Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 4. Düsseldorf, 1839.

Bild:
<< vorherige Seite

über Alles und Jedes zu Dienst stehen wolle.
Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben,
war nicht sein Ehrgeiz, er brachte immer erst eine
vollständig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er
eine Andere angriff, und mit diesem Grundsatze
war er zu den guten Umständen gelangt, in denen
wir ihn kennen gelernt haben. -- Der alte Samm-
ler entfernte sich verdrießlich und ging nach einem
Stalle, worin er Etwas hatte niedersetzen lassen,
dessen Besitz jetzt seine Seele drückte. Er sah es
unter wehmüthigen Gedanken an und wünschte
sehnlich das Ende des Plaisirs herbei, welches
für ihn kein Plaisir war, weil es die Qual der
Unentschiedenheit für ihn verlängerte.

Von der Regel, nur ein Geschäft zu derselben
Zeit zu treiben, machte indessen der Hofschulze in
Betreff der kranken Blässe eine Ausnahme. Er
begab sich ungeachtet der noch bevorstehenden Hoch-
zeitvergnügungen zu dem Thiere, sah nach, ob
ihm auch die Hausmittel gereicht würden, die er
verordnet hatte, schaute es mitleidig an, schüttelte
den Kopf, streichelte ihm sanft die Weichen und
behandelte es überhaupt viel zärtlicher, als seine
Tochter oder seinen Schwiegersohn. Leider schien

über Alles und Jedes zu Dienſt ſtehen wolle.
Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben,
war nicht ſein Ehrgeiz, er brachte immer erſt eine
vollſtändig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er
eine Andere angriff, und mit dieſem Grundſatze
war er zu den guten Umſtänden gelangt, in denen
wir ihn kennen gelernt haben. — Der alte Samm-
ler entfernte ſich verdrießlich und ging nach einem
Stalle, worin er Etwas hatte niederſetzen laſſen,
deſſen Beſitz jetzt ſeine Seele drückte. Er ſah es
unter wehmüthigen Gedanken an und wünſchte
ſehnlich das Ende des Plaiſirs herbei, welches
für ihn kein Plaiſir war, weil es die Qual der
Unentſchiedenheit für ihn verlängerte.

Von der Regel, nur ein Geſchäft zu derſelben
Zeit zu treiben, machte indeſſen der Hofſchulze in
Betreff der kranken Bläſſe eine Ausnahme. Er
begab ſich ungeachtet der noch bevorſtehenden Hoch-
zeitvergnügungen zu dem Thiere, ſah nach, ob
ihm auch die Hausmittel gereicht würden, die er
verordnet hatte, ſchaute es mitleidig an, ſchüttelte
den Kopf, ſtreichelte ihm ſanft die Weichen und
behandelte es überhaupt viel zärtlicher, als ſeine
Tochter oder ſeinen Schwiegerſohn. Leider ſchien

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0030" n="18"/>
über Alles und Jedes zu Dien&#x017F;t &#x017F;tehen wolle.<lb/>
Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben,<lb/>
war nicht &#x017F;ein Ehrgeiz, er brachte immer er&#x017F;t eine<lb/>
voll&#x017F;tändig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er<lb/>
eine Andere angriff, und mit die&#x017F;em Grund&#x017F;atze<lb/>
war er zu den guten Um&#x017F;tänden gelangt, in denen<lb/>
wir ihn kennen gelernt haben. &#x2014; Der alte Samm-<lb/>
ler entfernte &#x017F;ich verdrießlich und ging nach einem<lb/>
Stalle, worin er Etwas hatte nieder&#x017F;etzen la&#x017F;&#x017F;en,<lb/>
de&#x017F;&#x017F;en Be&#x017F;itz jetzt &#x017F;eine Seele drückte. Er &#x017F;ah es<lb/>
unter wehmüthigen Gedanken an und wün&#x017F;chte<lb/>
&#x017F;ehnlich das Ende des Plai&#x017F;irs herbei, welches<lb/>
für ihn kein Plai&#x017F;ir war, weil es die Qual der<lb/>
Unent&#x017F;chiedenheit für ihn verlängerte.</p><lb/>
          <p>Von der Regel, nur ein Ge&#x017F;chäft zu der&#x017F;elben<lb/>
Zeit zu treiben, machte inde&#x017F;&#x017F;en der Hof&#x017F;chulze in<lb/>
Betreff der kranken Blä&#x017F;&#x017F;e eine Ausnahme. Er<lb/>
begab &#x017F;ich ungeachtet der noch bevor&#x017F;tehenden Hoch-<lb/>
zeitvergnügungen zu dem Thiere, &#x017F;ah nach, ob<lb/>
ihm auch die Hausmittel gereicht würden, die er<lb/>
verordnet hatte, &#x017F;chaute es mitleidig an, &#x017F;chüttelte<lb/>
den Kopf, &#x017F;treichelte ihm &#x017F;anft die Weichen und<lb/>
behandelte es überhaupt viel zärtlicher, als &#x017F;eine<lb/>
Tochter oder &#x017F;einen Schwieger&#x017F;ohn. Leider &#x017F;chien<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0030] über Alles und Jedes zu Dienſt ſtehen wolle. Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben, war nicht ſein Ehrgeiz, er brachte immer erſt eine vollſtändig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er eine Andere angriff, und mit dieſem Grundſatze war er zu den guten Umſtänden gelangt, in denen wir ihn kennen gelernt haben. — Der alte Samm- ler entfernte ſich verdrießlich und ging nach einem Stalle, worin er Etwas hatte niederſetzen laſſen, deſſen Beſitz jetzt ſeine Seele drückte. Er ſah es unter wehmüthigen Gedanken an und wünſchte ſehnlich das Ende des Plaiſirs herbei, welches für ihn kein Plaiſir war, weil es die Qual der Unentſchiedenheit für ihn verlängerte. Von der Regel, nur ein Geſchäft zu derſelben Zeit zu treiben, machte indeſſen der Hofſchulze in Betreff der kranken Bläſſe eine Ausnahme. Er begab ſich ungeachtet der noch bevorſtehenden Hoch- zeitvergnügungen zu dem Thiere, ſah nach, ob ihm auch die Hausmittel gereicht würden, die er verordnet hatte, ſchaute es mitleidig an, ſchüttelte den Kopf, ſtreichelte ihm ſanft die Weichen und behandelte es überhaupt viel zärtlicher, als ſeine Tochter oder ſeinen Schwiegerſohn. Leider ſchien

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839/30
Zitationshilfe: Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 4. Düsseldorf, 1839, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839/30>, abgerufen am 26.02.2024.