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Die Bayerische Presse. Nr. 281. Würzburg, 23. November 1850.

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Die Bayerische Presse.

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Ganzjährig 6 fl.
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Monatlich für die Stadt 30 kr.

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Eine constitutionell-monarchische Zeitung.
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Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr.
Nr. 533.

Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe-
titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe
und Gelder frei.

[Ende Spaltensatz]

Nr. 281.
Würzburg, Samstag den 23. November. 1850.


[Beginn Spaltensatz]
Amtliche Nachrichten.

München, 21. Nov. Se. Maj. der König
haben unterm 19. Nov. l. J. Sich bewogen ge-
funden, den ersten Assessor des Landgerichts Hei-
denheim, Johann Paul Zitzmann in gleicher Ei-
genschaft an das Landgericht Kitzingen und den
Landgerichts=Aktuar Johann Friedr. Zeitler von
Kitzingen, seiner Bitte gemäß, als ersten Assessor
an das Landgericht Heidenheim zu berufen.

Würzburg, 23. Nov. Dem Schuldienstex-
spectanten und dermaligen Schulverweser Valen-
tin Sauer in Abtsrode, k. Ldgcht. Weyhers wurde
die Schulstelle daselbst in ständiger Eigenschaft
übertragen.



Der Wahn der Unmöglichkeit des
Communismus.

( Schluß. )

Den Durchgangspunkt zu diesem Wechsel, der
eben den großen politischen Kampf unserer Zeit
hervorgerufen, und als Eingang zu dem Vanda-
lenthum des Communismus zu betrachten ist, bil-
dete die aus dem Sturze der absoluten, in fal-
scher Form hervorgegangene und in dieser sich fort-
entwickelnde constitutionelle Monarchie. England,
wo zuerst die Jdee der absoluten fürstlichen
Staatsallmacht durchgeführt wurde, sah auch zu-
erst für einige Zeit deren Uebertragung auf die
Massen durch seine Revolution verwirklicht; aus
dem Kampfe der beiden, um diese Allgewalt sich
herumreißenden Mächte, der fürstlichen und volks-
thümlichen, ging durch eine Art von Friedensver-
trag zwischen beiden das Mixtum compositum
der constitutionellen Monarchie hervor. Man
theilte die Omnipotenz nemlich in zwei Stücke,
wovon man das eine dem Fürsten überließ, das
andere aber der an die Spitze des Volkes als
seine Vertreter sich hinstellenden Aristokratie als
Beute hinwarf; damit war die Staatsallmacht
der Fürsten gebrochen und ihr allmäliger gänzli-
cher Uebergang auf ein anderes Element vorbe-
reitet. Für den Verlust tröstete man den Fürsten
mit dem geschichtlich und moralisch unwahren
Satze, "daß der Fürst nicht unrecht thun könne,"
und leitete daraus die beruhigende Folgerung ab,
"daß er nicht verantwortlich sei." -- Der Um-
stand, daß das Parlament in England seit drei-
hundert Jahren mit seiner Beute sich begnügte,
ist noch kein Beweis, daß dieses dort immer, oder
daß es anderwärts so der Fall sein werde, viel-
mehr zeigt es andern Ländern die Erfahrung, daß
unmittelbar hinter dem Constitutionalismus unse-
rer Zeit die Demokratie sich emporhebt, als so-
genannte Legaldemokratie ihre Verwandtschaft zum
Constitutionalismus und ihre gemeinsame Abstam-
mung mit selbem nachzuweisen sucht, während ihr
einziges Bestreben auf Sturz der constitutionellen
Theilung der Staatsgewalt, auf ausschließliche
Uebertragung derselben auf die Massen gerichtet
ist. -- Der heutige Constitutionalismus trägt in
sich weder die Kraft eines Prinzips, noch eine
materielle Macht; er muß der Demokratie, die
beides in sich vereinigt, weichen.

