegen und ſagte matt:

„Willkommen, Panna, ich lebe und bin ge-
rettet. Dein Gebet war mein Schutz.“

„Gelobt ſei Gott“, entgegnete ſie bewegt. „Nun
wird noch alles, alles gut.“

„Alles, alles gut“, wiederholte er lächelnd
und ſchloß die Augen. „So könnte es ſein, wenn
es wahr iſt, was Roman Krosczynski zum Troſt
mir ſagte und ein entzückendes Bild, das ich ein-
mal ſah und für immer verlor, auf Erden in zwei
Geſtalten lebt.“

(Schluß folgt.)


[Spaltenumbruch]
Port Arthur.

Eine anderweitig nicht beſtätigte nichtoffizielle
Nachricht teilt mit, die Japaner hätten am Sonn-
tag drei Forts im ſüdöſtlichen Teile der Vertei-
digungswerke von Port Arthur angegriffen und
eingenommen. — Eine Reuter-Meldung beſagt:
Der über die Einnahme dreier Forts bei Port
Arthur hier eingegangene nichtamtliche Bericht ſagt,
die Forts Tſchikbanſchau, Tſchitouſchau und Sotſcho-
ſchau wurden am Sonntag nach einem Gefechte,
das den ganzen Tag gewährt hatte, genommen.
Das Gefecht hatte mit dem Kampfe der beider-
ſeitigen Artillerie begonnen. Auf japaniſcher Seite
nahmen Truppen aller Waffengattungen am Ge-
fechte teil. Das Fort Sotſchoſchau wurde zurſt ge-
nommen. Die beiden anderen Forts bald danach.
Die Ruſſen zogen ſich weſtlich zurück. Die Zahl
der Verwundeten iſt noch nicht bekannt. Die
Japaner verloren an Toten und Verwundeten
3 Offiziere und 100 Mann. Zwei ruſſiſche Ge-
ſchütze mit Munition ſind von den Japanern er-
beutet worden.




Tagesneuigkeiten.
(Ein furchtbares Eiſenbahnunglück)

hat ſich auf der Brücke über den Fluß Giſela
(Spanien) ereignet und ſind dabei 50 Perſonen
ums Leben gekommen; dreißig verbrannten in den
brennenden Wagen, zwanzig ertranken im Fluß.
Das Unglück entſtand durch eine Entgleiſung des
Zuges, der aus den Schienen ſprang, wobei die
Lokomotive mit drei Wagen ſich von den übrigen
Wagen trennte. Dieſe drei Wagen erhoben ſich
übereinander und wurden durch fliegende Funken
von der Lokomotive in Brand geſteckt. Der furcht-
bare Sturm, der in der Nacht herrſchte, trieb die
Flammen von den drei Wagen über den Zug weg.
Die Lokomotive arbeitete unterdes weiter, brach
durch die Bruſtwehr der Brücke und blieb in dieſer
hängen, mit den Rädern in der leeren Laft arbeitend.
Einige Stützen der Brücke gerieten ebenfalls in
Brand und gaben nach, ſodaß mehrere Wagen in
den Fluß ſtürzten. Andere Wagen fingen ſich in
den Strebepfeilern der Brücke und wurden dadurch
vor dem gleichen Schickſal bewahrt. Unter den
Inſaſſen des Zuges herrſchte natürlich eine furcht-
bare Panik. Ein Wagen wurde von der Strömung
des Fluſſes ergriffen und weggeführt. Das Waſſer
war blutig gefärbt und mit verſtümmelten Körpern
bedeckt. Diejenigen, die dem Tode entgangen waren,
waren durch die ausgeſtandenen Schrecken völlig
unfähig, den Verunglückten Hilfe zu leiſten. Die
Schreckensſzenen wurden am größten, als der
Dampf aus den Lokomotivkeſſeln in den Feuerraum
drang und die glühende Aſche unter die um ihr
Leben kämpfenden Paſſagiere trieb. Infolge der
weiten Entfernung von der nächſten Stadt konnte
die nach Bekanntwerden des Unglücks eingeleitete
Hilfsaktion nur langſam vor ſich gehen. Unter den
Trümmern des verbrannten Zuges lagen noch viele
Leichen, an die man bis jetzt nicht herankommen
konnte. Viele Landleute, die aus der Umgegend zur
Hilfeleiſtung herbeieilten, wurden bei dem entſetz-
lichen Anblick, der ſich ihnen an der Unglücksſtelle
bot, ohnmächtig. König Alſons ſandte, nachdem ihm
Nachricht erſtattet worden war, ſofort eine Geld-
unterſtützung.

