Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Liscow, Christian Ludwig]: Samlung Satyrischer und Ernsthafter Schriften. Frankfurt u. a., 1739.

Bild:
<< vorherige Seite

(o)
und unchristlich, daß ich ehrliche Leu-"
te so empfindlich kränckte, die mir nim-"
mer etwas zuwieder gethan hätten. Es"
gienge mich ja nicht an, ob die Schriften"
dieser Leute gut oder schlecht gerathen wä-"
ren. Man müsse sich nicht klug düncken"
lassen, jederman zu tadeln. Die satyri-"
sche Schreibart sey einem Christen unan-"
ständig. Meine Schriften wären Pas-"
quille, und ich müste ein sehr boßhaftes"
Gemüth haben. Jch bezeugte auch eine"
schlechte Ehrerbietung gegen die heilige"
Schrift, mißbrauchte biblischer Redens-"
Arten, und man sähe wohl, daß ich wenig"
Religion hätte, weil alles, was ich ge-"
schrieben mit Religions-Spöttereyen an-"
gefüllet sey u. s. w."

Es hätte mich nicht verdriessen sollen,
wenn diese unbilligen Urtheile nur von
Leuten wären gefället worden, denen ihre
Einfalt, oder ihr Amt ein Recht giebt,
zu sagen, was sie wollen: Allein so muste
ich sie auch von Leuten hören, die klug
seyn wollten, und die es, ohne Verletzung
ihres Gewissens, seyn konnten. Jch ler-
nete daraus, daß ein gesunder Verstand
seltener ist, als man insgemein glaubet,
und fand vor nöthig, meinen unbilligen

Rich-

(o)
und unchriſtlich, daß ich ehrliche Leu-„
te ſo empfindlich kraͤnckte, die mir nim-„
mer etwas zuwieder gethan haͤtten. Es„
gienge mich ja nicht an, ob die Schriften„
dieſer Leute gut oder ſchlecht gerathen waͤ-„
ren. Man muͤſſe ſich nicht klug duͤncken„
laſſen, jederman zu tadeln. Die ſatyri-„
ſche Schreibart ſey einem Chriſten unan-„
ſtaͤndig. Meine Schriften waͤren Pas-„
quille, und ich muͤſte ein ſehr boßhaftes„
Gemuͤth haben. Jch bezeugte auch eine„
ſchlechte Ehrerbietung gegen die heilige„
Schrift, mißbrauchte bibliſcher Redens-„
Arten, und man ſaͤhe wohl, daß ich wenig„
Religion haͤtte, weil alles, was ich ge-„
ſchrieben mit Religions-Spoͤttereyen an-„
gefuͤllet ſey u. ſ. w.‟

Es haͤtte mich nicht verdrieſſen ſollen,
wenn dieſe unbilligen Urtheile nur von
Leuten waͤren gefaͤllet worden, denen ihre
Einfalt, oder ihr Amt ein Recht giebt,
zu ſagen, was ſie wollen: Allein ſo muſte
ich ſie auch von Leuten hoͤren, die klug
ſeyn wollten, und die es, ohne Verletzung
ihres Gewiſſens, ſeyn konnten. Jch ler-
nete daraus, daß ein geſunder Verſtand
ſeltener iſt, als man insgemein glaubet,
und fand vor noͤthig, meinen unbilligen

