Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Klingemann, Ernst August Friedrich: Nachtwachen. Penig, 1805.

Bild:
<< vorherige Seite

fragte er verwundert, "was meinen Sie da-
mit? Ich verstehe die neuen Terminologien
so selten, in denen Sie jezt reden." --
"Weil Sie sich für nichts höheres interessiren;
nicht einmal für das Tragische!" -- "Tra-
gisch? Ei allerdings!" antwortete er selbstge-
fällig, "sehen Sie hier, ich lasse drei Delin-
quenten hinrichten!" -- "O weh, welche Sen-
timents!" -- "Wie? Ich dachte Ihnen eine
Freude damit zu machen, weil in den Büchern
die Sie lesen, so viele ums Leben kommen.
Deshalb habe ich auch, um Sie zu überraschen,
die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage fest-
gesezt!" -- "Mein Gott! Meine Nerven!"
-- "O weh, Sie bekommen den Zufall jezt so
häufig, daß mir jedesmal bang im Voraus
wird!" "Ach ja, Sie können leider dabei nicht
helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen
Sie sich schlafen!"

Das Gespräch war zu Ende, und er ging,
indem er sich den Schweiß von der Stirn

3

fragte er verwundert, „was meinen Sie da-
mit? Ich verſtehe die neuen Terminologien
ſo ſelten, in denen Sie jezt reden.“ —
„Weil Sie ſich fuͤr nichts hoͤheres intereſſiren;
nicht einmal fuͤr das Tragiſche!“ — „Tra-
giſch? Ei allerdings!“ antwortete er ſelbſtge-
faͤllig, „ſehen Sie hier, ich laſſe drei Delin-
quenten hinrichten!“ — „O weh, welche Sen-
timents!“ — „Wie? Ich dachte Ihnen eine
Freude damit zu machen, weil in den Buͤchern
die Sie leſen, ſo viele ums Leben kommen.
Deshalb habe ich auch, um Sie zu uͤberraſchen,
die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage feſt-
geſezt!“ — „Mein Gott! Meine Nerven!“
— „O weh, Sie bekommen den Zufall jezt ſo
haͤufig, daß mir jedesmal bang im Voraus
wird!“ „Ach ja, Sie koͤnnen leider dabei nicht
helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen
Sie ſich ſchlafen!“

Das Geſpraͤch war zu Ende, und er ging,
indem er ſich den Schweiß von der Stirn

3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0035" n="35"/>
fragte er verwundert, &#x201E;was meinen Sie da-<lb/>
mit? Ich ver&#x017F;tehe die neuen Terminologien<lb/>
&#x017F;o &#x017F;elten, in denen Sie jezt reden.&#x201C; &#x2014;<lb/>
&#x201E;Weil Sie &#x017F;ich fu&#x0364;r nichts ho&#x0364;heres intere&#x017F;&#x017F;iren;<lb/>
nicht einmal fu&#x0364;r das Tragi&#x017F;che!&#x201C; &#x2014; &#x201E;Tra-<lb/>
gi&#x017F;ch? Ei allerdings!&#x201C; antwortete er &#x017F;elb&#x017F;tge-<lb/>
fa&#x0364;llig, &#x201E;&#x017F;ehen Sie hier, ich la&#x017F;&#x017F;e drei Delin-<lb/>
quenten hinrichten!&#x201C; &#x2014; &#x201E;O weh, welche Sen-<lb/>
timents!&#x201C; &#x2014; &#x201E;Wie? Ich dachte Ihnen eine<lb/>
Freude damit zu machen, weil in den Bu&#x0364;chern<lb/>
die Sie le&#x017F;en, &#x017F;o viele ums Leben kommen.<lb/>
Deshalb habe ich auch, um Sie zu u&#x0364;berra&#x017F;chen,<lb/>
die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage fe&#x017F;t-<lb/>
ge&#x017F;ezt!&#x201C; &#x2014; &#x201E;Mein Gott! Meine Nerven!&#x201C;<lb/>
&#x2014; &#x201E;O weh, Sie bekommen den Zufall jezt &#x017F;o<lb/>
ha&#x0364;ufig, daß mir jedesmal bang im Voraus<lb/>
wird!&#x201C; &#x201E;Ach ja, <hi rendition="#g">Sie</hi> ko&#x0364;nnen leider dabei nicht<lb/>
helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen<lb/>
Sie &#x017F;ich &#x017F;chlafen!&#x201C;</p><lb/>
        <p>Das Ge&#x017F;pra&#x0364;ch war zu Ende, und er ging,<lb/>
indem er &#x017F;ich den Schweiß von der Stirn<lb/>
<fw place="bottom" type="sig" rendition="#right">3</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[35/0035] fragte er verwundert, „was meinen Sie da- mit? Ich verſtehe die neuen Terminologien ſo ſelten, in denen Sie jezt reden.“ — „Weil Sie ſich fuͤr nichts hoͤheres intereſſiren; nicht einmal fuͤr das Tragiſche!“ — „Tra- giſch? Ei allerdings!“ antwortete er ſelbſtge- faͤllig, „ſehen Sie hier, ich laſſe drei Delin- quenten hinrichten!“ — „O weh, welche Sen- timents!“ — „Wie? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Buͤchern die Sie leſen, ſo viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu uͤberraſchen, die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage feſt- geſezt!“ — „Mein Gott! Meine Nerven!“ — „O weh, Sie bekommen den Zufall jezt ſo haͤufig, daß mir jedesmal bang im Voraus wird!“ „Ach ja, Sie koͤnnen leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen Sie ſich ſchlafen!“ Das Geſpraͤch war zu Ende, und er ging, indem er ſich den Schweiß von der Stirn 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805/35
Zitationshilfe: Klingemann, Ernst August Friedrich: Nachtwachen. Penig, 1805, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805/35>, abgerufen am 21.04.2024.