Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 4. Düsseldorf, 1839.

Bild:
<< vorherige Seite

Denn heute war der Tag, an welchem die Neu-
verheirathete mit uralt hergebrachter Feierlichkeit
in ihr künftiges Wohnhaus eingeführt werden
mußte. Zu dieser Feierlichkeit gehörte eine Fahne,
viel Schießgewehr, abermals ein Schmaus, jedoch
diesesmal im Gehöfte des jungen Ehemannes und
wieder das Spinnrad, welches bei der Hochzeit
seine Dienste geleistet hatte.

Der Hochzeitbitter befestigte an einer Stange,
von welcher bunte Bänder herabflatterten, ein
großes weißes Leintuch und richtete so die Fahne
zu. Gegen dreißig junge Burschen hatten Flinten
bei sich, diese luden sie mit grobem Schrot oder
auch mit Kugeln, sich in lauter und geräuschiger
Art vermessend, daß sie der Fahne tüchtig eins
versetzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte
das Spinnrad getragen und endlich erschien die
Braut in ihrem gestrigen Putze, gar sehr verschämt,
nichts destoweniger aber immer noch mit der Braut-
krone geschmückt, obgleich sie von den Anwesenden
unter derben Scherzreden als Jungefrau begrüßt
wurde. Nun ordnete sich der Zug und setzte sich
nach dem Gehöfte des Schwiegersohnes in Bewe-
gung. Der Bursche mit der Fahne marschirte an

Denn heute war der Tag, an welchem die Neu-
verheirathete mit uralt hergebrachter Feierlichkeit
in ihr künftiges Wohnhaus eingeführt werden
mußte. Zu dieſer Feierlichkeit gehörte eine Fahne,
viel Schießgewehr, abermals ein Schmaus, jedoch
dieſesmal im Gehöfte des jungen Ehemannes und
wieder das Spinnrad, welches bei der Hochzeit
ſeine Dienſte geleiſtet hatte.

Der Hochzeitbitter befeſtigte an einer Stange,
von welcher bunte Bänder herabflatterten, ein
großes weißes Leintuch und richtete ſo die Fahne
zu. Gegen dreißig junge Burſchen hatten Flinten
bei ſich, dieſe luden ſie mit grobem Schrot oder
auch mit Kugeln, ſich in lauter und geräuſchiger
Art vermeſſend, daß ſie der Fahne tüchtig eins
verſetzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte
das Spinnrad getragen und endlich erſchien die
Braut in ihrem geſtrigen Putze, gar ſehr verſchämt,
nichts deſtoweniger aber immer noch mit der Braut-
krone geſchmückt, obgleich ſie von den Anweſenden
unter derben Scherzreden als Jungefrau begrüßt
wurde. Nun ordnete ſich der Zug und ſetzte ſich
nach dem Gehöfte des Schwiegerſohnes in Bewe-
gung. Der Burſche mit der Fahne marſchirte an

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0033" n="21"/>
          <p>Denn heute war der Tag, an welchem die Neu-<lb/>
verheirathete mit uralt hergebrachter Feierlichkeit<lb/>
in ihr künftiges Wohnhaus eingeführt werden<lb/>
mußte. Zu die&#x017F;er Feierlichkeit gehörte eine Fahne,<lb/>
viel Schießgewehr, abermals ein Schmaus, jedoch<lb/>
die&#x017F;esmal im Gehöfte des jungen Ehemannes und<lb/>
wieder das Spinnrad, welches bei der Hochzeit<lb/>
&#x017F;eine Dien&#x017F;te gelei&#x017F;tet hatte.</p><lb/>
          <p>Der Hochzeitbitter befe&#x017F;tigte an einer Stange,<lb/>
von welcher bunte Bänder herabflatterten, ein<lb/>
großes weißes Leintuch und richtete &#x017F;o die Fahne<lb/>
zu. Gegen dreißig junge Bur&#x017F;chen hatten Flinten<lb/>
bei &#x017F;ich, die&#x017F;e luden &#x017F;ie mit grobem Schrot oder<lb/>
auch mit Kugeln, &#x017F;ich in lauter und geräu&#x017F;chiger<lb/>
Art verme&#x017F;&#x017F;end, daß &#x017F;ie der Fahne tüchtig eins<lb/>
ver&#x017F;etzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte<lb/>
das Spinnrad getragen und endlich er&#x017F;chien die<lb/>
Braut in ihrem ge&#x017F;trigen Putze, gar &#x017F;ehr ver&#x017F;chämt,<lb/>
nichts de&#x017F;toweniger aber immer noch mit der Braut-<lb/>
krone ge&#x017F;chmückt, obgleich &#x017F;ie von den Anwe&#x017F;enden<lb/>
unter derben Scherzreden als Jungefrau begrüßt<lb/>
wurde. Nun ordnete &#x017F;ich der Zug und &#x017F;etzte &#x017F;ich<lb/>
nach dem Gehöfte des Schwieger&#x017F;ohnes in Bewe-<lb/>
gung. Der Bur&#x017F;che mit der Fahne mar&#x017F;chirte an<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0033] Denn heute war der Tag, an welchem die Neu- verheirathete mit uralt hergebrachter Feierlichkeit in ihr künftiges Wohnhaus eingeführt werden mußte. Zu dieſer Feierlichkeit gehörte eine Fahne, viel Schießgewehr, abermals ein Schmaus, jedoch dieſesmal im Gehöfte des jungen Ehemannes und wieder das Spinnrad, welches bei der Hochzeit ſeine Dienſte geleiſtet hatte. Der Hochzeitbitter befeſtigte an einer Stange, von welcher bunte Bänder herabflatterten, ein großes weißes Leintuch und richtete ſo die Fahne zu. Gegen dreißig junge Burſchen hatten Flinten bei ſich, dieſe luden ſie mit grobem Schrot oder auch mit Kugeln, ſich in lauter und geräuſchiger Art vermeſſend, daß ſie der Fahne tüchtig eins verſetzen wollten. Die eine Brautjungfer brachte das Spinnrad getragen und endlich erſchien die Braut in ihrem geſtrigen Putze, gar ſehr verſchämt, nichts deſtoweniger aber immer noch mit der Braut- krone geſchmückt, obgleich ſie von den Anweſenden unter derben Scherzreden als Jungefrau begrüßt wurde. Nun ordnete ſich der Zug und ſetzte ſich nach dem Gehöfte des Schwiegerſohnes in Bewe- gung. Der Burſche mit der Fahne marſchirte an

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839/33
Zitationshilfe: Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 4. Düsseldorf, 1839, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839/33>, abgerufen am 26.02.2024.