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Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 2 Stuttgart, 1832.

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vorstellt; unten stehn ein paar fromme Verse, die er
in frühster Jugend manchmal im Munde seiner ver-
storbenen Mutter gehört zu haben sich sogleich erin-
nert. Wie es nun zu geschehen pflegt, daß oft der
geringste Gegenstand, daß die leichteste Erschütterung
dazu gehört, um eine ganze Masse von Gefühlen, die
im Grunde des Gemüths gefesselt lagen, plötzlich ge-
waltsam zu entbinden, so war Noltens Innerstes
auf Einmal aufgebrochen und schmolz und strömte in
einer unbeschreiblich süßen Fluth von Schmerz dahin.
Er saß, die Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf dar-
auf herabgelassen. Es war, als wühlten Messer in
seiner Brust mit tausendfachem Wohl und Weh. Er
weinte heftiger und wußte nicht, wem diese Thränen
galten. Die Vergangenheit steht vor ihm, Agnes
schwebt heran, ein Schauer ihres Wesens berührt
ihn, er fühlt, daß das Unmögliche möglich, daß Altes
neu werden könne.

Dieß sind die Augenblicke, wo der Mensch willig
darauf verzichtet, sich selber zu begreifen, sich mit den
bekannten Gesetzen seines bisherigen Seyns und Em-
pfindens übereinstimmend zu vergleichen; man über-
läßt sich getrost dem göttlichen Elemente, das uns
trägt, und ist gewiß, man werde wohlbehalten an ein
bestimmtes Ziel gelangen.

Nolten hatte keine Ruhe mehr an diesem Ort,
er nahm schnell Abschied und ritt gedankenvoll im
Schritt nach Hause.

vorſtellt; unten ſtehn ein paar fromme Verſe, die er
in frühſter Jugend manchmal im Munde ſeiner ver-
ſtorbenen Mutter gehört zu haben ſich ſogleich erin-
nert. Wie es nun zu geſchehen pflegt, daß oft der
geringſte Gegenſtand, daß die leichteſte Erſchütterung
dazu gehört, um eine ganze Maſſe von Gefühlen, die
im Grunde des Gemüths gefeſſelt lagen, plötzlich ge-
waltſam zu entbinden, ſo war Noltens Innerſtes
auf Einmal aufgebrochen und ſchmolz und ſtrömte in
einer unbeſchreiblich ſüßen Fluth von Schmerz dahin.
Er ſaß, die Arme auf den Tiſch gelegt, den Kopf dar-
auf herabgelaſſen. Es war, als wühlten Meſſer in
ſeiner Bruſt mit tauſendfachem Wohl und Weh. Er
weinte heftiger und wußte nicht, wem dieſe Thränen
galten. Die Vergangenheit ſteht vor ihm, Agnes
ſchwebt heran, ein Schauer ihres Weſens berührt
ihn, er fühlt, daß das Unmögliche möglich, daß Altes
neu werden könne.

Dieß ſind die Augenblicke, wo der Menſch willig
darauf verzichtet, ſich ſelber zu begreifen, ſich mit den
bekannten Geſetzen ſeines bisherigen Seyns und Em-
pfindens übereinſtimmend zu vergleichen; man über-
läßt ſich getroſt dem göttlichen Elemente, das uns
trägt, und iſt gewiß, man werde wohlbehalten an ein
beſtimmtes Ziel gelangen.

Nolten hatte keine Ruhe mehr an dieſem Ort,
er nahm ſchnell Abſchied und ritt gedankenvoll im
Schritt nach Hauſe.

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[363/0049] vorſtellt; unten ſtehn ein paar fromme Verſe, die er in frühſter Jugend manchmal im Munde ſeiner ver- ſtorbenen Mutter gehört zu haben ſich ſogleich erin- nert. Wie es nun zu geſchehen pflegt, daß oft der geringſte Gegenſtand, daß die leichteſte Erſchütterung dazu gehört, um eine ganze Maſſe von Gefühlen, die im Grunde des Gemüths gefeſſelt lagen, plötzlich ge- waltſam zu entbinden, ſo war Noltens Innerſtes auf Einmal aufgebrochen und ſchmolz und ſtrömte in einer unbeſchreiblich ſüßen Fluth von Schmerz dahin. Er ſaß, die Arme auf den Tiſch gelegt, den Kopf dar- auf herabgelaſſen. Es war, als wühlten Meſſer in ſeiner Bruſt mit tauſendfachem Wohl und Weh. Er weinte heftiger und wußte nicht, wem dieſe Thränen galten. Die Vergangenheit ſteht vor ihm, Agnes ſchwebt heran, ein Schauer ihres Weſens berührt ihn, er fühlt, daß das Unmögliche möglich, daß Altes neu werden könne. Dieß ſind die Augenblicke, wo der Menſch willig darauf verzichtet, ſich ſelber zu begreifen, ſich mit den bekannten Geſetzen ſeines bisherigen Seyns und Em- pfindens übereinſtimmend zu vergleichen; man über- läßt ſich getroſt dem göttlichen Elemente, das uns trägt, und iſt gewiß, man werde wohlbehalten an ein beſtimmtes Ziel gelangen. Nolten hatte keine Ruhe mehr an dieſem Ort, er nahm ſchnell Abſchied und ritt gedankenvoll im Schritt nach Hauſe.

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Zitationshilfe: Mörike, Eduard: Maler Nolten. Bd. 2 Stuttgart, 1832, S. 363. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moerike_nolten02_1832/49>, abgerufen am 01.03.2024.