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[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769].

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streuten Zeilen zu verstehen, die den Reim ver-
loren, aber die Sylbenzahl beybehalten haben.
Doch wenn Chevrier keinen andern Beweis hat-
te, daß das Stück in Versen gewesen: so ist es
sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die französi-
schen Verse kommen überhaupt der Prosa so
nahe, daß es Mühe kosten soll, nur in einem
etwas gesuchteren Stile zu schreiben, ohne daß
sich nicht von selbst ganze Verse zusammen fin-
den, denen nichts wie der Reim mangelt. Und
gerade denjenigen, die gar keine Verse machen,
können dergleichen Verse am ersten entwischen;
eben weil sie gar kein Ohr für das Metrum ha-
ben, und es also eben so wenig zu vermeiden,
als zu beobachten verstehen.

Was hat Cenie sonst für Merkmahle, daß sie
nicht aus der Feder eines Frauenzimmers könne
geflossen seyn? "Das Frauenzimmer überhaupt,
sagt Rousseau, (*) liebt keine einzige Kunst,
versteht sich auf keine einzige, und an Genie
fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen
Werken glücklich seyn, die nichts als leichten
Witz, nichts als Geschmack, nichts als Anmuth,
höchstens Gründlichkeit und Philosophie ver-
langen. Es kann sich Wissenschaft, Gelehr-
samkeit und alle Talente erwerben, die sich durch
Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes
himmlische Feuer, welches die Seele erhitzet und

ent-
(*) a d'Alembert p. 193.

ſtreuten Zeilen zu verſtehen, die den Reim ver-
loren, aber die Sylbenzahl beybehalten haben.
Doch wenn Chevrier keinen andern Beweis hat-
te, daß das Stück in Verſen geweſen: ſo iſt es
ſehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die franzöſi-
ſchen Verſe kommen überhaupt der Proſa ſo
nahe, daß es Mühe koſten ſoll, nur in einem
etwas geſuchteren Stile zu ſchreiben, ohne daß
ſich nicht von ſelbſt ganze Verſe zuſammen fin-
den, denen nichts wie der Reim mangelt. Und
gerade denjenigen, die gar keine Verſe machen,
können dergleichen Verſe am erſten entwiſchen;
eben weil ſie gar kein Ohr für das Metrum ha-
ben, und es alſo eben ſo wenig zu vermeiden,
als zu beobachten verſtehen.

Was hat Cenie ſonſt für Merkmahle, daß ſie
nicht aus der Feder eines Frauenzimmers könne
gefloſſen ſeyn? „Das Frauenzimmer überhaupt,
ſagt Rouſſeau, (*) liebt keine einzige Kunſt,
verſteht ſich auf keine einzige, und an Genie
fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen
Werken glücklich ſeyn, die nichts als leichten
Witz, nichts als Geſchmack, nichts als Anmuth,
höchſtens Gründlichkeit und Philoſophie ver-
langen. Es kann ſich Wiſſenſchaft, Gelehr-
ſamkeit und alle Talente erwerben, die ſich durch
Mühe und Arbeit erwerben laſſen. Aber jenes
himmliſche Feuer, welches die Seele erhitzet und

ent-
(*) à d’Alembert p. 193.
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[2/0008] ſtreuten Zeilen zu verſtehen, die den Reim ver- loren, aber die Sylbenzahl beybehalten haben. Doch wenn Chevrier keinen andern Beweis hat- te, daß das Stück in Verſen geweſen: ſo iſt es ſehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die franzöſi- ſchen Verſe kommen überhaupt der Proſa ſo nahe, daß es Mühe koſten ſoll, nur in einem etwas geſuchteren Stile zu ſchreiben, ohne daß ſich nicht von ſelbſt ganze Verſe zuſammen fin- den, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade denjenigen, die gar keine Verſe machen, können dergleichen Verſe am erſten entwiſchen; eben weil ſie gar kein Ohr für das Metrum ha- ben, und es alſo eben ſo wenig zu vermeiden, als zu beobachten verſtehen. Was hat Cenie ſonſt für Merkmahle, daß ſie nicht aus der Feder eines Frauenzimmers könne gefloſſen ſeyn? „Das Frauenzimmer überhaupt, ſagt Rouſſeau, (*) liebt keine einzige Kunſt, verſteht ſich auf keine einzige, und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken glücklich ſeyn, die nichts als leichten Witz, nichts als Geſchmack, nichts als Anmuth, höchſtens Gründlichkeit und Philoſophie ver- langen. Es kann ſich Wiſſenſchaft, Gelehr- ſamkeit und alle Talente erwerben, die ſich durch Mühe und Arbeit erwerben laſſen. Aber jenes himmliſche Feuer, welches die Seele erhitzet und ent- (*) à d’Alembert p. 193.

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Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769], S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/8>, abgerufen am 26.01.2021.