Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

schen auf Erden sich drüben entwickeln, vervollkommnen,
entfalten, ihre Thorheit abschütteln und ein anderes Ge-
schlecht aus ihr entstehen muß, und ob er hier den lang-
müthigen Gott nicht mit menschlichem Maßstab, oder nach
der Wanduhr die Ewigkeit messen läßt. Auch ob ein Ge-
fangener verdummen muß, dem man in seinem Kerker Zeit
läßt, sich zu besinnen, von seinem leidenschaftlichen Trei-
ben sich abzukühlen, die Augen nach Gott zu richten und
den auch wohl von Zeit zu Zeit ein Seelsorger besucht,
weil des Richters Absicht ist, ihn zu bekehren und zu bes-
sern. Endlich, ob der Denkgläubige berechnen und uns die
Versicherung geben kann, daß und in welcher kurzen Frist
alle Narren eines Irrenhauses als geheilt entlassen werden
können. Was aber hier Jahre sind, das mögen dort wohl
Jahrhunderte nach hiesigem Zeitmaß seyn. Oder noch dieß:
warum dort bloße Anomalien seyn müssen, was hier die
Regel ist; wofern wir nicht mit dem Tode selbst eine nir-
gends geoffenbarte, nirgends erweisliche Verwandlungskraft
beylegen wollen."

Der Denkgläubige sagt: "So auffallend auch immerhin
die Aufschlüsse sind, welche unsere Geister und Somnam-
bülen schon gegeben haben, so ist es doch nur Sternen-
licht -- das zwar aus einer höhern geheimnißvollen Welt
stammt, aber mit dem klaren Sonnenlichte der reinen ge-
sunden Vernunft nicht verglichen werden kann. Alle diese
Geister, welche uns durch ihre übernatürlichen Einsichten
und Wirkungen in Erstaunen setzen, haben dennoch auch
nicht eine große segensreiche Wahrheit, eine wichtige Ent-
deckung der Menschheit gebracht und selbst die Maschinen,
die sie erfunden haben, kommen nicht einmal unserm Pflug
oder Spinnrad gleich. Nie werden sie unsern großen Gei-
stern mit natürlichem Berstande an die Seite gestellt wer-
den können, sie waren nur Seltenheiten, die Erstaunen er-
regten, aber keinen bleibenden Gewinn brachten.

Der Freund entgegnet: "Der Zweifler verfällt hier in
den Ton des Rationalismus nnd hält die "reine gesunde

ſchen auf Erden ſich drüben entwickeln, vervollkommnen,
entfalten, ihre Thorheit abſchütteln und ein anderes Ge-
ſchlecht aus ihr entſtehen muß, und ob er hier den lang-
müthigen Gott nicht mit menſchlichem Maßſtab, oder nach
der Wanduhr die Ewigkeit meſſen läßt. Auch ob ein Ge-
fangener verdummen muß, dem man in ſeinem Kerker Zeit
läßt, ſich zu beſinnen, von ſeinem leidenſchaftlichen Trei-
ben ſich abzukühlen, die Augen nach Gott zu richten und
den auch wohl von Zeit zu Zeit ein Seelſorger beſucht,
weil des Richters Abſicht iſt, ihn zu bekehren und zu beſ-
ſern. Endlich, ob der Denkgläubige berechnen und uns die
Verſicherung geben kann, daß und in welcher kurzen Friſt
alle Narren eines Irrenhauſes als geheilt entlaſſen werden
können. Was aber hier Jahre ſind, das mögen dort wohl
Jahrhunderte nach hieſigem Zeitmaß ſeyn. Oder noch dieß:
warum dort bloße Anomalien ſeyn müſſen, was hier die
Regel iſt; wofern wir nicht mit dem Tode ſelbſt eine nir-
gends geoffenbarte, nirgends erweisliche Verwandlungskraft
beylegen wollen.“

