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Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 8. Berlin, 1955.

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daher, weil solchen Briefen nicht mit Zeilen sondern mit Bogen zu ant-
worten ist und weil ich überhaupt nicht einmal zu Zeilen für die meisten
Briefe Muße habe. Der Brief vor Ihrem Tagebuch bedeckte mir den
schönsten Himmelfarthmai mit einem Nebel durch den veranlaßten
Argwohn eines Unglücks; bis endlich das Tagebuch den Nebel wegnahm5
und mir die Sonne wiedergab. Zur schnellsten Antwort fehlte mir nichts
als Ihr Name, welchen ich zwar in Ihrem ersten Briefe zu finden hoffte,
aber nicht den Brief selber, der mit 1000 andern im Briefgewölbe eines
großen Kastens auf Auferstehen, nämlich auf Ordnen wartete. Und sieh
der erste, erste Griff in den Kasten zog Ihren ersten Brief von Hamburg10
wie eine Quaterne des Schicksals etc. ... Wem die Musik so in die Tiefe
des Herzens geht, oder was noch schöner, die Mittrauer um eine edle
Dahingegangne, wie Ihnen, der ist mein alter Bekannter und Freund
und braucht sich nie um mein Schweigen zu kümmern ... Indeß möcht'
ich wol ab- und anrathen; und Ihnen besonders mehr Handeln und15
weniger Reflektieren wünschen; aber wenn man den ganzen Autor-
menschen kaum aus vielen Büchern erräth, wie noch weniger den Brief-
schreiber aus Blättchen! Und wie schwer ists, sogar einem lange Be-
kannten einen das Leben durchgreifenden Rath zu ertheilen! Gegen Ihre
Überschätzung meines Werths hab' ich nicht viel; dem Jüngling ists20
immer gesünder, zu sehr zu verehren als zu sehr zu verachten, und es ist
besser, Sie haben ein Paar Götter zuviel als eine Gottheit weniger. --
Vertrauen Sie mehr sich oder noch richtiger, ganz dem Allgenius. Es
werden Ihnen noch manche Blüten der Jugend abfallen; aber blos die
unscheinbaren Fruchtansätze stoßen sie aus und als Mann werden Sie25
schon die vollern Früchte wahrnehmen. -- Nur den Dämon des Ehr-
geizes und den Waldteufel der Eitelkeit fliehen Sie; und sein Sie mit den
nahen Engeln des Guten und Schönen zufrieden.

51. An Friedrich Haug in Stuttgart.
[Kopie]30

Sie sollen mich nicht vergessen, so wenig als ich Sie; daher schreib'
ich, wenn auch nur weniges zu schreiben ist ... Wer einen solchen Reich-
thum von Witz, von Empfindung und von anmuthiger Gelehrsamkeit
zu geben hat, der braucht für die sämmtliche Herausgabe nur ein rechtes
-- Titelblatt, das alle 3 Gaben ankündigt, und eine rechte abwechselnde35

daher, weil ſolchen Briefen nicht mit Zeilen ſondern mit Bogen zu ant-
worten iſt und weil ich überhaupt nicht einmal zu Zeilen für die meiſten
Briefe Muße habe. Der Brief vor Ihrem Tagebuch bedeckte mir den
ſchönſten Himmelfarthmai mit einem Nebel durch den veranlaßten
Argwohn eines Unglücks; bis endlich das Tagebuch den Nebel wegnahm5
und mir die Sonne wiedergab. Zur ſchnellſten Antwort fehlte mir nichts
als Ihr Name, welchen ich zwar in Ihrem erſten Briefe zu finden hoffte,
aber nicht den Brief ſelber, der mit 1000 andern im Briefgewölbe eines
großen Kaſtens auf Auferſtehen, nämlich auf Ordnen wartete. Und ſieh
der erſte, erſte Griff in den Kaſten zog Ihren erſten Brief von Hamburg10
wie eine Quaterne des Schickſals ꝛc. ... Wem die Muſik ſo in die Tiefe
des Herzens geht, oder was noch ſchöner, die Mittrauer um eine edle
Dahingegangne, wie Ihnen, der iſt mein alter Bekannter und Freund
und braucht ſich nie um mein Schweigen zu kümmern ... Indeß möcht’
ich wol ab- und anrathen; und Ihnen beſonders mehr Handeln und15
weniger Reflektieren wünſchen; aber wenn man den ganzen Autor-
menſchen kaum aus vielen Büchern erräth, wie noch weniger den Brief-
ſchreiber aus Blättchen! Und wie ſchwer iſts, ſogar einem lange Be-
kannten einen das Leben durchgreifenden Rath zu ertheilen! Gegen Ihre
Überſchätzung meines Werths hab’ ich nicht viel; dem Jüngling iſts20
immer geſünder, zu ſehr zu verehren als zu ſehr zu verachten, und es iſt
beſſer, Sie haben ein Paar Götter zuviel als eine Gottheit weniger. —
Vertrauen Sie mehr ſich oder noch richtiger, ganz dem Allgenius. Es
werden Ihnen noch manche Blüten der Jugend abfallen; aber blos die
unſcheinbaren Fruchtanſätze ſtoßen ſie aus und als Mann werden Sie25
ſchon die vollern Früchte wahrnehmen. — Nur den Dämon des Ehr-
geizes und den Waldteufel der Eitelkeit fliehen Sie; und ſein Sie mit den
nahen Engeln des Guten und Schönen zufrieden.