Aber glaubt ihr, daß die Massen, deren Hoch-
muth und Begierlichkeit man aufs Höchste gereizt
[unleserliches Material] mit der Beute, welche die demokratischen
[unleserliches Material - 2 Zeichen fehlen]er ihnen zuzuwerfen gedenken, zufrieden sein
[Spaltenumbruch] werden! -- Wenn es einmal in Europa dahin
kommen sollte, daß die historischen Rechte der
Throne vernichtet, die Monarchien gestürzt, der
große Haufen dagegen wirklich zum Souverän, zu
einem über alle Rechte stehenden, nur von seiner
Willkür abhängigen Herrscher ausgerufen werden
sollte, glaubt Jhr, daß der nimmersatte Magen
dieser vergötterten, damit aber eigentlich mehr ver-
thierten Massen mit der substanzlosen Speise eines
logischen Begriffes, der Fiction von Staatsgewalt,
geeignet blos als Mittel zum Beutemachen für
die an der Spitze stehenden demokratischen Jntri-
guanten, sich zufrieden stellen werde? Thoren sind,
die das glauben, Menschen, die aus der Weltge-
schichte kein Blatt gelesen und von menschlichen
Herzen keinen Zug kennen; die Massen werden
wirkliche Speise für sich verlangen; da aber in
dem zerstörenden Entwicklungsgange nichts mehr
als das Eigenthum verschont wurde, so ist es auch
das Einzige, was zum Verschlingen noch übrig
geblieben. Sie werden diesen letzten Rest des
historischen Rechtes, viel fetter als alle Phrasen
von Volksmajestät, Volksherrschaft und Volks-
souveränetät, und darum gerade für den gieri-
gen Schlund der Massen geeignet, sicher ver-
schlingen.

Wiß't ihr das Geheimniß nicht, daß die Zahl
der Besitzlosen viel größer, als die der Besitzen-
den ist, daß durch Souveränisirung der großen
Haufen und das mit logischer Gewalt sich auf-
drängende Prinzip der Wahrheit eigentlich nur die
Besitzlosen zum Herrscher erklärt worden sind,
welche nicht ermangeln werden, das letzte Ueber-
bleibsel von Recht, das Eigenthum, als Unrecht,
und Raub desselben aus den Händen der Besitzen-
den als Recht zu erklären. Es ist freilich ein
Geheimniß nur für Solche, die Augen haben und
nicht sehen, die Ohren besitzen und nicht hören
wollen; für die Sehenden und Hörenden aber
wandert es als offenkundige Thatsache auf allen
Straßen der Städte, in allen Landestheilen, in
in allen Staaten herum. Es ist wirklich merk-
würdig, wie es noch jetzt so viele Leute gibt,
welche in dem Wahne befangen sind, als sei die
Zahl der Besitzenden größer, als jene der Besitz-
losen, während das Verhältniß gerade umgekehrt
ist. Wir stellen eine sehr günstige Berechnung
auf, wenn wir für die meisten Länder Europa's,
mit Abrechnung des weiblichen Geschlechtes, das
Verhältniß der Besitzenden zu den Besitzlosen,
wie 1 / 3 zu 2 / 3 angeben.

