Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 4. Altenburg, 1779.

Bild:
<< vorherige Seite

kannt hätten. -- Incidenter. -- Menschen-
kunde und Menschenliebe lagen dem An-
schein nach nicht in dem Wirkungskraise des
Burgholzheimer Justizbeamten. Hab ich
irgend zwischen zwey Physiognomien eine
frappante Aehnlichkeit gefunden, so wars
zwischen der Seinigen und des Michel An-
gelo Buonarotti in dem dritten Tomus der
Fragmente. Fern alle Sanftmuth und alle
Grazie, von oben bis unten. Eben diese
gefaltete Stirn, diese gegen die Nase sich
wild abneigenden Augenbraunen, eben diese
breitgedruckte Nase, eben dieses wildkrause
Haar; Ausdruck von anmuthloser unbeugsa-
mer Vollkraft. Ein wahres furchterwecken-
des Löwengesicht! Mit den Gesichtszügen
stimmten die Gesinnungen des Mannes voll-
kommen überein. Jch hört ihn sich bekla-
gen, daß ihn das Glück in seinem Leben so
wenig begünstiget habe, da es nun einmal
einen Beamten aus ihm schaffen wollen: so

hätte
B

kannt haͤtten. — Incidenter. — Menſchen-
kunde und Menſchenliebe lagen dem An-
ſchein nach nicht in dem Wirkungskraiſe des
Burgholzheimer Juſtizbeamten. Hab ich
irgend zwiſchen zwey Phyſiognomien eine
frappante Aehnlichkeit gefunden, ſo wars
zwiſchen der Seinigen und des Michel An-
gelo Buonarotti in dem dritten Tomus der
Fragmente. Fern alle Sanftmuth und alle
Grazie, von oben bis unten. Eben dieſe
gefaltete Stirn, dieſe gegen die Naſe ſich
wild abneigenden Augenbraunen, eben dieſe
breitgedruckte Naſe, eben dieſes wildkrauſe
Haar; Ausdruck von anmuthloſer unbeugſa-
mer Vollkraft. Ein wahres furchterwecken-
des Loͤwengeſicht! Mit den Geſichtszuͤgen
ſtimmten die Geſinnungen des Mannes voll-
kommen uͤberein. Jch hoͤrt ihn ſich bekla-
gen, daß ihn das Gluͤck in ſeinem Leben ſo
wenig beguͤnſtiget habe, da es nun einmal
einen Beamten aus ihm ſchaffen wollen: ſo

haͤtte
B
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0025" n="17"/>
kannt ha&#x0364;tten. &#x2014; <hi rendition="#aq">Incidenter.</hi> &#x2014; Men&#x017F;chen-<lb/>
kunde und Men&#x017F;chenliebe lagen dem An-<lb/>
&#x017F;chein nach nicht in dem Wirkungskrai&#x017F;e des<lb/>
Burgholzheimer Ju&#x017F;tizbeamten. Hab ich<lb/>
irgend zwi&#x017F;chen zwey Phy&#x017F;iognomien eine<lb/>
frappante Aehnlichkeit gefunden, &#x017F;o wars<lb/>
zwi&#x017F;chen der Seinigen und des Michel An-<lb/>
gelo Buonarotti in dem dritten Tomus der<lb/>
Fragmente. Fern alle Sanftmuth und alle<lb/>
Grazie, von oben bis unten. Eben die&#x017F;e<lb/>
gefaltete Stirn, die&#x017F;e gegen die Na&#x017F;e &#x017F;ich<lb/>
wild abneigenden Augenbraunen, eben die&#x017F;e<lb/>
breitgedruckte Na&#x017F;e, eben die&#x017F;es wildkrau&#x017F;e<lb/>
Haar; Ausdruck von anmuthlo&#x017F;er unbeug&#x017F;a-<lb/>
mer Vollkraft. Ein wahres furchterwecken-<lb/>
des Lo&#x0364;wenge&#x017F;icht! Mit den Ge&#x017F;ichtszu&#x0364;gen<lb/>
&#x017F;timmten die Ge&#x017F;innungen des Mannes voll-<lb/>
kommen u&#x0364;berein. Jch ho&#x0364;rt ihn &#x017F;ich bekla-<lb/>
gen, daß ihn das Glu&#x0364;ck in &#x017F;einem Leben &#x017F;o<lb/>
wenig begu&#x0364;n&#x017F;tiget habe, da es nun einmal<lb/>
einen Beamten aus ihm &#x017F;chaffen wollen: &#x017F;o<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B</fw><fw place="bottom" type="catch">ha&#x0364;tte</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[17/0025] kannt haͤtten. — Incidenter. — Menſchen- kunde und Menſchenliebe lagen dem An- ſchein nach nicht in dem Wirkungskraiſe des Burgholzheimer Juſtizbeamten. Hab ich irgend zwiſchen zwey Phyſiognomien eine frappante Aehnlichkeit gefunden, ſo wars zwiſchen der Seinigen und des Michel An- gelo Buonarotti in dem dritten Tomus der Fragmente. Fern alle Sanftmuth und alle Grazie, von oben bis unten. Eben dieſe gefaltete Stirn, dieſe gegen die Naſe ſich wild abneigenden Augenbraunen, eben dieſe breitgedruckte Naſe, eben dieſes wildkrauſe Haar; Ausdruck von anmuthloſer unbeugſa- mer Vollkraft. Ein wahres furchterwecken- des Loͤwengeſicht! Mit den Geſichtszuͤgen ſtimmten die Geſinnungen des Mannes voll- kommen uͤberein. Jch hoͤrt ihn ſich bekla- gen, daß ihn das Gluͤck in ſeinem Leben ſo wenig beguͤnſtiget habe, da es nun einmal einen Beamten aus ihm ſchaffen wollen: ſo haͤtte B

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779/25
Zitationshilfe: Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 4. Altenburg, 1779, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen04_1779/25>, abgerufen am 17.05.2021.