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Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834.

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sonderbar, wenn z. B. der Vater oder die Tochter mit je-
nen zehn Gulden Geld die Absicht gehabt hätte, die Welt
betrügerischer Weise glauben zu machen, es sey durch einen
Geist in den Stall gelegt worden, denn am Ende wäre ja
doch kein Mensch dadurch betrogen worden, als der Bauer
selbst, nämlich um sein Geld! Unwillentliche Täuschung
kann ich eben so wenig annehmen, denn die meisten dieser
Thatsachen wurden von vielen gesehn, und sind der Art,
daß zu ihrer Auffassung weiter nichts, als gesunde Sinne
nöthig waren; z. B. das Brennen im Haus, das Vorfin-
den des Geldes, der Zustand, die Aeußerungen des Mäd-
chens. Poetische Ausschmückung war eben darum nicht wohl
möglich, in so fern es sich von ganz einfachen Thatsachen
handelt, bey welchen viele Personen zugegen waren. Es
läßt sich z. B. nicht wohl denken, was an dem gefun-
denen Geld, an den verflochtenen Kuhschwänzen, an dem
verbrannten Schnupftuch, an den groben Antworten des
Mädchens poetische Ausschmückung seyn sollte. Auch ich
weiß, wie sehr jede Erzählung, wenn sie von Mund zu
Mund geht, anschwillt; eben darum habe ich auch die
Versicherung gegeben, daß ich durchaus nichts in meiner
Darstellung aufgenommen habe, was ich von Mund zu
Mund, d. h. von der zweiten oder dritten Person, erfah-
ren habe, sondern nur was mir genau bekannte, glaub-
würdige, unmittelbare Zeugen erzählten, also nicht
was bereits von Mund zu Mund gegangen war, denn
sonst wäre meine Erzählung ganz anders aus-
gefallen
.

Die Redaktion wünscht, daß ich mehr Skepticismus in
meine Beobachtungen möchte gebracht haben. Ich kann
versichern, daß ich mit einer so starken Dosis Skepticismus
nach Orlach ging, als immer irgend Jemand dahin hätte
mitbringen können. Beobachten aber konnte ich das Mäd-
chen nur in der halben Stunde bis zu ihrem Erwachen.
Hier läßt sich nun beim besten Willen nicht viel Skepticis-
mus anbringen. Es waren die Fragen zu untersuchen:


ſonderbar, wenn z. B. der Vater oder die Tochter mit je-
nen zehn Gulden Geld die Abſicht gehabt hätte, die Welt
betrügeriſcher Weiſe glauben zu machen, es ſey durch einen
Geiſt in den Stall gelegt worden, denn am Ende wäre ja
doch kein Menſch dadurch betrogen worden, als der Bauer
ſelbſt, nämlich um ſein Geld! Unwillentliche Täuſchung
kann ich eben ſo wenig annehmen, denn die meiſten dieſer
Thatſachen wurden von vielen geſehn, und ſind der Art,
daß zu ihrer Auffaſſung weiter nichts, als geſunde Sinne
nöthig waren; z. B. das Brennen im Haus, das Vorfin-
den des Geldes, der Zuſtand, die Aeußerungen des Mäd-
chens. Poetiſche Ausſchmückung war eben darum nicht wohl
möglich, in ſo fern es ſich von ganz einfachen Thatſachen
handelt, bey welchen viele Perſonen zugegen waren. Es
läßt ſich z. B. nicht wohl denken, was an dem gefun-
denen Geld, an den verflochtenen Kuhſchwänzen, an dem
verbrannten Schnupftuch, an den groben Antworten des
Mädchens poetiſche Ausſchmückung ſeyn ſollte. Auch ich
weiß, wie ſehr jede Erzählung, wenn ſie von Mund zu
Mund geht, anſchwillt; eben darum habe ich auch die
Verſicherung gegeben, daß ich durchaus nichts in meiner
Darſtellung aufgenommen habe, was ich von Mund zu
Mund, d. h. von der zweiten oder dritten Perſon, erfah-
ren habe, ſondern nur was mir genau bekannte, glaub-
würdige, unmittelbare Zeugen erzählten, alſo nicht
was bereits von Mund zu Mund gegangen war, denn
ſonſt wäre meine Erzählung ganz anders aus-
gefallen
.

Die Redaktion wünſcht, daß ich mehr Skepticismus in
meine Beobachtungen möchte gebracht haben. Ich kann
verſichern, daß ich mit einer ſo ſtarken Doſis Skepticismus
nach Orlach ging, als immer irgend Jemand dahin hätte
mitbringen können. Beobachten aber konnte ich das Mäd-
chen nur in der halben Stunde bis zu ihrem Erwachen.
Hier läßt ſich nun beim beſten Willen nicht viel Skepticis-
mus anbringen. Es waren die Fragen zu unterſuchen:


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[69/0083] ſonderbar, wenn z. B. der Vater oder die Tochter mit je- nen zehn Gulden Geld die Abſicht gehabt hätte, die Welt betrügeriſcher Weiſe glauben zu machen, es ſey durch einen Geiſt in den Stall gelegt worden, denn am Ende wäre ja doch kein Menſch dadurch betrogen worden, als der Bauer ſelbſt, nämlich um ſein Geld! Unwillentliche Täuſchung kann ich eben ſo wenig annehmen, denn die meiſten dieſer Thatſachen wurden von vielen geſehn, und ſind der Art, daß zu ihrer Auffaſſung weiter nichts, als geſunde Sinne nöthig waren; z. B. das Brennen im Haus, das Vorfin- den des Geldes, der Zuſtand, die Aeußerungen des Mäd- chens. Poetiſche Ausſchmückung war eben darum nicht wohl möglich, in ſo fern es ſich von ganz einfachen Thatſachen handelt, bey welchen viele Perſonen zugegen waren. Es läßt ſich z. B. nicht wohl denken, was an dem gefun- denen Geld, an den verflochtenen Kuhſchwänzen, an dem verbrannten Schnupftuch, an den groben Antworten des Mädchens poetiſche Ausſchmückung ſeyn ſollte. Auch ich weiß, wie ſehr jede Erzählung, wenn ſie von Mund zu Mund geht, anſchwillt; eben darum habe ich auch die Verſicherung gegeben, daß ich durchaus nichts in meiner Darſtellung aufgenommen habe, was ich von Mund zu Mund, d. h. von der zweiten oder dritten Perſon, erfah- ren habe, ſondern nur was mir genau bekannte, glaub- würdige, unmittelbare Zeugen erzählten, alſo nicht was bereits von Mund zu Mund gegangen war, denn ſonſt wäre meine Erzählung ganz anders aus- gefallen. Die Redaktion wünſcht, daß ich mehr Skepticismus in meine Beobachtungen möchte gebracht haben. Ich kann verſichern, daß ich mit einer ſo ſtarken Doſis Skepticismus nach Orlach ging, als immer irgend Jemand dahin hätte mitbringen können. Beobachten aber konnte ich das Mäd- chen nur in der halben Stunde bis zu ihrem Erwachen. Hier läßt ſich nun beim beſten Willen nicht viel Skepticis- mus anbringen. Es waren die Fragen zu unterſuchen:

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Zitationshilfe: Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_besessene_1834/83>, abgerufen am 19.04.2024.