Die Bevölkerung der Städte, namentlich der
größeren, zählt in unserer Zeit, wo Alles in die
Städte sich hineindrängt, und deren Einwohner-
zahl daher in einer reißenden Progression zunimmt,
in einem weit größeren Verhältnisse als dem an-
gegebenen zur Klasse der Besitzlosen, d. h. aller
Jener, welche entweder gar Nichts besitzen, indem sie
mit Noth u. Elend bereits wirklich im Kampfe liegen,
oder selbe für die nächste Zukunft in Aussicht haben,
oder Tag aus Tag ein nur so viel erwerben,
um für sich und die Jhrigen knapp die unmittel-
barsten Lebensbedürfnisse zu bestreiten; oder dann
Jener, deren Besitz so gering ist, daß derselbe sie
keineswegs von der Gier einer allgemeinen Güter-
theilung abzuhalten geeignet ist. -- Man mache
nur eine Rundschau in den Städten, fange beim
[Spaltenumbruch] Königspallaste an und steige bis zu den Taglöhner-
hütten und öffentlichen Armenanstalten herunter,
und man wird finden, daß die Zahl der Wohn-
stätten sehr gering ist, wo wirklich mehr Besitzende
als Besitzlose wohnen. Die großen Proletarier-
heere in den Städten sind keine Fiction, sondern
leider eine nur zu traurige Wirklichkeit. -- Das
Verhältniß auf dem Lande ist zwar günstiger;
allein auch hier ist die Zahl der Besitzlosen grö-
ßer, als jene der Besitzlosen. -- Vorerst wird
Niemand bestreiten, daß die Zahl der Dienstboten
und Taglöhner viel größer ist, als jene der Dienst-
herren und Grundbesitzer ist. Allein selbst in der
Familie von diesen gehört der größere Theil zur
Klasse der Besitzlosen; ja es ist sogar ein Gebot
der Nationalwohlfahrt, die unbedingte Gütertheilung
in den Familien zu erschweren, der allzuleichten
Verwandlung der besitzlosen Familienglieder in
besitzende Hindernisse in den Weg zu legen, weil
die Erfahrung beweist, daß durch allzugroße Be-
günstigung der Gütertheilung zwar eine große
Zahl von Besitzenden geschaffen, ihr Besitz aber
selbst mit der Zeit auf ein solches Minimum
zurückgebracht wird, daß er der Besitzlosigkeit gleich
kömmt. Es findet hier das Paradoxon, "daß die
Vermehrung der Zahl der Besitzenden die Besitz-
losigkeit vergrößert," seine volle Anwendung. --
Man hat in Frankreich auf eine Totalbevölkerung
von vierundreißig Millionen die Zahl der Besitzen-
den und direkte Steuern Entrichtenden auf höch-
stens fünf bis sechs Millionen angegeben; das
Verhältniß wird in Deutschland nicht viel günsti-
ger sein. -- Der Wahlsieg der Socialisten in
Paris und anderen Gegenden ist daher gar nichts
so Unbegreifliches; es ist ein Beweis von gänz-
lichem Mangel an Fähigkeit zur Auffassung un-
serer gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn man die
Niederlage in den neuesten Wahlkämpfen in Frank-
reich einer tollverkehrten Gesinnung eines bedeu-
tenden Theiles der besitzenden Bourgeoisie zuschreibt
und ihr vorwirft, daß diese aus politischem Wahn-
witze für Das stimme, was sie ruiniren werde.
Der Sieg ist lediglich einem einigeren, massen-
haften Zusammenwirken der besitzlosen Massen zu-
zuschreiben. Wir hehaupten, daß bei diesen Wahl-
kämpfen nicht nur die ungeheure Mehrzahl der
Besitzenden gegen den Socialismus gestimmt hat,
sondern, daß sogar nach dem vorliegenden Zah-
lenverhältniß der Für= und Gegenstimmenden, ein
namhafter Theil von Denjenigen, welche zur
Klasse der Besitzlosen gehören, aus allerlei Grün-
den, die ihnen nahe lagen, gegen und nicht für
die Socialisten gestimmt haben. Wie lange wird
man aber bei der reißend um sich greifenden De-
moralisation auf die Stimmen von solchen Leuten
rechnen können? -- Jst nicht die Aussicht vor-
handen, daß in Frankreich die ganze Klasse der
Besitzlosen zu einem wohlgegliederten Wahlheere
sich organisirt und in den unblutigen Wahlschlach-
ten einen sicheren Triumph erringt, und sind wir
in Dentschland und anderwärts etwa so fern von
den Zuständen Frankreichs? Hinausgeworfen zum
größten Theile aus dem Gebiete des historischen
Rechtes, bewegen wir uns allenthalben beinahe
lediglich nur noch auf dem Boden faktischer Zu-
stände. Wie lange werden diese dauern? Die
Armeen haben dieselben noch für einige Zeit in

Die Bayerische Presse.

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München, 21. Nov. Se. Maj. der König
haben unterm 19. Nov. l. J. Sich bewogen ge-
funden, den ersten Assessor des Landgerichts Hei-
denheim, Johann Paul Zitzmann in gleicher Ei-
genschaft an das Landgericht Kitzingen und den
Landgerichts=Aktuar Johann Friedr. Zeitler von
Kitzingen, seiner Bitte gemäß, als ersten Assessor
an das Landgericht Heidenheim zu berufen.

Würzburg, 23. Nov. Dem Schuldienstex-
spectanten und dermaligen Schulverweser Valen-
tin Sauer in Abtsrode, k. Ldgcht. Weyhers wurde
die Schulstelle daselbst in ständiger Eigenschaft
übertragen.



Der Wahn der Unmöglichkeit des
Communismus.