Der Denkgläubige ſagt: „So auffallend auch immerhin
die Aufſchlüſſe ſind, welche unſere Geiſter und Somnam-
bülen ſchon gegeben haben, ſo iſt es doch nur Sternen-
licht — das zwar aus einer höhern geheimnißvollen Welt
ſtammt, aber mit dem klaren Sonnenlichte der reinen ge-
ſunden Vernunft nicht verglichen werden kann. Alle dieſe
Geiſter, welche uns durch ihre übernatürlichen Einſichten
und Wirkungen in Erſtaunen ſetzen, haben dennoch auch
nicht eine große ſegensreiche Wahrheit, eine wichtige Ent-
deckung der Menſchheit gebracht und ſelbſt die Maſchinen,
die ſie erfunden haben, kommen nicht einmal unſerm Pflug
oder Spinnrad gleich. Nie werden ſie unſern großen Gei-
ſtern mit natürlichem Berſtande an die Seite geſtellt wer-
den können, ſie waren nur Seltenheiten, die Erſtaunen er-
regten, aber keinen bleibenden Gewinn brachten.

Der Freund entgegnet: „Der Zweifler verfällt hier in
den Ton des Rationalismus nnd hält die „reine geſunde

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0068" n="54"/>
&#x017F;chen auf Erden &#x017F;ich drüben entwickeln, vervollkommnen,<lb/>
entfalten, ihre Thorheit ab&#x017F;chütteln und ein anderes Ge-<lb/>
&#x017F;chlecht aus ihr ent&#x017F;tehen muß, und ob er hier den lang-<lb/>
müthigen Gott nicht mit men&#x017F;chlichem Maß&#x017F;tab, oder nach<lb/>
der Wanduhr die Ewigkeit me&#x017F;&#x017F;en läßt. Auch ob ein Ge-<lb/>
fangener verdummen muß, dem man in &#x017F;einem Kerker Zeit<lb/>
läßt, &#x017F;ich zu be&#x017F;innen, von &#x017F;einem leiden&#x017F;chaftlichen Trei-<lb/>
ben &#x017F;ich abzukühlen, die Augen nach Gott zu richten und<lb/>
den auch wohl von Zeit zu Zeit ein Seel&#x017F;orger be&#x017F;ucht,<lb/>
weil des Richters Ab&#x017F;icht i&#x017F;t, ihn zu bekehren und zu be&#x017F;-<lb/>
&#x017F;ern. Endlich, ob der Denkgläubige berechnen und uns die<lb/>
Ver&#x017F;icherung geben kann, daß und in welcher kurzen Fri&#x017F;t<lb/>
alle Narren eines Irrenhau&#x017F;es als geheilt entla&#x017F;&#x017F;en werden<lb/>
können. Was aber hier Jahre &#x017F;ind, das mögen dort wohl<lb/>
Jahrhunderte nach hie&#x017F;igem Zeitmaß &#x017F;eyn. Oder noch dieß:<lb/>
warum dort bloße Anomalien &#x017F;eyn mü&#x017F;&#x017F;en, was hier die<lb/>
Regel i&#x017F;t; wofern wir nicht mit dem Tode &#x017F;elb&#x017F;t eine nir-<lb/>
gends geoffenbarte, nirgends erweisliche Verwandlungskraft<lb/>
beylegen wollen.&#x201C;</p><lb/>
        <p>Der Denkgläubige &#x017F;agt: &#x201E;So auffallend auch immerhin<lb/>
die Auf&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;e &#x017F;ind, welche un&#x017F;ere Gei&#x017F;ter und Somnam-<lb/>
bülen &#x017F;chon gegeben haben, &#x017F;o i&#x017F;t es doch nur Sternen-<lb/>
licht &#x2014; das zwar aus einer höhern geheimnißvollen Welt<lb/>
&#x017F;tammt, aber mit dem klaren Sonnenlichte der reinen ge-<lb/>
&#x017F;unden Vernunft nicht verglichen werden kann. Alle die&#x017F;e<lb/>
Gei&#x017F;ter, welche uns durch ihre übernatürlichen Ein&#x017F;ichten<lb/>
und Wirkungen in Er&#x017F;taunen &#x017F;etzen, haben dennoch auch<lb/>