Rich-
<TEI>
  <text>
    <front>
      <div type="preface" n="1">
        <p><pb facs="#f0033" n="29"/><fw place="top" type="header">(<hi rendition="#aq">o</hi>)</fw><lb/>
und unchri&#x017F;tlich, daß ich ehrliche Leu-&#x201E;<lb/>
te &#x017F;o empfindlich kra&#x0364;nckte, die mir nim-&#x201E;<lb/>
mer etwas zuwieder gethan ha&#x0364;tten. Es&#x201E;<lb/>
gienge mich ja nicht an, ob die Schriften&#x201E;<lb/>
die&#x017F;er Leute gut oder &#x017F;chlecht gerathen wa&#x0364;-&#x201E;<lb/>
ren. Man mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e &#x017F;ich nicht klug du&#x0364;ncken&#x201E;<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en, jederman zu tadeln. Die &#x017F;atyri-&#x201E;<lb/>
&#x017F;che Schreibart &#x017F;ey einem Chri&#x017F;ten unan-&#x201E;<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;ndig. Meine Schriften wa&#x0364;ren Pas-&#x201E;<lb/>
quille, und ich mu&#x0364;&#x017F;te ein &#x017F;ehr boßhaftes&#x201E;<lb/>
Gemu&#x0364;th haben. Jch bezeugte auch eine&#x201E;<lb/>
&#x017F;chlechte Ehrerbietung gegen die heilige&#x201E;<lb/>
Schrift, mißbrauchte bibli&#x017F;cher Redens-&#x201E;<lb/>
Arten, und man &#x017F;a&#x0364;he wohl, daß ich wenig&#x201E;<lb/>
Religion ha&#x0364;tte, weil alles, was ich ge-&#x201E;<lb/>
&#x017F;chrieben mit Religions-Spo&#x0364;ttereyen an-&#x201E;<lb/>
gefu&#x0364;llet &#x017F;ey u. &#x017F;. w.&#x201F;</p><lb/>
        <p>Es ha&#x0364;tte mich nicht verdrie&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ollen,<lb/>
wenn die&#x017F;e unbilligen Urtheile nur von<lb/>
Leuten wa&#x0364;ren gefa&#x0364;llet worden, denen ihre<lb/>
Einfalt, oder ihr Amt ein Recht giebt,<lb/>
zu &#x017F;agen, was &#x017F;ie wollen: Allein &#x017F;o mu&#x017F;te<lb/>
ich &#x017F;ie auch von Leuten ho&#x0364;ren, die klug<lb/>
&#x017F;eyn wollten, und die es, ohne Verletzung<lb/>
ihres Gewi&#x017F;&#x017F;ens, &#x017F;eyn konnten. Jch ler-<lb/>
nete daraus, daß ein ge&#x017F;under Ver&#x017F;tand<lb/>
&#x017F;eltener i&#x017F;t, als man insgemein glaubet,<lb/>
und fand vor no&#x0364;thig, meinen unbilligen<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Rich-</fw><lb/></p>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[29/0033] (o) und unchriſtlich, daß ich ehrliche Leu-„ te ſo empfindlich kraͤnckte, die mir nim-„ mer etwas zuwieder gethan haͤtten. Es„ gienge mich ja nicht an, ob die Schriften„ dieſer Leute gut oder ſchlecht gerathen waͤ-„ ren. Man muͤſſe ſich nicht klug duͤncken„ laſſen, jederman zu tadeln. Die ſatyri-„ ſche Schreibart ſey einem Chriſten unan-„ ſtaͤndig. Meine Schriften waͤren Pas-„ quille, und ich muͤſte ein ſehr boßhaftes„ Gemuͤth haben. Jch bezeugte auch eine„ ſchlechte Ehrerbietung gegen die heilige„ Schrift, mißbrauchte bibliſcher Redens-„ Arten, und man ſaͤhe wohl, daß ich wenig„ Religion haͤtte, weil alles, was ich ge-„ ſchrieben mit Religions-Spoͤttereyen an-„ gefuͤllet ſey u. ſ. w.‟ Es haͤtte mich nicht verdrieſſen ſollen, wenn dieſe unbilligen Urtheile nur von Leuten waͤren gefaͤllet worden, denen ihre Einfalt, oder ihr Amt ein Recht giebt, zu ſagen, was ſie wollen: Allein ſo muſte ich ſie auch von Leuten hoͤren, die klug ſeyn wollten, und die es, ohne Verletzung ihres Gewiſſens, ſeyn konnten. Jch ler- nete daraus, daß ein geſunder Verſtand ſeltener iſt, als man insgemein glaubet, und fand vor noͤthig, meinen unbilligen Rich-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Die Verlagsangabe wurde ermittelt (vgl. http://op… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/liscow_samlung_1739
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/liscow_samlung_1739/33
Zitationshilfe: [Liscow, Christian Ludwig]: Samlung Satyrischer und Ernsthafter Schriften. Frankfurt u. a., 1739, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/liscow_samlung_1739/33>, abgerufen am 17.05.2021.