( Schluß. )

Den Durchgangspunkt zu diesem Wechsel, der
eben den großen politischen Kampf unserer Zeit
hervorgerufen, und als Eingang zu dem Vanda-
lenthum des Communismus zu betrachten ist, bil-
dete die aus dem Sturze der absoluten, in fal-
scher Form hervorgegangene und in dieser sich fort-
entwickelnde constitutionelle Monarchie. England,
wo zuerst die Jdee der absoluten fürstlichen
Staatsallmacht durchgeführt wurde, sah auch zu-
erst für einige Zeit deren Uebertragung auf die
Massen durch seine Revolution verwirklicht; aus
dem Kampfe der beiden, um diese Allgewalt sich
herumreißenden Mächte, der fürstlichen und volks-
thümlichen, ging durch eine Art von Friedensver-
trag zwischen beiden das Mixtum compositum
der constitutionellen Monarchie hervor. Man
theilte die Omnipotenz nemlich in zwei Stücke,
wovon man das eine dem Fürsten überließ, das
andere aber der an die Spitze des Volkes als
seine Vertreter sich hinstellenden Aristokratie als
Beute hinwarf; damit war die Staatsallmacht
der Fürsten gebrochen und ihr allmäliger gänzli-
cher Uebergang auf ein anderes Element vorbe-
reitet. Für den Verlust tröstete man den Fürsten
mit dem geschichtlich und moralisch unwahren
Satze, „daß der Fürst nicht unrecht thun könne,“
und leitete daraus die beruhigende Folgerung ab,
„daß er nicht verantwortlich sei.“ -- Der Um-
stand, daß das Parlament in England seit drei-
hundert Jahren mit seiner Beute sich begnügte,
ist noch kein Beweis, daß dieses dort immer, oder
daß es anderwärts so der Fall sein werde, viel-
mehr zeigt es andern Ländern die Erfahrung, daß
unmittelbar hinter dem Constitutionalismus unse-
rer Zeit die Demokratie sich emporhebt, als so-
genannte Legaldemokratie ihre Verwandtschaft zum
Constitutionalismus und ihre gemeinsame Abstam-
mung mit selbem nachzuweisen sucht, während ihr
einziges Bestreben auf Sturz der constitutionellen
Theilung der Staatsgewalt, auf ausschließliche
Uebertragung derselben auf die Massen gerichtet
ist. -- Der heutige Constitutionalismus trägt in
sich weder die Kraft eines Prinzips, noch eine
materielle Macht; er muß der Demokratie, die
beides in sich vereinigt, weichen.

Aber glaubt ihr, daß die Massen, deren Hoch-
muth und Begierlichkeit man aufs Höchste gereizt
[unleserliches Material] mit der Beute, welche die demokratischen
[unleserliches Material – 2 Zeichen fehlen]er ihnen zuzuwerfen gedenken, zufrieden sein
[Spaltenumbruch] werden! -- Wenn es einmal in Europa dahin
kommen sollte, daß die historischen Rechte der
Throne vernichtet, die Monarchien gestürzt, der
große Haufen dagegen wirklich zum Souverän, zu
einem über alle Rechte stehenden, nur von seiner
Willkür abhängigen Herrscher ausgerufen werden
sollte, glaubt Jhr, daß der nimmersatte Magen
dieser vergötterten, damit aber eigentlich mehr ver-
thierten Massen mit der substanzlosen Speise eines
logischen Begriffes, der Fiction von Staatsgewalt,
geeignet blos als Mittel zum Beutemachen für
die an der Spitze stehenden demokratischen Jntri-
guanten, sich zufrieden stellen werde? Thoren sind,
die das glauben, Menschen, die aus der Weltge-
schichte kein Blatt gelesen und von menschlichen
Herzen keinen Zug kennen; die Massen werden
wirkliche Speise für sich verlangen; da aber in
dem zerstörenden Entwicklungsgange nichts mehr
als das Eigenthum verschont wurde, so ist es auch
das Einzige, was zum Verschlingen noch übrig
geblieben. Sie werden diesen letzten Rest des
historischen Rechtes, viel fetter als alle Phrasen
von Volksmajestät, Volksherrschaft und Volks-
souveränetät, und darum gerade für den gieri-
gen Schlund der Massen geeignet, sicher ver-
schlingen.