51. An Friedrich Haug in Stuttgart.
[Kopie]30

Sie ſollen mich nicht vergeſſen, ſo wenig als ich Sie; daher ſchreib’
ich, wenn auch nur weniges zu ſchreiben iſt ... Wer einen ſolchen Reich-
thum von Witz, von Empfindung und von anmuthiger Gelehrſamkeit
zu geben hat, der braucht für die ſämmtliche Herausgabe nur ein rechtes
— Titelblatt, das alle 3 Gaben ankündigt, und eine rechte abwechſelnde35

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[30/0035] daher, weil ſolchen Briefen nicht mit Zeilen ſondern mit Bogen zu ant- worten iſt und weil ich überhaupt nicht einmal zu Zeilen für die meiſten Briefe Muße habe. Der Brief vor Ihrem Tagebuch bedeckte mir den ſchönſten Himmelfarthmai mit einem Nebel durch den veranlaßten Argwohn eines Unglücks; bis endlich das Tagebuch den Nebel wegnahm 5 und mir die Sonne wiedergab. Zur ſchnellſten Antwort fehlte mir nichts als Ihr Name, welchen ich zwar in Ihrem erſten Briefe zu finden hoffte, aber nicht den Brief ſelber, der mit 1000 andern im Briefgewölbe eines großen Kaſtens auf Auferſtehen, nämlich auf Ordnen wartete. Und ſieh der erſte, erſte Griff in den Kaſten zog Ihren erſten Brief von Hamburg 10 wie eine Quaterne des Schickſals ꝛc. ... Wem die Muſik ſo in die Tiefe des Herzens geht, oder was noch ſchöner, die Mittrauer um eine edle Dahingegangne, wie Ihnen, der iſt mein alter Bekannter und Freund und braucht ſich nie um mein Schweigen zu kümmern ... Indeß möcht’ ich wol ab- und anrathen; und Ihnen beſonders mehr Handeln und 15 weniger Reflektieren wünſchen; aber wenn man den ganzen Autor- menſchen kaum aus vielen Büchern erräth, wie noch weniger den Brief- ſchreiber aus Blättchen! Und wie ſchwer iſts, ſogar einem lange Be- kannten einen das Leben durchgreifenden Rath zu ertheilen! Gegen Ihre Überſchätzung meines Werths hab’ ich nicht viel; dem Jüngling iſts 20 immer geſünder, zu ſehr zu verehren als zu ſehr zu verachten, und es iſt beſſer, Sie haben ein Paar Götter zuviel als eine Gottheit weniger. — Vertrauen Sie mehr ſich oder noch richtiger, ganz dem Allgenius. Es werden Ihnen noch manche Blüten der Jugend abfallen; aber blos die unſcheinbaren Fruchtanſätze ſtoßen ſie aus und als Mann werden Sie 25 ſchon die vollern Früchte wahrnehmen. — Nur den Dämon des Ehr- geizes und den Waldteufel der Eitelkeit fliehen Sie; und ſein Sie mit den nahen Engeln des Guten und Schönen zufrieden. 51. An Friedrich Haug in Stuttgart. [Bayreuth, 22. Mai 1820] 30 Sie ſollen mich nicht vergeſſen, ſo wenig als ich Sie; daher ſchreib’ ich, wenn auch nur weniges zu ſchreiben iſt ... Wer einen ſolchen Reich- thum von Witz, von Empfindung und von anmuthiger Gelehrſamkeit zu geben hat, der braucht für die ſämmtliche Herausgabe nur ein rechtes — Titelblatt, das alle 3 Gaben ankündigt, und eine rechte abwechſelnde 35

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T15:22:18Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T15:22:18Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




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Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 8. Berlin, 1955, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe08_1955/35>, abgerufen am 08.12.2021.