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Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Leipzig, 1872.

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In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die
Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik nachzuah¬
men:
deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der
Poesie, die der homerischen in ihrem tiefsten Grunde wider¬
spricht. Hiermit haben wir das einzig mögliche Verhältniss
zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das
Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen
Ausdruck und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich.
In diesem Sinne dürfen wir in der Sprachgeschichte des
griechischen Volkes zwei Hauptströmungen unterscheiden, je¬
nachdem die Sprache die Erscheinungs- und Bilderwelt oder
die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal tiefer über
die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen Bau's,
des Wortmaterial's bei Homer und Pindar nach, um die Be¬
deutung dieses Gegensatzes zu begreifen: ja es wird Einem
dabei handgreiflich deutlich, dass inzwischen (zwischen Homer
und Pindar) die orgiastischen Flötenweisen des Olympus er¬
klungen sein müssen, die noch im Zeitalter des Aristoteles,
inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner
Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprünglichen
Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen
Menschen zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere
hier an ein bekanntes, unserer Aesthetik nur anstössig dün¬
kendes Phänomen unserer Tage. Wir erleben es immer
wieder, wie eine Beethoven'sche Symphonie die einzelnen
Zuhörer zu einer Bilderrede nöthigt, sei es auch dass eine
Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstück
erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja wider¬
sprechend ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren
armen Witz zu üben und das doch wahrlich erklärenswerthe
Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art jener Aesthetik.
Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine Compo¬
sition geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pasto¬

In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die
Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik nachzuah¬
men:
deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der
Poesie, die der homerischen in ihrem tiefsten Grunde wider¬
spricht. Hiermit haben wir das einzig mögliche Verhältniss
zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das
Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen
Ausdruck und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich.
In diesem Sinne dürfen wir in der Sprachgeschichte des
griechischen Volkes zwei Hauptströmungen unterscheiden, je¬
nachdem die Sprache die Erscheinungs- und Bilderwelt oder
die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal tiefer über
die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen Bau's,
des Wortmaterial's bei Homer und Pindar nach, um die Be¬
deutung dieses Gegensatzes zu begreifen: ja es wird Einem
dabei handgreiflich deutlich, dass inzwischen (zwischen Homer
und Pindar) die orgiastischen Flötenweisen des Olympus er¬
klungen sein müssen, die noch im Zeitalter des Aristoteles,
inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner
Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprünglichen
Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen
Menschen zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere
hier an ein bekanntes, unserer Aesthetik nur anstössig dün¬
kendes Phänomen unserer Tage. Wir erleben es immer
wieder, wie eine Beethoven'sche Symphonie die einzelnen
Zuhörer zu einer Bilderrede nöthigt, sei es auch dass eine
Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstück
erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja wider¬
sprechend ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren
armen Witz zu üben und das doch wahrlich erklärenswerthe
Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art jener Aesthetik.
Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine Compo¬
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[—27—/0040] In der Dichtung des Volksliedes sehen wir also die Sprache auf das Stärkste angespannt, die Musik nachzuah¬ men: deshalb beginnt mit Archilochus eine neue Welt der Poesie, die der homerischen in ihrem tiefsten Grunde wider¬ spricht. Hiermit haben wir das einzig mögliche Verhältniss zwischen Poesie und Musik, Wort und Ton bezeichnet: das Wort, das Bild, der Begriff sucht einen der Musik analogen Ausdruck und erleidet jetzt die Gewalt der Musik an sich. In diesem Sinne dürfen wir in der Sprachgeschichte des griechischen Volkes zwei Hauptströmungen unterscheiden, je¬ nachdem die Sprache die Erscheinungs- und Bilderwelt oder die Musikwelt nachahmte. Man denke nur einmal tiefer über die sprachliche Differenz der Farbe, des syntaktischen Bau's, des Wortmaterial's bei Homer und Pindar nach, um die Be¬ deutung dieses Gegensatzes zu begreifen: ja es wird Einem dabei handgreiflich deutlich, dass inzwischen (zwischen Homer und Pindar) die orgiastischen Flötenweisen des Olympus er¬ klungen sein müssen, die noch im Zeitalter des Aristoteles, inmitten einer unendlich entwickelteren Musik, zu trunkner Begeisterung hinrissen und gewiss in ihrer ursprünglichen Wirkung alle dichterischen Ausdrucksmittel der gleichzeitigen Menschen zur Nachahmung aufgereizt haben. Ich erinnere hier an ein bekanntes, unserer Aesthetik nur anstössig dün¬ kendes Phänomen unserer Tage. Wir erleben es immer wieder, wie eine Beethoven'sche Symphonie die einzelnen Zuhörer zu einer Bilderrede nöthigt, sei es auch dass eine Zusammenstellung der verschiedenen, durch ein Tonstück erzeugten Bilderwelten sich recht phantastisch bunt, ja wider¬ sprechend ausnimmt: an solchen Zusammenstellungen ihren armen Witz zu üben und das doch wahrlich erklärenswerthe Phänomen zu übersehen, ist recht in der Art jener Aesthetik. Ja selbst wenn der Tondichter in Bildern über eine Compo¬ sition geredet hat, etwa wenn er eine Symphonie als pasto¬

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Zitationshilfe: Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Leipzig, 1872, S. —27—. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nietzsche_tragoedie_1872/40>, abgerufen am 01.03.2024.