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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778.

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ohne Gewissensscrupel folgen.

Aber, fiel ich ihm hier in die Rede, wozu dieser feyer-
liche Ernst, Sie wissen ja, daß es nur von Ihnen abhängt,
ob ich in einer Carrete oder in einer Carosse fahren soll? ..
Diese Antwort schien ihn zu verdrießen. Denn er drehete
sich mit einer stolzen Mine um, und sagte, indem er von
mir gieng, ich mögte es besser überlegen, seine und meine
Ehre, die Wohlfart unser Kinder, und unsre ganze zeitli-
che Glückseligkeit hienge von der künftigen Einrichtung ab.
Ich wollte antworten, aber er war schon fort, und ich mei-
nen Betrachtungen überlassen.

In diesem Zustande schrieb ich Ihnen meine Beste;
und nun werden Sie leicht errathen, warum ich letzthin sol-
che melancholische Grillen ausheckte; das schlimmste dabey
ist, daß ich noch über dreytausend Thaler heimliche Schul-
den habe, wovon mein Mann nichts weiß; und daß die
Kaufleute in Lyon und Paris alle Posttage mich mit ihren
verzweifelten Rechnungen quälen, gerade als ob ich bis über
die Ohren im Gelde säße. Mein Mann ist ein derber kno-
tiger und entschlossener Wirth, er hat mich lieb, aber nicht
bis zur Thorheit, und wenn ich ihm auch die süßesten Na-
men gebe: so schüttelt er sie ab, wie ein Reuter den Regen,
wenn ich mich nicht auch ein bisgen nach seinem Sinne rich-
te. Ich thue es auch gern, das weiß der Himmel, aber
der Stand, worinn ich lebe, hat doch auch sein Recht,
und die Mode ihre Forderungen, die man nicht mit Sitten-
sprüchen abweisen kann; dieses müßte er doch auch beden-
ken, und dann mein Schatz sind ja mehrere Leute in der Welt,
die mehr ausgeben wie sie einnehmen, wer kann alles so ge-
nau nach dem Maaßstabe einrichten? und wer zehrt nicht
wohl ein bisgen vorauf, wenn man noch Hofnung hat seine
Einnahme dereinst zu vergrössern? Jetzt ist die Zeit da wir
unser Vermögen genießen können, über zwanzig Jahr will

ich
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ohne Gewiſſensſcrupel folgen.

Aber, fiel ich ihm hier in die Rede, wozu dieſer feyer-
liche Ernſt, Sie wiſſen ja, daß es nur von Ihnen abhaͤngt,
ob ich in einer Carrete oder in einer Caroſſe fahren ſoll? ..
Dieſe Antwort ſchien ihn zu verdrießen. Denn er drehete
ſich mit einer ſtolzen Mine um, und ſagte, indem er von
mir gieng, ich moͤgte es beſſer uͤberlegen, ſeine und meine
Ehre, die Wohlfart unſer Kinder, und unſre ganze zeitli-
che Gluͤckſeligkeit hienge von der kuͤnftigen Einrichtung ab.
Ich wollte antworten, aber er war ſchon fort, und ich mei-
nen Betrachtungen uͤberlaſſen.

In dieſem Zuſtande ſchrieb ich Ihnen meine Beſte;
und nun werden Sie leicht errathen, warum ich letzthin ſol-
che melancholiſche Grillen ausheckte; das ſchlimmſte dabey
iſt, daß ich noch uͤber dreytauſend Thaler heimliche Schul-
den habe, wovon mein Mann nichts weiß; und daß die
Kaufleute in Lyon und Paris alle Poſttage mich mit ihren
verzweifelten Rechnungen quaͤlen, gerade als ob ich bis uͤber
die Ohren im Gelde ſaͤße. Mein Mann iſt ein derber kno-
tiger und entſchloſſener Wirth, er hat mich lieb, aber nicht
bis zur Thorheit, und wenn ich ihm auch die ſuͤßeſten Na-
men gebe: ſo ſchuͤttelt er ſie ab, wie ein Reuter den Regen,
wenn ich mich nicht auch ein bisgen nach ſeinem Sinne rich-
te. Ich thue es auch gern, das weiß der Himmel, aber
der Stand, worinn ich lebe, hat doch auch ſein Recht,
und die Mode ihre Forderungen, die man nicht mit Sitten-
ſpruͤchen abweiſen kann; dieſes muͤßte er doch auch beden-
ken, und dann mein Schatz ſind ja mehrere Leute in der Welt,
die mehr ausgeben wie ſie einnehmen, wer kann alles ſo ge-
nau nach dem Maaßſtabe einrichten? und wer zehrt nicht
wohl ein bisgen vorauf, wenn man noch Hofnung hat ſeine
Einnahme dereinſt zu vergroͤſſern? Jetzt iſt die Zeit da wir
unſer Vermoͤgen genießen koͤnnen, uͤber zwanzig Jahr will

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[5/0019] ohne Gewiſſensſcrupel folgen. Aber, fiel ich ihm hier in die Rede, wozu dieſer feyer- liche Ernſt, Sie wiſſen ja, daß es nur von Ihnen abhaͤngt, ob ich in einer Carrete oder in einer Caroſſe fahren ſoll? .. Dieſe Antwort ſchien ihn zu verdrießen. Denn er drehete ſich mit einer ſtolzen Mine um, und ſagte, indem er von mir gieng, ich moͤgte es beſſer uͤberlegen, ſeine und meine Ehre, die Wohlfart unſer Kinder, und unſre ganze zeitli- che Gluͤckſeligkeit hienge von der kuͤnftigen Einrichtung ab. Ich wollte antworten, aber er war ſchon fort, und ich mei- nen Betrachtungen uͤberlaſſen. In dieſem Zuſtande ſchrieb ich Ihnen meine Beſte; und nun werden Sie leicht errathen, warum ich letzthin ſol- che melancholiſche Grillen ausheckte; das ſchlimmſte dabey iſt, daß ich noch uͤber dreytauſend Thaler heimliche Schul- den habe, wovon mein Mann nichts weiß; und daß die Kaufleute in Lyon und Paris alle Poſttage mich mit ihren verzweifelten Rechnungen quaͤlen, gerade als ob ich bis uͤber die Ohren im Gelde ſaͤße. Mein Mann iſt ein derber kno- tiger und entſchloſſener Wirth, er hat mich lieb, aber nicht bis zur Thorheit, und wenn ich ihm auch die ſuͤßeſten Na- men gebe: ſo ſchuͤttelt er ſie ab, wie ein Reuter den Regen, wenn ich mich nicht auch ein bisgen nach ſeinem Sinne rich- te. Ich thue es auch gern, das weiß der Himmel, aber der Stand, worinn ich lebe, hat doch auch ſein Recht, und die Mode ihre Forderungen, die man nicht mit Sitten- ſpruͤchen abweiſen kann; dieſes muͤßte er doch auch beden- ken, und dann mein Schatz ſind ja mehrere Leute in der Welt, die mehr ausgeben wie ſie einnehmen, wer kann alles ſo ge- nau nach dem Maaßſtabe einrichten? und wer zehrt nicht wohl ein bisgen vorauf, wenn man noch Hofnung hat ſeine Einnahme dereinſt zu vergroͤſſern? Jetzt iſt die Zeit da wir unſer Vermoͤgen genießen koͤnnen, uͤber zwanzig Jahr will ich A 3

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Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/19>, abgerufen am 18.05.2021.