dich nicht beneiden! Singend, und mit sich selber sprechend gieng er wieder nach der Stadt zu.
Nur so allein, Herr Siegwart? rief eine Stim- me aus einem Gartenhäuschen. Stutzend sah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind Sie hier? sagte er; ich habe Sie gesucht. Jch sahs, daß sie ausgiengen. Das ist mein Garten, antwortete sie. Jch hätts Jhnen gern wissen lassen, daß ich hier bin, aber ich konn- te nicht. -- Wo ist Jhr Bruder? fragte er. Auf die Jagd gegangen, war die Antwort. Das ist ja erwünscht, daß Sie hier sind. Was machen Sie? trauren Sie noch um Jhren Kronhelm? -- Hierauf erzählte er ihr die freudige Nachricht, die er heut von seiner Schwester erhalten hatte, und gab ihr den Brief zu lesen. Sie nahm herzlichen Antheil daran, und freute sich über das Zutrauen sehr, das ihr Jüngling zu ihr hatte. -- Darf ihr Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Sieg- wart -- O ja, antwortete sie. Er ist Jhnen jetzt recht gut. Man muß schon ein übriges bey dem Menschen thun. Wenn man nur ihm nicht im Wege steht, dann läst er einen schon zufrieden. Mein Vater ist Jhnen auch sehr gut, und beson- ders meine Mutter. Jch glaube, daß sie etwas
dich nicht beneiden! Singend, und mit ſich ſelber ſprechend gieng er wieder nach der Stadt zu.
Nur ſo allein, Herr Siegwart? rief eine Stim- me aus einem Gartenhaͤuschen. Stutzend ſah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind Sie hier? ſagte er; ich habe Sie geſucht. Jch ſahs, daß ſie ausgiengen. Das iſt mein Garten, antwortete ſie. Jch haͤtts Jhnen gern wiſſen laſſen, daß ich hier bin, aber ich konn- te nicht. — Wo iſt Jhr Bruder? fragte er. Auf die Jagd gegangen, war die Antwort. Das iſt ja erwuͤnſcht, daß Sie hier ſind. Was machen Sie? trauren Sie noch um Jhren Kronhelm? — Hierauf erzaͤhlte er ihr die freudige Nachricht, die er heut von ſeiner Schweſter erhalten hatte, und gab ihr den Brief zu leſen. Sie nahm herzlichen Antheil daran, und freute ſich uͤber das Zutrauen ſehr, das ihr Juͤngling zu ihr hatte. — Darf ihr Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Sieg- wart — O ja, antwortete ſie. Er iſt Jhnen jetzt recht gut. Man muß ſchon ein uͤbriges bey dem Menſchen thun. Wenn man nur ihm nicht im Wege ſteht, dann laͤſt er einen ſchon zufrieden. Mein Vater iſt Jhnen auch ſehr gut, und beſon- ders meine Mutter. Jch glaube, daß ſie etwas
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dich nicht beneiden! Singend, und mit ſich ſelber
ſprechend gieng er wieder nach der Stadt zu.
Nur ſo allein, Herr Siegwart? rief eine Stim-
me aus einem Gartenhaͤuschen. Stutzend ſah er
auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den
Garten. Sind Sie hier? ſagte er; ich habe Sie
geſucht. Jch ſahs, daß ſie ausgiengen. Das iſt
mein Garten, antwortete ſie. Jch haͤtts Jhnen
gern wiſſen laſſen, daß ich hier bin, aber ich konn-
te nicht. — Wo iſt Jhr Bruder? fragte er. Auf
die Jagd gegangen, war die Antwort. Das iſt
ja erwuͤnſcht, daß Sie hier ſind. Was machen
Sie? trauren Sie noch um Jhren Kronhelm? —
Hierauf erzaͤhlte er ihr die freudige Nachricht, die
er heut von ſeiner Schweſter erhalten hatte, und
gab ihr den Brief zu leſen. Sie nahm herzlichen
Antheil daran, und freute ſich uͤber das Zutrauen
ſehr, das ihr Juͤngling zu ihr hatte. — Darf ihr
Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Sieg-
wart — O ja, antwortete ſie. Er iſt Jhnen jetzt
recht gut. Man muß ſchon ein uͤbriges bey dem
Menſchen thun. Wenn man nur ihm nicht im
Wege ſteht, dann laͤſt er einen ſchon zufrieden.
Mein Vater iſt Jhnen auch ſehr gut, und beſon-
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Miller, Johann Martin: Siegwart. Bd. 2. Leipzig, 1776, S. 763. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/miller_siegwart02_1776/343>, abgerufen am 22.11.2024.
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