nicht eine große &#x017F;egensreiche Wahrheit, eine wichtige Ent-<lb/>
deckung der Men&#x017F;chheit gebracht und &#x017F;elb&#x017F;t die Ma&#x017F;chinen,<lb/>
die &#x017F;ie erfunden haben, kommen nicht einmal un&#x017F;erm Pflug<lb/>
oder Spinnrad gleich. Nie werden &#x017F;ie un&#x017F;ern großen Gei-<lb/>
&#x017F;tern mit natürlichem Ber&#x017F;tande an die Seite ge&#x017F;tellt wer-<lb/>
den können, &#x017F;ie waren nur Seltenheiten, die Er&#x017F;taunen er-<lb/>
regten, aber keinen bleibenden Gewinn brachten.</p><lb/>
        <p>Der Freund entgegnet: &#x201E;Der Zweifler verfällt hier in<lb/>
den Ton des Rationalismus nnd hält die &#x201E;reine ge&#x017F;unde<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[54/0068] ſchen auf Erden ſich drüben entwickeln, vervollkommnen, entfalten, ihre Thorheit abſchütteln und ein anderes Ge- ſchlecht aus ihr entſtehen muß, und ob er hier den lang- müthigen Gott nicht mit menſchlichem Maßſtab, oder nach der Wanduhr die Ewigkeit meſſen läßt. Auch ob ein Ge- fangener verdummen muß, dem man in ſeinem Kerker Zeit läßt, ſich zu beſinnen, von ſeinem leidenſchaftlichen Trei- ben ſich abzukühlen, die Augen nach Gott zu richten und den auch wohl von Zeit zu Zeit ein Seelſorger beſucht, weil des Richters Abſicht iſt, ihn zu bekehren und zu beſ- ſern. Endlich, ob der Denkgläubige berechnen und uns die Verſicherung geben kann, daß und in welcher kurzen Friſt alle Narren eines Irrenhauſes als geheilt entlaſſen werden können. Was aber hier Jahre ſind, das mögen dort wohl Jahrhunderte nach hieſigem Zeitmaß ſeyn. Oder noch dieß: warum dort bloße Anomalien ſeyn müſſen, was hier die Regel iſt; wofern wir nicht mit dem Tode ſelbſt eine nir- gends geoffenbarte, nirgends erweisliche Verwandlungskraft beylegen wollen.“ Der Denkgläubige ſagt: „So auffallend auch immerhin die Aufſchlüſſe ſind, welche unſere Geiſter und Somnam- bülen ſchon gegeben haben, ſo iſt es doch nur Sternen- licht — das zwar aus einer höhern geheimnißvollen Welt ſtammt, aber mit dem klaren Sonnenlichte der reinen ge- ſunden Vernunft nicht verglichen werden kann. Alle dieſe Geiſter, welche uns durch ihre übernatürlichen Einſichten und Wirkungen in Erſtaunen ſetzen, haben dennoch auch nicht eine große ſegensreiche Wahrheit, eine wichtige Ent- deckung der Menſchheit gebracht und ſelbſt die Maſchinen, die ſie erfunden haben, kommen nicht einmal unſerm Pflug oder Spinnrad gleich. Nie werden ſie unſern großen Gei- ſtern mit natürlichem Berſtande an die Seite geſtellt wer- den können, ſie waren nur Seltenheiten, die Erſtaunen er- regten, aber keinen bleibenden Gewinn brachten. Der Freund entgegnet: „Der Zweifler verfällt hier in den Ton des Rationalismus nnd hält die „reine geſunde

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_besessene_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_besessene_1834/68
Zitationshilfe: Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834, S. 54. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_besessene_1834/68>, abgerufen am 21.04.2024.