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Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 4. Düsseldorf, 1839.

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um irgendwo eine offenstehende Lucke oder sonst
eine vergessene Oeffnung zu finden, durch welche
er eindringen könnte. Aber es wollte sich nichts
dergleichen finden, und als er an der niedrigsten
Stelle der Hofesmauer sich bereitete, überzusteigen,
erhoben die Hunde im Hofe ein solches Gebell,
daß er befürchten mußte, es möge Jemand im Ge-
höfte wach werden. Er wich daher auf den Zehen
und die Zähne zusammenbeißend zurück und ging
wieder, seine Flüche verschlingend, nach der Sitz-
stelle im Eichenkampe, wo er nun eben so hart-
näckig in der Nacht ausharrte, wie bei Tage.

So saß dieser Mensch einen ganzen Nachmittag,
einen Abend und mehrere Stunden der Nacht hin-
durch, erpicht auf sein Vorhaben. Und gleichwohl
war dieses nicht auf ein großes Verbrechen oder
auf einen reichlichen Vortheil gerichtet; er wollte
dem Hofschulzen weder seine Geldsäcke rauben,
noch ihm das Haus über dem Kopfe anzünden,
sondern nur ihm einen Schabernack anzuthun übte
der Feind des Reichen eine solche zähe Beharr-
lichkeit.

Gegen vier Uhr Morgens endlich, als die Ge-
gend noch im halben Dämmer lag, wurde die Thüre

um irgendwo eine offenſtehende Lucke oder ſonſt
eine vergeſſene Oeffnung zu finden, durch welche
er eindringen könnte. Aber es wollte ſich nichts
dergleichen finden, und als er an der niedrigſten
Stelle der Hofesmauer ſich bereitete, überzuſteigen,
erhoben die Hunde im Hofe ein ſolches Gebell,
daß er befürchten mußte, es möge Jemand im Ge-
höfte wach werden. Er wich daher auf den Zehen
und die Zähne zuſammenbeißend zurück und ging
wieder, ſeine Flüche verſchlingend, nach der Sitz-
ſtelle im Eichenkampe, wo er nun eben ſo hart-
näckig in der Nacht ausharrte, wie bei Tage.

So ſaß dieſer Menſch einen ganzen Nachmittag,
einen Abend und mehrere Stunden der Nacht hin-
durch, erpicht auf ſein Vorhaben. Und gleichwohl
war dieſes nicht auf ein großes Verbrechen oder
auf einen reichlichen Vortheil gerichtet; er wollte
dem Hofſchulzen weder ſeine Geldſäcke rauben,
noch ihm das Haus über dem Kopfe anzünden,
ſondern nur ihm einen Schabernack anzuthun übte
der Feind des Reichen eine ſolche zähe Beharr-
lichkeit.

Gegen vier Uhr Morgens endlich, als die Ge-
gend noch im halben Dämmer lag, wurde die Thüre

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[15/0027] um irgendwo eine offenſtehende Lucke oder ſonſt eine vergeſſene Oeffnung zu finden, durch welche er eindringen könnte. Aber es wollte ſich nichts dergleichen finden, und als er an der niedrigſten Stelle der Hofesmauer ſich bereitete, überzuſteigen, erhoben die Hunde im Hofe ein ſolches Gebell, daß er befürchten mußte, es möge Jemand im Ge- höfte wach werden. Er wich daher auf den Zehen und die Zähne zuſammenbeißend zurück und ging wieder, ſeine Flüche verſchlingend, nach der Sitz- ſtelle im Eichenkampe, wo er nun eben ſo hart- näckig in der Nacht ausharrte, wie bei Tage. So ſaß dieſer Menſch einen ganzen Nachmittag, einen Abend und mehrere Stunden der Nacht hin- durch, erpicht auf ſein Vorhaben. Und gleichwohl war dieſes nicht auf ein großes Verbrechen oder auf einen reichlichen Vortheil gerichtet; er wollte dem Hofſchulzen weder ſeine Geldſäcke rauben, noch ihm das Haus über dem Kopfe anzünden, ſondern nur ihm einen Schabernack anzuthun übte der Feind des Reichen eine ſolche zähe Beharr- lichkeit. Gegen vier Uhr Morgens endlich, als die Ge- gend noch im halben Dämmer lag, wurde die Thüre

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Zitationshilfe: Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 4. Düsseldorf, 1839, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen04_1839/27>, abgerufen am 26.02.2024.