Wiß't ihr das Geheimniß nicht, daß die Zahl
der Besitzlosen viel größer, als die der Besitzen-
den ist, daß durch Souveränisirung der großen
Haufen und das mit logischer Gewalt sich auf-
drängende Prinzip der Wahrheit eigentlich nur die
Besitzlosen zum Herrscher erklärt worden sind,
welche nicht ermangeln werden, das letzte Ueber-
bleibsel von Recht, das Eigenthum, als Unrecht,
und Raub desselben aus den Händen der Besitzen-
den als Recht zu erklären. Es ist freilich ein
Geheimniß nur für Solche, die Augen haben und
nicht sehen, die Ohren besitzen und nicht hören
wollen; für die Sehenden und Hörenden aber
wandert es als offenkundige Thatsache auf allen
Straßen der Städte, in allen Landestheilen, in
in allen Staaten herum. Es ist wirklich merk-
würdig, wie es noch jetzt so viele Leute gibt,
welche in dem Wahne befangen sind, als sei die
Zahl der Besitzenden größer, als jene der Besitz-
losen, während das Verhältniß gerade umgekehrt
ist. Wir stellen eine sehr günstige Berechnung
auf, wenn wir für die meisten Länder Europa's,
mit Abrechnung des weiblichen Geschlechtes, das
Verhältniß der Besitzenden zu den Besitzlosen,
wie 1 / 3 zu 2 / 3 angeben.