(Ein ſeltſamer Automobilunfall.)

Als Sonntag nachmittags Prinz Moritz von Schaum-
burg-Lippe mit dem Kammerherrn v. Specht in der
Nähe von Langenſchwalbach eine Automobilfahrt
unternahm, fuhr der Chauffeur, welcher einem Hunde
ausweichrn wollte, an eine Telegraphenſtange an.
Dieſe ſchlug um und traf den Kammerherrn, welcher
ſofort tot war. Der Erbprinz und der Chauffeur
wurden aus dem Wagen geſchleudert und leicht
verletzt.

(Eine Vergnügungstour nach Port
Arthur.)

Nach der Tokioer Meldung eines Lon-
doner Blattes hat die japaniſche Regierung bereits
einen Vergnügungsdampfer gechartert, der, mit
höheren japaniſchen Würdenträgern, Parlaments-
abgeordneten und in Japan verweilenden fremden
Gäſten an Bord, dieſer Tage eine Rundreiſe ange-
treten hat. Die Meldung lautet weiter, daß der
Dampfer aller Vorausſicht nach zur „paßrechten“
Zeit, d. h. dem Programm gemäß in etwa 10
Tagen in Port Arthur anlangen werde, „das in-
zwiſchen in die Hände der Japaner gefallen ſein
dürfte“. Die erſte Programmnummer verlief mit der
Beſichtigung des Kriegshafens von Kure, wie vor-
auszuſehen war, zur vollſten Zufriedenheit; dann

