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Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 1, 2. Aufl. Altenburg, 1779.

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verschämteste alle Narrheiten und Weiber-
grillen von Konkubinat, des mich, ihrer
Sage nach, das Gerücht bezüchtigen soll,
ins Gesicht. Die feinen Spötter beyder-
ley Geschlechts benehmen sich mit mir
noch auf andre Manier; kommen Schaar-
weise angezogen wie die Fisch, die einen
Köder wittern, schnappen und haschen nach
einem Blick, einem Wort, einer unschul-
digen Handlung, die sie verdrehen, drü-
ber spötteln und witzeln nach Herzens Lust;
artet sich die ganze Schaar nach der Na-
tur der Raupentödter, sind unfest, künst-
lich, leicht, und unverdrossen nach Raub
und Beute, stechen dabey wie die Bienen,
wenn sie eben zu schwärmen beginnen. Nun
hab ich zwar einem berühmten Mann seine
Bienenkappe abgeborgt, die ietzt männig-
lich vors Gesicht nimmt, wer nicht von spiz-
züngigen Jnsekten will Ueberlast haben; sagt
das so viel, hab' mich mit dem trefflichen
Apophtegma gepanzert: sie reden was sie
wollen, mögen sie doch reden, was küm-
mert's mich! Aber in die Läng' kanns einer
unter dieser Rüstung doch nicht dauern, 's
wird einem leicht zu warm an der Stirn.

Zwey
J 3

verſchaͤmteſte alle Narrheiten und Weiber-
grillen von Konkubinat, des mich, ihrer
Sage nach, das Geruͤcht bezuͤchtigen ſoll,
ins Geſicht. Die feinen Spoͤtter beyder-
ley Geſchlechts benehmen ſich mit mir
noch auf andre Manier; kommen Schaar-
weiſe angezogen wie die Fiſch, die einen
Koͤder wittern, ſchnappen und haſchen nach
einem Blick, einem Wort, einer unſchul-
digen Handlung, die ſie verdrehen, druͤ-
ber ſpoͤtteln und witzeln nach Herzens Luſt;
artet ſich die ganze Schaar nach der Na-
tur der Raupentoͤdter, ſind unfeſt, kuͤnſt-
lich, leicht, und unverdroſſen nach Raub
und Beute, ſtechen dabey wie die Bienen,
wenn ſie eben zu ſchwaͤrmen beginnen. Nun
hab ich zwar einem beruͤhmten Mann ſeine
Bienenkappe abgeborgt, die ietzt maͤnnig-
lich vors Geſicht nimmt, wer nicht von ſpiz-
zuͤngigen Jnſekten will Ueberlaſt haben; ſagt
das ſo viel, hab’ mich mit dem trefflichen
Apophtegma gepanzert: ſie reden was ſie
wollen, moͤgen ſie doch reden, was kuͤm-
mert’s mich! Aber in die Laͤng’ kanns einer
unter dieſer Ruͤſtung doch nicht dauern, ’s
wird einem leicht zu warm an der Stirn.

Zwey
J 3
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[133/0139] verſchaͤmteſte alle Narrheiten und Weiber- grillen von Konkubinat, des mich, ihrer Sage nach, das Geruͤcht bezuͤchtigen ſoll, ins Geſicht. Die feinen Spoͤtter beyder- ley Geſchlechts benehmen ſich mit mir noch auf andre Manier; kommen Schaar- weiſe angezogen wie die Fiſch, die einen Koͤder wittern, ſchnappen und haſchen nach einem Blick, einem Wort, einer unſchul- digen Handlung, die ſie verdrehen, druͤ- ber ſpoͤtteln und witzeln nach Herzens Luſt; artet ſich die ganze Schaar nach der Na- tur der Raupentoͤdter, ſind unfeſt, kuͤnſt- lich, leicht, und unverdroſſen nach Raub und Beute, ſtechen dabey wie die Bienen, wenn ſie eben zu ſchwaͤrmen beginnen. Nun hab ich zwar einem beruͤhmten Mann ſeine Bienenkappe abgeborgt, die ietzt maͤnnig- lich vors Geſicht nimmt, wer nicht von ſpiz- zuͤngigen Jnſekten will Ueberlaſt haben; ſagt das ſo viel, hab’ mich mit dem trefflichen Apophtegma gepanzert: ſie reden was ſie wollen, moͤgen ſie doch reden, was kuͤm- mert’s mich! Aber in die Laͤng’ kanns einer unter dieſer Ruͤſtung doch nicht dauern, ’s wird einem leicht zu warm an der Stirn. Zwey J 3

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Zitationshilfe: Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Bd. 1, 2. Aufl. Altenburg, 1779, S. 133. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/musaeus_reisen01_1779/139>, abgerufen am 19.04.2024.