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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 1. Berlin, 1788.

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so gänzlich, als ein böses; aber das Gute hatte weder den Grad der Edelmuth, welchen das Böse von Niederträchtigkeit besaß, noch hatte ich so oft Ursache, mich desselben Gedankens der Tugend zu freuen."

Dieser zum Theil abstracter Gedanke lag diesmal gewiß ziemlich ausser dem Gebiet der sinnlich gespannten Seele des Kranken. Das Gute beschäftigt überhaupt unsre Einbildungskraft nicht so sehr, als das Schlechte, das moralisch Böse; theils, weil dieses lange nicht so einförmig, wie jenes ist; theils, weil von diesem von Jugend auf unzählige Beispiele auf uns stärker gewirkt haben; theils auch, weil ein versteckter, oder sehr offenbarer Trieb zur Sinnlichkeit in allen menschlichen Seelen, in der tugendhaftesten selbst, liegt, und wenn er durch Nervenschwäche gereizt wird, den Gedanken an Tugend vollends nicht zur Reife kommen läßt. Sehr viel kam bei den unmoralischen Gefühlen des Kranken auch darauf an, welche Bilder im Anfange seiner Krankheit und in ihrem Fortgange, theils von aussen durch Menschen, Lectüre, Gespräche, zufällig rege gemacht wurden, und die Masse sinnlicher Wünsche vergrössern halfen; theils von innen durch eine natürliche Jdeenfolge angeregt wurden, deren Geschichte uns den besten Aufschluß des ganzen Phänomens gegeben haben würde. Am leichtesten würde freilich der Aberglaube sich das Ding durch Versuchungen eines bösen Geistes erklären. -



so gaͤnzlich, als ein boͤses; aber das Gute hatte weder den Grad der Edelmuth, welchen das Boͤse von Niedertraͤchtigkeit besaß, noch hatte ich so oft Ursache, mich desselben Gedankens der Tugend zu freuen.«

Dieser zum Theil abstracter Gedanke lag diesmal gewiß ziemlich ausser dem Gebiet der sinnlich gespannten Seele des Kranken. Das Gute beschaͤftigt uͤberhaupt unsre Einbildungskraft nicht so sehr, als das Schlechte, das moralisch Boͤse; theils, weil dieses lange nicht so einfoͤrmig, wie jenes ist; theils, weil von diesem von Jugend auf unzaͤhlige Beispiele auf uns staͤrker gewirkt haben; theils auch, weil ein versteckter, oder sehr offenbarer Trieb zur Sinnlichkeit in allen menschlichen Seelen, in der tugendhaftesten selbst, liegt, und wenn er durch Nervenschwaͤche gereizt wird, den Gedanken an Tugend vollends nicht zur Reife kommen laͤßt. Sehr viel kam bei den unmoralischen Gefuͤhlen des Kranken auch darauf an, welche Bilder im Anfange seiner Krankheit und in ihrem Fortgange, theils von aussen durch Menschen, Lectuͤre, Gespraͤche, zufaͤllig rege gemacht wurden, und die Masse sinnlicher Wuͤnsche vergroͤssern halfen; theils von innen durch eine natuͤrliche Jdeenfolge angeregt wurden, deren Geschichte uns den besten Aufschluß des ganzen Phaͤnomens gegeben haben wuͤrde. Am leichtesten wuͤrde freilich der Aberglaube sich das Ding durch Versuchungen eines boͤsen Geistes erklaͤren. –


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[7/0009] so gaͤnzlich, als ein boͤses; aber das Gute hatte weder den Grad der Edelmuth, welchen das Boͤse von Niedertraͤchtigkeit besaß, noch hatte ich so oft Ursache, mich desselben Gedankens der Tugend zu freuen.« Dieser zum Theil abstracter Gedanke lag diesmal gewiß ziemlich ausser dem Gebiet der sinnlich gespannten Seele des Kranken. Das Gute beschaͤftigt uͤberhaupt unsre Einbildungskraft nicht so sehr, als das Schlechte, das moralisch Boͤse; theils, weil dieses lange nicht so einfoͤrmig, wie jenes ist; theils, weil von diesem von Jugend auf unzaͤhlige Beispiele auf uns staͤrker gewirkt haben; theils auch, weil ein versteckter, oder sehr offenbarer Trieb zur Sinnlichkeit in allen menschlichen Seelen, in der tugendhaftesten selbst, liegt, und wenn er durch Nervenschwaͤche gereizt wird, den Gedanken an Tugend vollends nicht zur Reife kommen laͤßt. Sehr viel kam bei den unmoralischen Gefuͤhlen des Kranken auch darauf an, welche Bilder im Anfange seiner Krankheit und in ihrem Fortgange, theils von aussen durch Menschen, Lectuͤre, Gespraͤche, zufaͤllig rege gemacht wurden, und die Masse sinnlicher Wuͤnsche vergroͤssern halfen; theils von innen durch eine natuͤrliche Jdeenfolge angeregt wurden, deren Geschichte uns den besten Aufschluß des ganzen Phaͤnomens gegeben haben wuͤrde. Am leichtesten wuͤrde freilich der Aberglaube sich das Ding durch Versuchungen eines boͤsen Geistes erklaͤren. –

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 1. Berlin, 1788, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0601_1788/9>, abgerufen am 02.03.2024.