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[2/0002] Marburger Zeitung Nr. 79, 30. Juni 1904. weder mit noch ohne Obſtruktion abermals die gol- denen Aepfel aus dem Staatsgarten von den Re- gierungen über die Mauer zugeworfen werden. Die Deutſchen ſind bereit, ſich mit den Tſchechen aus- einanderzuſetzen und ihnen zuzugeſtehen, was ſie billigerweiſe und ohne weitere Schädigung des deutſchen Volkes verlangen dürfen. Die Deutſchen wollen aber auch ihr Recht in Böhmen und in ganz Oeſterreich behaupten und ihre hiſtoriſche Führerſchaft im Staate nicht an das Slaventum abgeben. Von einer Auseinanderſetzung mit den Deutſchen weiß auch Herr Dr. Mattuſch nichts zu ſingen. Er fordert gleich den Jungtſchechen nur von der Regierung, die dann die Deutſchen zu zwingen hätte, die tſchechiſchen Abmachungen mit der Regierung zu unterſchreiben. Die Regierung müſſe auf die Deutſchen gleichviel wie beſtimmend einwirken, die Obſtruktion im Landtag aufzugeben. Die Deutſchen ſind Herrn Mattuſch wie den anderen Tſchechen gleich Null und auch er ſpekuliert darauf, im Reichsrat mit Hilfe der anderen deutſchfeindlichen Parteien und einer gefälligen Regierung die Deutſchen endgiltig unterzukriegen. Aber auch hier wachen die Deutſchen und es ſteht bei ihnen und nicht bei Herrn von Koerber, was ſie im böhmiſchen Landtag tun wollen und ob ſie die Obſtruktion aufgeben und ſich abermals der brutalen Majori- ſierung der Tſchechen mit Hilfe einer Regierung überliefern wollen. Die Deutſchen wollen, daß in Böhmen Ordnung gemacht werde. Wenn das end- lich auch die Tſchechen wollen, anſtatt wie bisher aus der Unordnung ſich Pfeifen ſchneiden, dann werden ſie mehr an eine Verſtändigung mit den Deutſchen denken als an ein Geſchäft mit der Re- gierung, das dieſe hinterher den Deutſchen aufzu- halſen hätte. Politiſche Amſchau. Inland. Von der Stinkbombe zur Petarde. Der jungtſchechiſche Reichsratsabgeordnete Reichſtädter hat in der Olmützer Handelskammer ſeinerzeit mit Stinkbomben gearbeitet. In den böhmiſchen Landtag dürfte demnächſt ein Volks- vertreter einziehen, der das Petardenwerfen als politiſches Mittel empfiehlt. Der ſelbſtändige jung- tſchechiſche Wahlwerber um das Landgemeinden- mandat von Schlan, Dr. Janovsky, ſprach am 26. d. M. in der genannten Stadt zur Wähler- ſchaft. Er ſagte, der Kern des jungtſchechiſchen Programms ſei geſund, die gegenwärtigen Führer aber ſeien unehrlich. Wenn man die Generale ab- ſetzt, wäre es voreilig, auch die Armee aufzulöſen. Die Wahlen in die Delegation hätten verhindert werden müſſen. Es wäre nur notwendig geweſen, daß ein Abgeordneter zwei Petarden in das Abge- ordnetenhaus mitgenommen und erklärt hätte: „Wenn die Wahlen vorgenommen werden, werfe ich die Petarden auf die Eſtrade des Präſidenten.“ Die Verſammlung beſchloß daraufhin einſtimmig, Janovsky als Wahlwerber anzunehmen. Ausland. Der ruſſiſch-japaniſche Krieg. Der Vormarſch der Japaner. Ein Telegramm des Generals Kuropatkin an Kaiſer Nikolaus vom 27. d. beſagt: Geſtern nahmen die japaniſchen Truppen die Offenſive gegen unſere Vorpoſten an der öſtlichen Front, welche ſich vor dem Defilee von Fenſchulin, Modulin und Dalin befinden, auf. Unſere Kavallerie und Infanterie, welche, von den Japanern bedroht, zurückgingen, ſtellten feſt, daß der Angriff gegen jeden der drei Päſſe durch überlegene Streitkräfte ausgeführt wurde. Der Angriff gegen den Dalin-Paß wurde außer von anderen Truppen auch von der Garde- diviſion unternommen. Außer dieſem Angriffe in der Front machten bedeutende japaniſche Streit- kräfte eine Umgehungsbewegung an den beiden Flanken unſerer Truppen, welche die Defilees Fen- ſchulin und Modulin beſetzt hielten. Heute früh griffen unbedeutende japaniſche Streitkräfte unſere Truppen, die ſich von Fenſchulin nach Titkhe zurück- gezogen hatten, an, wurden jedoch mühelos zurück- geſchlagen. Die japaniſche Vorhut ſetzte, nachdem ſie am 26. d. abends unſere Truppen von Wandiapudza gegen den Dalin-Paß zurückgedrängt hatte, den Vormarſch gegen unſere Stellung im Dalin-Paſſe fort. Unſere Vorpoſten leiſteten einer Infanteriebrigade mit drei