Die Bevölkerung der Städte, namentlich der
größeren, zählt in unserer Zeit, wo Alles in die
Städte sich hineindrängt, und deren Einwohner-
zahl daher in einer reißenden Progression zunimmt,
in einem weit größeren Verhältnisse als dem an-
gegebenen zur Klasse der Besitzlosen, d. h. aller
Jener, welche entweder gar Nichts besitzen, indem sie
mit Noth u. Elend bereits wirklich im Kampfe liegen,
oder selbe für die nächste Zukunft in Aussicht haben,
oder Tag aus Tag ein nur so viel erwerben,
um für sich und die Jhrigen knapp die unmittel-
barsten Lebensbedürfnisse zu bestreiten; oder dann
Jener, deren Besitz so gering ist, daß derselbe sie
keineswegs von der Gier einer allgemeinen Güter-
theilung abzuhalten geeignet ist. -- Man mache
nur eine Rundschau in den Städten, fange beim
[Spaltenumbruch] Königspallaste an und steige bis zu den Taglöhner-
hütten und öffentlichen Armenanstalten herunter,
und man wird finden, daß die Zahl der Wohn-
stätten sehr gering ist, wo wirklich mehr Besitzende
als Besitzlose wohnen. Die großen Proletarier-
heere in den Städten sind keine Fiction, sondern
leider eine nur zu traurige Wirklichkeit. -- Das
Verhältniß auf dem Lande ist zwar günstiger;
allein auch hier ist die Zahl der Besitzlosen grö-
ßer, als jene der Besitzlosen. -- Vorerst wird
Niemand bestreiten, daß die Zahl der Dienstboten
und Taglöhner viel größer ist, als jene der Dienst-
herren und Grundbesitzer ist. Allein selbst in der
Familie von diesen gehört der größere Theil zur
Klasse der Besitzlosen; ja es ist sogar ein Gebot
der Nationalwohlfahrt, die unbedingte Gütertheilung
in den Familien zu erschweren, der allzuleichten
Verwandlung der besitzlosen Familienglieder in
besitzende Hindernisse in den Weg zu legen, weil
die Erfahrung beweist, daß durch allzugroße Be-
günstigung der Gütertheilung zwar eine große
Zahl von Besitzenden geschaffen, ihr Besitz aber
selbst mit der Zeit auf ein solches Minimum
zurückgebracht wird, daß er der Besitzlosigkeit gleich
kömmt. Es findet hier das Paradoxon, „daß die
Vermehrung der Zahl der Besitzenden die Besitz-
losigkeit vergrößert,“ seine volle Anwendung. --
Man hat in Frankreich auf eine Totalbevölkerung
von vierundreißig Millionen die Zahl der Besitzen-
den und direkte Steuern Entrichtenden auf höch-
stens fünf bis sechs Millionen angegeben; das
Verhältniß wird in Deutschland nicht viel günsti-
ger sein. -- Der Wahlsieg der Socialisten in
Paris und anderen Gegenden ist daher gar nichts
so Unbegreifliches; es ist ein Beweis von gänz-
lichem Mangel an Fähigkeit zur Auffassung un-
serer gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn man die
Niederlage in den neuesten Wahlkämpfen in Frank-
reich einer tollverkehrten Gesinnung eines bedeu-
tenden Theiles der besitzenden Bourgeoisie zuschreibt
und ihr vorwirft, daß diese aus politischem Wahn-
witze für Das stimme, was sie ruiniren werde.
Der Sieg ist lediglich einem einigeren, massen-
haften Zusammenwirken der besitzlosen Massen zu-
zuschreiben. Wir hehaupten, daß bei diesen Wahl-
kämpfen nicht nur die ungeheure Mehrzahl der
Besitzenden gegen den Socialismus gestimmt hat,
sondern, daß sogar nach dem vorliegenden Zah-
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namhafter Theil von Denjenigen, welche zur
Klasse der Besitzlosen gehören, aus allerlei Grün-
den, die ihnen nahe lagen, gegen und nicht für
die Socialisten gestimmt haben. Wie lange wird
man aber bei der reißend um sich greifenden De-
moralisation auf die Stimmen von solchen Leuten
rechnen können? -- Jst nicht die Aussicht vor-
handen, daß in Frankreich die ganze Klasse der
Besitzlosen zu einem wohlgegliederten Wahlheere
sich organisirt und in den unblutigen Wahlschlach-
ten einen sicheren Triumph erringt, und sind wir
in Dentschland und anderwärts etwa so fern von
den Zuständen Frankreichs? Hinausgeworfen zum
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[0001] Die Bayerische Presse. Abonnement: Ganzjährig 6 fl. Halbjährig 3 fl. Vierteljährig 1 fl. 30 kr. Monatlich für die Stadt 30 kr. Eine constitutionell-monarchische Zeitung. Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr. Nr. 533. Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe- titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe und Gelder frei. Nr. 281. Würzburg, Samstag den 23. November. 