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Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902.

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Hat seine grosse Schönheit erst empfangen,
Seit es durch Seine Seele durchgegangen.
Antonio: Was für die schlanke Schönheit Reigentanz,
Was Fackelschein für bunten Maskenkranz,
Was für die Seele, die im Schlafe liegt,
Musik, die wogend sie in Rhythmen wiegt,
Und was der Spiegel für die junge Frau
Und für die Blüten Sonne licht und lau:
Ein Auge, ein harmonisch Element,
In dem die Schönheit erst sich selbst erkennt --
Das fand Natur in seines Wesens Strahl.
"Erweck uns, mach aus uns ein Bacchanal!"
Rief alles Lebende, das ihn ersehnte
Und seinem Blick sich stumm entgegendehnte.
Während Antonio spricht, sind die drei Mädchen leise aus der
Thür getreten und zuhörend stehen geblieben. Nur Tizianello,
der zerstreut und teilnahmslos etwas abseits rechts steht, scheint
sie zu bemerken. Lavinia trägt das blonde Haar im Goldnetz
und das reiche Kleid einer venezianischen Patrizierin. Cassandra
und Lisa, etwa 19- und 17jährig, tragen Beide ein einfaches
Gewand aus weissem, anschmiegendem, flutendem Stoff; nackte
Arme mit goldenen Schlangenreifen am Oberarm; Sandalen,
Gürtel aus Goldstoff. Cassandra ist aschblond, Lisa hat eine
gelbe Rosenknospe im schwarzen Haar. Irgend etwas an ihr
erinnert ans Knabenhafte, wie irgend etwas an Gianino ans
Mädchenhafte erinnert. Hinter ihnen tritt ein Page aus der Thür,
der einen getriebenen, silbernen Weinkrug und Becher trägt.
Hat seine grosse Schönheit erst empfangen,
Seit es durch Seine Seele durchgegangen.
Antonio: Was für die schlanke Schönheit Reigentanz,
Was Fackelschein für bunten Maskenkranz,
Was für die Seele, die im Schlafe liegt,
Musik, die wogend sie in Rhythmen wiegt,
Und was der Spiegel für die junge Frau
Und für die Blüten Sonne licht und lau:
Ein Auge, ein harmonisch Element,
In dem die Schönheit erst sich selbst erkennt —
Das fand Natur in seines Wesens Strahl.
„Erweck uns, mach aus uns ein Bacchanal!“
Rief alles Lebende, das ihn ersehnte
Und seinem Blick sich stumm entgegendehnte.
Während Antonio spricht, sind die drei Mädchen leise aus der
Thür getreten und zuhörend stehen geblieben. Nur Tizianello,
der zerstreut und teilnahmslos etwas abseits rechts steht, scheint
sie zu bemerken. Lavinia trägt das blonde Haar im Goldnetz
und das reiche Kleid einer venezianischen Patrizierin. Cassandra
und Lisa, etwa 19- und 17jährig, tragen Beide ein einfaches
Gewand aus weissem, anschmiegendem, flutendem Stoff; nackte
Arme mit goldenen Schlangenreifen am Oberarm; Sandalen,
Gürtel aus Goldstoff. Cassandra ist aschblond, Lisa hat eine
gelbe Rosenknospe im schwarzen Haar. Irgend etwas an ihr
erinnert ans Knabenhafte, wie irgend etwas an Gianino ans
Mädchenhafte erinnert. Hinter ihnen tritt ein Page aus der Thür,
der einen getriebenen, silbernen Weinkrug und Becher trägt.
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[19/0027] Hat seine grosse Schönheit erst empfangen, Seit es durch Seine Seele durchgegangen. Antonio: Was für die schlanke Schönheit Reigentanz, Was Fackelschein für bunten Maskenkranz, Was für die Seele, die im Schlafe liegt, Musik, die wogend sie in Rhythmen wiegt, Und was der Spiegel für die junge Frau Und für die Blüten Sonne licht und lau: Ein Auge, ein harmonisch Element, In dem die Schönheit erst sich selbst erkennt — Das fand Natur in seines Wesens Strahl. „Erweck uns, mach aus uns ein Bacchanal!“ Rief alles Lebende, das ihn ersehnte Und seinem Blick sich stumm entgegendehnte. Während Antonio spricht, sind die drei Mädchen leise aus der Thür getreten und zuhörend stehen geblieben. Nur Tizianello, der zerstreut und teilnahmslos etwas abseits rechts steht, scheint sie zu bemerken. Lavinia trägt das blonde Haar im Goldnetz und das reiche Kleid einer venezianischen Patrizierin. Cassandra und Lisa, etwa 19- und 17jährig, tragen Beide ein einfaches Gewand aus weissem, anschmiegendem, flutendem Stoff; nackte Arme mit goldenen Schlangenreifen am Oberarm; Sandalen, Gürtel aus Goldstoff. Cassandra ist aschblond, Lisa hat eine gelbe Rosenknospe im schwarzen Haar. Irgend etwas an ihr erinnert ans Knabenhafte, wie irgend etwas an Gianino ans Mädchenhafte erinnert. Hinter ihnen tritt ein Page aus der Thür, der einen getriebenen, silbernen Weinkrug und Becher trägt.

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Zitationshilfe: Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hofmannsthal_tizian_1901/27>, abgerufen am 11.04.2021.