Bataillonen, welche in der Front gegen ſie vorrückte, eine Zeit- lang Widerſtand, zogen ſich jedoch, da ihnen eine Umgehung durch andere Truppen drohte, zurück. Durch die vorgenommenen Rekognoszierungen wurde feſtgeſtellt, daß ein Teil der japaniſchen Südarmee in nordöſtlicher Richtung vorrücke, um eine Vereini- gung mit der Armee Kurokis durchzuführen. Mon- tag wurde gemeldet, daß unſere Kavallerie ein heißes Gefecht bei Sjunötſchön hatte. Nach den mir in den letzten Tagen zugekom- menen Informationen können die japaniſchen Streitkräfte, welche gegen unſere Mandſchurei-Armee vorrücken, auf acht bis neun Diviſionen und mehrere Reſervebrigaden geſchätzt werden, die gegenwärtig von den Japanern ins Vordertreffen geſtellt werden. Japaniſche Grauſamkeiten? Die Ruſſiſche Telegraphen-Agentur läßt ſich aus Liaufang melden, Prinz Bourbon ſei Augen- zeuge von empörender Behandlung ruſſiſcher Ver- wundeter durch Japaner geweſen, welche ſogar Tote mit dem Bajonett durchbohrt hätten. Er habe bei der Räumung der Station Wafangou durch die ruſſiſchen Truppen eine groß an eine Wand geſchriebene, an die japaniſchen Generale und Offi- ziere gerichtete Mitteilung über die mit eigenen Augen geſehenen Greuel zurückgelaſſen, in der er zum Schluß die Zuverſicht ausſpricht, daß ſich Aehnliches nicht wiederholen werde. Solange ſolche Erzählungen nicht durch eine amtliche ruſſiſche Erklärung erhärtet werden, tut man wohl gut, ſie mit einigem Mißtrauen aufzu- nehmen. In dieſer Form klingt die Sache zwar ſehr effektvoll, aber nicht ganz wahrſcheinlich. Man darf wohl annehmen, daß namentlich die japaniſchen Offiziere da, wo unter dem Kulturlack aſiatiſche Roheit zum Vorſchein kommt, mit allergrößter Strenge einſchreiten werden, ſchon aus dem ein- fachen Grunde, um ihrer Sache in den Augen Europas nicht zu ſchaden. Die Wirtin hatte nicht nötig, eine unzurei- chende Antwort zu geben, denn die Türe öffnete ſich von neuem und keine andere trat ein als die Iska, die bei dem unerwarteten Anblicke der Frau von Jeliska ſtutzte, dann aber einen Freudenſchrei ausſtieß, ſich ihr zu Füßen warf, ihre Knie um- faßte und in heftigſter Erregung mehr ſchluchzte als ſprach: „Panna! Gott ſei dank! Er lebt! Wir ſind gerettet!“ Auch der Graf trat ein und begrüßte ſie mit freudigem Erſtaunen. Er ſagte, daß Stephan ſehr erſchöpft ſei, daß aber ſein Zuſtand kein Bedenken einflöße, daß der Wirt bereits auf dem Wege, den einzigen Arzt des Städtchens zu holen, der die Kugel aus der Wunde an der Hüfte entfernen und einen wirklichen Verband anlegen könne. Die zweite Verwundung oberhalb des Knies rühre offenbar von einem Streifſchuß her und habe nicht viel zu bedeuten. Aber morgen in aller Frühe, ſo ſchloß er ſeinen Bericht, werde er Stephan nach Sareweo bringen, ſo ſanft und bequem, wie es ſein liebſter Freund verlangen dürfe und auch die Panna werde ſein Gaſt ſein, da ſie es nicht geſtatten werde, daß der letzte Czaroswil ohne ihre Pflege geneſe. „Und Du, Mädchen“, ſagte er zu Iska, „die Du brav und treu mit wahrem Heldenmut unſer Schickſal teilen wollteſt, Du, der wir Rettung und Freiheit verdanken, Du ſollſt in meinem Hauſe Heim finden und wie viel ich auch drüben, in unſerem armen Vaterlande verlor, ich werde noch genug haben, um Deine Zukunft ſicher zu ſtellen.“ Die Panna wünſchte Stephan zu ſehen und trat in das Zimmer, wo ihm ein Lager bereitet war. Er ſtreckte ihr die Hand entgegen und ſagte matt: „Willkommen, Panna, ich lebe und bin ge- rettet. Dein Gebet war mein Schutz.“ „Gelobt ſei Gott“, entgegnete ſie bewegt. „Nun wird noch alles, alles gut.“ „Alles, alles gut“, wiederholte er lächelnd und ſchloß die Augen. „So könnte es ſein, wenn es wahr iſt, was Roman Krosczynski zum Troſt mir ſagte und ein entzückendes Bild, das ich ein- mal ſah und für immer verlor, auf Erden in zwei Geſtalten lebt.