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Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834.

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1) "Verdienen die Erzähler meinen Glauben, d. h. sind
sie redlich und haben sie den Willen, die Wahrheit zu
sagen?"
2) "Sind sie fähig, die Wahrheit zu sagen, waren sie
im Stande die Thatsachen richtig zu sehen und zu
beobachten?"

Und nachdem ich diese beiden Fragen, trotz meines Skep-
ticismus bejahen mußte, so blieb mir nichts übrig als zu
glauben, da ich über geschehene Dinge weder Beobachtun-
gen noch Prüfungen anstellen konnte. Hätte ich nicht ge-
glaubt
, so hätte ich nach einem Grundsatz gehandelt,
bey welchem alle Geschichten, alle Erfahrungswissenschaften
aufhören müßten. Denn ohne den Glauben an glaubwür-
dige Zeugen fällt unsere ganze Geschichte weg.

Zum Schluß habe ich über diese Vorfälle in Orlach nur noch
Folgendes zu bemerken: Meine Erzählung ist in sofern sehr
unvollständig, als ich nur das darin aufgenommen habe, was
mir in den wenigen Stunden, in welchen ich an Ort und Stelle
war, von den Zeugen erzählt wurde, welche ich persönlich
kannte. Es versteht sich von selbst, daß dabey nicht alle
interessante Erscheinungen, welche im Verlauf eines Jahres
vorgekommen sind, mir mitgetheilt werden konnten. Ich
schrieb das Gehörte, so bald es meine Geschäfte erlaubten,
mit möglichster Worttreue, aus dem Gedächtniß nie-
der. Sollte daher eine aktenmäßige Erzählung der Zeugen
selbst erscheinen, so müßte ich auf diese verweisen, und
kleine unwesentliche Abweichungen als Gedächnißfehler be-
trachtet werden. Die Thatsachen und die Darstellung im
Wesentlichen aber ist, auch nach den spätern Nachforschun-
gen anderer Bekannten, ganz richtig, nur daß sie sehr viele
höchst interessante Einzelheiten nicht enthält, welche ich erst
später erfahren habe. Nur der Vater des Mädchens selbst,
der alles, so gut er es konnte, niedergeschrieben hat, und
Dr. Kerner sind fähig, ganz vollständige Nachricht zu geben.

Nur noch folgenden Zug will ich anführen, welchen mir
der Vater des Mädchens erst später erzählte. In Beyseyn

1) „Verdienen die Erzähler meinen Glauben, d. h. ſind
ſie redlich und haben ſie den Willen, die Wahrheit zu
ſagen?“
2) „Sind ſie fähig, die Wahrheit zu ſagen, waren ſie
im Stande die Thatſachen richtig zu ſehen und zu
beobachten?“

Und nachdem ich dieſe beiden Fragen, trotz meines Skep-
ticismus bejahen mußte, ſo blieb mir nichts übrig als zu
glauben, da ich über geſchehene Dinge weder Beobachtun-
gen noch Prüfungen anſtellen konnte. Hätte ich nicht ge-
glaubt
, ſo hätte ich nach einem Grundſatz gehandelt,
bey welchem alle Geſchichten, alle Erfahrungswiſſenſchaften
aufhören müßten. Denn ohne den Glauben an glaubwür-
dige Zeugen fällt unſere ganze Geſchichte weg.

Zum Schluß habe ich über dieſe Vorfälle in Orlach nur noch
Folgendes zu bemerken: Meine Erzählung iſt in ſofern ſehr
unvollſtändig, als ich nur das darin aufgenommen habe, was
mir in den wenigen Stunden, in welchen ich an Ort und Stelle
war, von den Zeugen erzählt wurde, welche ich perſönlich
kannte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dabey nicht alle
intereſſante Erſcheinungen, welche im Verlauf eines Jahres
vorgekommen ſind, mir mitgetheilt werden konnten. Ich
ſchrieb das Gehörte, ſo bald es meine Geſchäfte erlaubten,
mit möglichſter Worttreue, aus dem Gedächtniß nie-
der. Sollte daher eine aktenmäßige Erzählung der Zeugen
ſelbſt erſcheinen, ſo müßte ich auf dieſe verweiſen, und
kleine unweſentliche Abweichungen als Gedächnißfehler be-
trachtet werden. Die Thatſachen und die Darſtellung im
Weſentlichen aber iſt, auch nach den ſpätern Nachforſchun-
gen anderer Bekannten, ganz richtig, nur daß ſie ſehr viele
höchſt intereſſante Einzelheiten nicht enthält, welche ich erſt
ſpäter erfahren habe. Nur der Vater des Mädchens ſelbſt,
der alles, ſo gut er es konnte, niedergeſchrieben hat, und
Dr. Kerner ſind fähig, ganz vollſtändige Nachricht zu geben.

Nur noch folgenden Zug will ich anführen, welchen mir
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[70/0084] 1) „Verdienen die Erzähler meinen Glauben, d. h. ſind ſie redlich und haben ſie den Willen, die Wahrheit zu ſagen?“ 2) „Sind ſie fähig, die Wahrheit zu ſagen, waren ſie im Stande die Thatſachen richtig zu ſehen und zu beobachten?“ Und nachdem ich dieſe beiden Fragen, trotz meines Skep- ticismus bejahen mußte, ſo blieb mir nichts übrig als zu glauben, da ich über geſchehene Dinge weder Beobachtun- gen noch Prüfungen anſtellen konnte. Hätte ich nicht ge- glaubt, ſo hätte ich nach einem Grundſatz gehandelt, bey welchem alle Geſchichten, alle Erfahrungswiſſenſchaften aufhören müßten. Denn ohne den Glauben an glaubwür- dige Zeugen fällt unſere ganze Geſchichte weg. Zum Schluß habe ich über dieſe Vorfälle in Orlach nur noch Folgendes zu bemerken: Meine Erzählung iſt in ſofern ſehr unvollſtändig, als ich nur das darin aufgenommen habe, was mir in den wenigen Stunden, in welchen ich an Ort und Stelle war, von den Zeugen erzählt wurde, welche ich perſönlich kannte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dabey nicht alle intereſſante Erſcheinungen, welche im Verlauf eines Jahres vorgekommen ſind, mir mitgetheilt werden konnten. Ich ſchrieb das Gehörte, ſo bald es meine Geſchäfte erlaubten, mit möglichſter Worttreue, aus dem Gedächtniß nie- der. Sollte daher eine aktenmäßige Erzählung der Zeugen ſelbſt erſcheinen, ſo müßte ich auf dieſe verweiſen, und kleine unweſentliche Abweichungen als Gedächnißfehler be- trachtet werden. Die Thatſachen und die Darſtellung im Weſentlichen aber iſt, auch nach den ſpätern Nachforſchun- gen anderer Bekannten, ganz richtig, nur daß ſie ſehr viele höchſt intereſſante Einzelheiten nicht enthält, welche ich erſt ſpäter erfahren habe. Nur der Vater des Mädchens ſelbſt, der alles, ſo gut er es konnte, niedergeſchrieben hat, und Dr. Kerner ſind fähig, ganz vollſtändige Nachricht zu geben. Nur noch folgenden Zug will ich anführen, welchen mir der Vater des Mädchens erſt ſpäter erzählte. In Beyſeyn

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Zitationshilfe: Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_besessene_1834/84>, abgerufen am 23.04.2024.