1850. Amtliche Nachrichten. München, 21. Nov. Se. Maj. der König haben unterm 19. Nov. l. J. Sich bewogen ge- funden, den ersten Assessor des Landgerichts Hei- denheim, Johann Paul Zitzmann in gleicher Ei- genschaft an das Landgericht Kitzingen und den Landgerichts=Aktuar Johann Friedr. Zeitler von Kitzingen, seiner Bitte gemäß, als ersten Assessor an das Landgericht Heidenheim zu berufen. Würzburg, 23. Nov. Dem Schuldienstex- spectanten und dermaligen Schulverweser Valen- tin Sauer in Abtsrode, k. Ldgcht. Weyhers wurde die Schulstelle daselbst in ständiger Eigenschaft übertragen. Der Wahn der Unmöglichkeit des Communismus. ( Schluß. ) Den Durchgangspunkt zu diesem Wechsel, der eben den großen politischen Kampf unserer Zeit hervorgerufen, und als Eingang zu dem Vanda- lenthum des Communismus zu betrachten ist, bil- dete die aus dem Sturze der absoluten, in fal- scher Form hervorgegangene und in dieser sich fort- entwickelnde constitutionelle Monarchie. England, wo zuerst die Jdee der absoluten fürstlichen Staatsallmacht durchgeführt wurde, sah auch zu- erst für einige Zeit deren Uebertragung auf die Massen durch seine Revolution verwirklicht; aus dem Kampfe der beiden, um diese Allgewalt sich herumreißenden Mächte, der fürstlichen und volks- thümlichen, ging durch eine Art von Friedensver- trag zwischen beiden das Mixtum compositum der constitutionellen Monarchie hervor. Man theilte die Omnipotenz nemlich in zwei Stücke, wovon man das eine dem Fürsten überließ, das andere aber der an die Spitze des Volkes als seine Vertreter sich hinstellenden Aristokratie als Beute hinwarf; damit war die Staatsallmacht der Fürsten gebrochen und ihr allmäliger gänzli- cher Uebergang auf ein anderes Element vorbe- reitet. Für den Verlust tröstete man den Fürsten mit dem geschichtlich und moralisch unwahren Satze, „daß der Fürst nicht unrecht thun könne,“ und leitete daraus die beruhigende Folgerung ab, „daß er nicht verantwortlich sei.“ -- Der Um- stand, daß das Parlament in England seit drei- hundert Jahren mit seiner Beute sich begnügte, ist noch kein Beweis, daß dieses dort immer, oder daß es anderwärts so der Fall sein werde, viel- mehr zeigt es andern Ländern die Erfahrung, daß unmittelbar hinter dem Constitutionalismus unse- rer Zeit die Demokratie sich emporhebt, als so- genannte Legaldemokratie ihre Verwandtschaft zum Constitutionalismus und ihre gemeinsame Abstam- mung mit selbem nachzuweisen sucht, während ihr einziges Bestreben auf Sturz der constitutionellen Theilung der Staatsgewalt, auf ausschließliche Uebertragung derselben auf die Massen gerichtet ist. -- Der heutige Constitutionalismus trägt in sich weder die Kraft eines Prinzips, noch eine materielle Macht; er muß der Demokratie, die beides in sich vereinigt, weichen. Aber glaubt ihr, daß die Massen, deren Hoch- muth und Begierlichkeit man aufs Höchste gereizt _ mit der Beute, welche die demokratischen __er ihnen zuzuwerfen gedenken, zufrieden sein werden! -- Wenn es einmal in Europa dahin kommen sollte, daß die historischen Rechte der Throne vernichtet, die Monarchien gestürzt, der große Haufen dagegen wirklich zum Souverän, zu einem über alle Rechte stehenden, nur von seiner Willkür abhängigen Herrscher ausgerufen werden sollte, glaubt Jhr, daß der nimmersatte Magen dieser vergötterten, damit aber eigentlich mehr ver- thierten Massen mit der substanzlosen Speise eines logischen Begriffes, der Fiction von Staatsgewalt, geeignet blos als Mittel zum Beutemachen für die an der Spitze stehenden demokratischen Jntri- guanten, sich zufrieden stellen werde? Thoren sind, die das glauben, Menschen, die aus der Weltge- schichte kein Blatt gelesen und von menschlichen Herzen keinen Zug kennen; die Massen werden wirkliche Speise für sich verlangen; da aber in dem zerstörenden Entwicklungsgange nichts mehr als das Eigenthum verschont wurde, so ist es auch das Einzige, was zum Verschlingen noch übrig geblieben. Sie werden diesen letzten Rest des historischen Rechtes, viel fetter als alle Phrasen von Volksmajestät, Volksherrschaft und Volks- souveränetät, und darum gerade für den gieri- gen Schlund der Massen geeignet, sicher ver- schlingen. Wiß't ihr das Geheimniß nicht, daß die Zahl der Besitzlosen viel größer, als die der Besitzen- den ist, daß durch Souveränisirung der großen Haufen und das mit logischer Gewalt sich auf- drängende Prinzip der Wahrheit eigentlich nur die Besitzlosen zum Herrscher erklärt worden sind, welche nicht ermangeln werden, das letzte Ueber- bleibsel von Recht, das Eigenthum, als Unrecht, und Raub desselben aus den Händen der Besitzen- den als Recht zu erklären. Es ist freilich ein Geheimniß nur für Solche, die Augen haben und nicht sehen, die Ohren besitzen und nicht hören wollen; für die Sehenden und Hörenden aber wandert es als offenkundige Thatsache auf allen Straßen der Städte, in allen Landestheilen, in in allen Staaten herum. Es ist wirklich merk- würdig, wie es noch jetzt so viele Leute gibt, welche