“ (Schluß folgt.) Port Arthur. Eine anderweitig nicht beſtätigte nichtoffizielle Nachricht teilt mit, die Japaner hätten am Sonn- tag drei Forts im ſüdöſtlichen Teile der Vertei- digungswerke von Port Arthur angegriffen und eingenommen. — Eine Reuter-Meldung beſagt: Der über die Einnahme dreier Forts bei Port Arthur hier eingegangene nichtamtliche Bericht ſagt, die Forts Tſchikbanſchau, Tſchitouſchau und Sotſcho- ſchau wurden am Sonntag nach einem Gefechte, das den ganzen Tag gewährt hatte, genommen. Das Gefecht hatte mit dem Kampfe der beider- ſeitigen Artillerie begonnen. Auf japaniſcher Seite nahmen Truppen aller Waffengattungen am Ge- fechte teil. Das Fort Sotſchoſchau wurde zurſt ge- nommen. Die beiden anderen Forts bald danach. Die Ruſſen zogen ſich weſtlich zurück. Die Zahl der Verwundeten iſt noch nicht bekannt. Die Japaner verloren an Toten und Verwundeten 3 Offiziere und 100 Mann. Zwei ruſſiſche Ge- ſchütze mit Munition ſind von den Japanern er- beutet worden. Tagesneuigkeiten. (Ein furchtbares Eiſenbahnunglück) hat ſich auf der Brücke über den Fluß Giſela (Spanien) ereignet und ſind dabei 50 Perſonen ums Leben gekommen; dreißig verbrannten in den brennenden Wagen, zwanzig ertranken im Fluß. Das Unglück entſtand durch eine Entgleiſung des Zuges, der aus den Schienen ſprang, wobei die Lokomotive mit drei Wagen ſich von den übrigen Wagen trennte. Dieſe drei Wagen erhoben ſich übereinander und wurden durch fliegende Funken von der Lokomotive in Brand geſteckt. Der furcht- bare Sturm, der in der Nacht herrſchte, trieb die Flammen von den drei Wagen über den Zug weg. Die Lokomotive arbeitete unterdes weiter, brach durch die Bruſtwehr der Brücke und blieb in dieſer hängen, mit den Rädern in der leeren Laft arbeitend. Einige Stützen der Brücke gerieten ebenfalls in Brand und gaben nach, ſodaß mehrere Wagen in den Fluß ſtürzten. Andere Wagen fingen ſich in den Strebepfeilern der Brücke und wurden dadurch vor dem gleichen Schickſal bewahrt. Unter den Inſaſſen des Zuges herrſchte natürlich eine furcht- bare Panik. Ein Wagen wurde von der Strömung des Fluſſes ergriffen und weggeführt. Das Waſſer war blutig gefärbt und mit verſtümmelten Körpern bedeckt. Diejenigen, die dem Tode entgangen waren, waren durch die ausgeſtandenen Schrecken völlig unfähig, den Verunglückten Hilfe zu leiſten. Die Schreckensſzenen wurden am größten, als der Dampf aus den Lokomotivkeſſeln in den Feuerraum drang und die glühende Aſche unter die um ihr Leben kämpfenden Paſſagiere trieb. Infolge der weiten Entfernung von der nächſten Stadt konnte die nach Bekanntwerden des Unglücks eingeleitete Hilfsaktion nur langſam vor ſich gehen. Unter den Trümmern des verbrannten Zuges lagen noch viele Leichen, an die man bis jetzt nicht herankommen konnte. Viele Landleute, die aus der Umgegend zur Hilfeleiſtung herbeieilten, wurden bei dem entſetz- lichen Anblick, der ſich ihnen an der Unglücksſtelle bot, ohnmächtig. König Alſons ſandte, nachdem ihm Nachricht erſtattet worden war, ſofort eine Geld- unterſtützung. (Ein ſeltſamer Automobilunfall.) Als Sonntag nachmittags Prinz Moritz von Schaum- burg-Lippe mit dem Kammerherrn v. Specht in der Nähe von Langenſchwalbach eine Automobilfahrt unternahm, fuhr der Chauffeur, welcher einem Hunde ausweichrn wollte, an eine Telegraphenſtange an. Dieſe ſchlug um und traf den Kammerherrn, welcher ſofort tot war. Der Erbprinz und der Chauffeur wurden aus dem Wagen geſchleudert und leicht verletzt. (Eine Vergnügungstour nach Port Arthur.) Nach der Tokioer Meldung eines Lon- doner Blattes hat die japaniſche Regierung bereits einen Vergnügungsdampfer gechartert, der, mit höheren japaniſchen Würdenträgern, Parlaments- abgeordneten und in Japan verweilenden fremden Gäſten an Bord, dieſer Tage eine Rundreiſe ange- treten hat. Die Meldung lautet weiter, daß der Dampfer aller Vorausſicht nach zur „paßrechten“ Zeit, d. h. dem Programm gemäß in etwa 10 Tagen in Port Arthur anlangen werde, „das in- zwiſchen in die Hände der Japaner gefallen ſein dürfte“. Die erſte Programmnummer verlief mit der Beſichtigung des Kriegshafens von Kure, wie vor- auszuſehen war, zur vollſten Zufriedenheit; dann

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Zitationshilfe: Marburger Zeitung. Nr. 79, Marburg, 30.06.1904, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_marburger79_1904/2>, abgerufen am 09.08.2022.