Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise. Berlin, 1779.

Bild:
<< vorherige Seite
Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
Noch mahlet Feuer ihre Phantasie
Zu allem, was sie mahlt. Jm Schlafe wacht,
Jm Wachen schläft ihr Geist: bald weniger
Als Thier, bald mehr als Engel.
Nathan.
Armes Kind!
Was sind wir Menschen!
Daja.
Diesen Morgen lag
Sie lange mit verschloßnem Aug', und war
Wie todt. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch!
"Da kommen die Kameele meines Vaters!
"Horch! seine sanfte Stimme selbst!" -- Jndem
Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
Dem seines Armes Stütze sich entzog,
Stürzt auf das Küssen. -- Jch, zur Pfort' hinaus!
Und sieh: da kommt Jhr wahrlich! kommt Jhr wahrlich! --
Was Wunder! ihre ganze Seele war
Die Zeit her nur bey Euch -- und ihm. --
Nathan.
Bey ihm?
Bey welchem Jhm?
Daja.
Bey ihm, der aus dem Feuer
Sie rettete.

Nathan.
Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
Noch mahlet Feuer ihre Phantaſie
Zu allem, was ſie mahlt. Jm Schlafe wacht,
Jm Wachen ſchlaͤft ihr Geiſt: bald weniger
Als Thier, bald mehr als Engel.
Nathan.
Armes Kind!
Was ſind wir Menſchen!
Daja.
Dieſen Morgen lag
Sie lange mit verſchloßnem Aug’, und war
Wie todt. Schnell fuhr ſie auf, und rief: „Horch! horch!
„Da kommen die Kameele meines Vaters!
„Horch! ſeine ſanfte Stimme ſelbſt!” — Jndem
Brach ſich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
Dem ſeines Armes Stuͤtze ſich entzog,
Stuͤrzt auf das Kuͤſſen. — Jch, zur Pfort’ hinaus!
Und ſieh: da kommt Jhr wahrlich! kom̃t Jhr wahrlich! —
Was Wunder! ihre ganze Seele war
Die Zeit her nur bey Euch — und ihm. —
Nathan.
Bey ihm?
Bey welchem Jhm?
Daja.
Bey ihm, der aus dem Feuer
Sie rettete.

Nathan.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <sp who="#DAJ">
              <p><pb facs="#f0014" n="6"/>
Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.<lb/>
Noch mahlet Feuer ihre Phanta&#x017F;ie<lb/>
Zu allem, was &#x017F;ie mahlt. Jm Schlafe wacht,<lb/>
Jm Wachen &#x017F;chla&#x0364;ft ihr Gei&#x017F;t: bald weniger<lb/>
Als Thier, bald mehr als Engel.</p>
            </sp><lb/>
            <sp who="#NAT">
              <speaker> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Nathan.</hi> </hi> </speaker><lb/>
              <p><hi rendition="#et">Armes Kind!</hi><lb/>
Was &#x017F;ind wir Men&#x017F;chen!</p>
            </sp><lb/>
            <sp who="#DAJ">
              <speaker> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Daja.</hi> </hi> </speaker><lb/>
              <p><hi rendition="#et">Die&#x017F;en Morgen lag</hi><lb/>
Sie lange mit ver&#x017F;chloßnem Aug&#x2019;, und war<lb/>
Wie todt. Schnell fuhr &#x017F;ie auf, und rief: &#x201E;Horch! horch!<lb/>
&#x201E;Da kommen die Kameele meines Vaters!<lb/>
&#x201E;Horch! &#x017F;eine &#x017F;anfte Stimme &#x017F;elb&#x017F;t!&#x201D; &#x2014; Jndem<lb/>
Brach &#x017F;ich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,<lb/>
Dem &#x017F;eines Armes Stu&#x0364;tze &#x017F;ich entzog,<lb/>
Stu&#x0364;rzt auf das Ku&#x0364;&#x017F;&#x017F;en. &#x2014; Jch, zur Pfort&#x2019; hinaus!<lb/>
Und &#x017F;ieh: da kommt Jhr wahrlich! kom&#x0303;t Jhr wahrlich! &#x2014;<lb/>
Was Wunder! ihre ganze Seele war<lb/>
Die Zeit her nur bey Euch &#x2014; und ihm. &#x2014;</p>
            </sp><lb/>
            <sp who="#NAT">
              <speaker> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Nathan.</hi> </hi> </speaker><lb/>
              <p><hi rendition="#et">Bey ihm?</hi><lb/>
Bey welchem Jhm?</p>
            </sp><lb/>
            <sp who="#DAJ">
              <speaker> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Daja.</hi> </hi> </speaker><lb/>
              <p><hi rendition="#et">Bey ihm, der aus dem Feuer</hi><lb/>
Sie rettete.</p><lb/>
              <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#b">Nathan.</hi> </fw><lb/>
            </sp>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[6/0014] Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve. Noch mahlet Feuer ihre Phantaſie Zu allem, was ſie mahlt. Jm Schlafe wacht, Jm Wachen ſchlaͤft ihr Geiſt: bald weniger Als Thier, bald mehr als Engel. Nathan. Armes Kind! Was ſind wir Menſchen! Daja. Dieſen Morgen lag Sie lange mit verſchloßnem Aug’, und war Wie todt. Schnell fuhr ſie auf, und rief: „Horch! horch! „Da kommen die Kameele meines Vaters! „Horch! ſeine ſanfte Stimme ſelbſt!” — Jndem Brach ſich ihr Auge wieder: und ihr Haupt, Dem ſeines Armes Stuͤtze ſich entzog, Stuͤrzt auf das Kuͤſſen. — Jch, zur Pfort’ hinaus! Und ſieh: da kommt Jhr wahrlich! kom̃t Jhr wahrlich! — Was Wunder! ihre ganze Seele war Die Zeit her nur bey Euch — und ihm. — Nathan. Bey ihm? Bey welchem Jhm? Daja. Bey ihm, der aus dem Feuer Sie rettete. Nathan.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_nathan_1779
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_nathan_1779/14
Zitationshilfe: Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise. Berlin, 1779, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_nathan_1779/14>, abgerufen am 09.05.2021.