in dem Wahne befangen sind, als sei die Zahl der Besitzenden größer, als jene der Besitz- losen, während das Verhältniß gerade umgekehrt ist. Wir stellen eine sehr günstige Berechnung auf, wenn wir für die meisten Länder Europa's, mit Abrechnung des weiblichen Geschlechtes, das Verhältniß der Besitzenden zu den Besitzlosen, wie 1 / 3 zu 2 / 3 angeben. Die Bevölkerung der Städte, namentlich der größeren, zählt in unserer Zeit, wo Alles in die Städte sich hineindrängt, und deren Einwohner- zahl daher in einer reißenden Progression zunimmt, in einem weit größeren Verhältnisse als dem an- gegebenen zur Klasse der Besitzlosen, d. h. aller Jener, welche entweder gar Nichts besitzen, indem sie mit Noth u. Elend bereits wirklich im Kampfe liegen, oder selbe für die nächste Zukunft in Aussicht haben, oder Tag aus Tag ein nur so viel erwerben, um für sich und die Jhrigen knapp die unmittel- barsten Lebensbedürfnisse zu bestreiten; oder dann Jener, deren Besitz so gering ist, daß derselbe sie keineswegs von der Gier einer allgemeinen Güter- theilung abzuhalten geeignet ist. -- Man mache nur eine Rundschau in den Städten, fange beim Königspallaste an und steige bis zu den Taglöhner- hütten und öffentlichen Armenanstalten herunter, und man wird finden, daß die Zahl der Wohn- stätten sehr gering ist, wo wirklich mehr Besitzende als Besitzlose wohnen. Die großen Proletarier- heere in den Städten sind keine Fiction, sondern leider eine nur zu traurige Wirklichkeit. -- Das Verhältniß auf dem Lande ist zwar günstiger; allein auch hier ist die Zahl der Besitzlosen grö- ßer, als jene der Besitzlosen. -- Vorerst wird Niemand bestreiten, daß die Zahl der Dienstboten und Taglöhner viel größer ist, als jene der Dienst- herren und Grundbesitzer ist. Allein selbst in der Familie von diesen gehört der größere Theil zur Klasse der Besitzlosen; ja es ist sogar ein Gebot der Nationalwohlfahrt, die unbedingte Gütertheilung in den Familien zu erschweren, der allzuleichten Verwandlung der besitzlosen Familienglieder in besitzende Hindernisse in den Weg zu legen, weil die Erfahrung beweist, daß durch allzugroße Be- günstigung der Gütertheilung zwar eine große Zahl von Besitzenden geschaffen, ihr Besitz aber selbst mit der Zeit auf ein solches Minimum zurückgebracht wird, daß er der Besitzlosigkeit gleich kömmt. Es findet hier das Paradoxon, „daß die Vermehrung der Zahl der Besitzenden die Besitz- losigkeit vergrößert,“ seine volle Anwendung. -- Man hat in Frankreich auf eine Totalbevölkerung von vierundreißig Millionen die Zahl der Besitzen- den und direkte Steuern Entrichtenden auf höch- stens fünf bis sechs Millionen angegeben; das Verhältniß wird in Deutschland nicht viel günsti- ger sein. -- Der Wahlsieg der Socialisten in Paris und anderen Gegenden ist daher gar nichts so Unbegreifliches; es ist ein Beweis von gänz- lichem Mangel an Fähigkeit zur Auffassung un- serer gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn man die Niederlage in den neuesten Wahlkämpfen in Frank- reich einer tollverkehrten Gesinnung eines bedeu- tenden Theiles der besitzenden Bourgeoisie zuschreibt und ihr vorwirft, daß diese aus politischem Wahn- witze für Das stimme, was sie ruiniren werde. Der Sieg ist lediglich einem einigeren, massen- haften Zusammenwirken der besitzlosen Massen zu- zuschreiben. Wir hehaupten, daß bei diesen Wahl- kämpfen nicht nur die ungeheure Mehrzahl der Besitzenden gegen den Socialismus gestimmt hat, sondern, daß sogar nach dem vorliegenden Zah- lenverhältniß der Für= und Gegenstimmenden, ein namhafter Theil von Denjenigen, welche zur Klasse der Besitzlosen gehören, aus allerlei Grün- den, die ihnen nahe lagen, gegen und nicht für die Socialisten gestimmt haben. Wie lange wird man aber bei der reißend um sich greifenden De- moralisation auf die Stimmen von solchen Leuten rechnen können? -- Jst nicht die Aussicht vor- handen, daß in Frankreich die ganze Klasse der Besitzlosen zu einem wohlgegliederten Wahlheere sich organisirt und in den unblutigen Wahlschlach- ten einen sicheren Triumph erringt, und sind wir in Dentschland und anderwärts etwa so fern von den Zuständen Frankreichs? Hinausgeworfen zum größten Theile aus dem Gebiete des historischen Rechtes, bewegen wir uns allenthalben beinahe lediglich nur noch auf dem Boden faktischer Zu- stände. Wie lange werden diese dauern? Die Armeen haben dieselben noch für einige Zeit in

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Zitationshilfe: Die Bayerische Presse. Nr. 281. Würzburg, 23. November 1850, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_bayerische281_1850/1>, abgerufen am 27.02.2024.