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Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902.

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Antonio: Dass uns die fernen Bäume lieblich sind,
Die träumerischen, dort im Abendwind ...
Paris: Und dass wir Schönheit sehen in der Flucht
Der weissen Segel in der blauen Bucht ...
Tizianello, zu den Mädchen, die er mit einem leichten Nicken
begrüsst hat. -- Alle Andern drehen sich um:

Und dass wir eures Haares Duft und Schein
Und eurer Formen mattes Elfenbein
Und goldne Gürtel, die euch weich umwinden,
So wie Musik und wie ein Glück empfinden --
Das macht: Er lehrte uns die Dinge sehen ...

Bitter:
Und das wird man da drunten nie verstehen!
Desiderio, zu den Mädchen:
Ist er allein? Soll Niemand zu ihm gehen?
Lavinia: Bleibt Alle hier. Er will jetzt Niemand sehen.
Tizianello: O, käm ihm jetzt der Tod, mit sanftem Neigen,
In dieser schönen Trunkenheit, im Schweigen!
Alle schweigen.
Gianino ist erwacht und hat sich während der letzten Worte
aufgerichtet. Er ist nun sehr blass. Er blickt angstvoll von
einem zum andern.
Alle schweigen.
Gianino thut einen Schritt auf Tizianello zu. Dann hält er inne,
zusammenschaudernd; plötzlich wirft er sich vor Lavinia hin,
die vorne allein steht und drückt den Kopf an ihr Knie.
Antonio: Dass uns die fernen Bäume lieblich sind,
Die träumerischen, dort im Abendwind …
Paris: Und dass wir Schönheit sehen in der Flucht
Der weissen Segel in der blauen Bucht …
Tizianello, zu den Mädchen, die er mit einem leichten Nicken
begrüsst hat. — Alle Andern drehen sich um:

Und dass wir eures Haares Duft und Schein
Und eurer Formen mattes Elfenbein
Und goldne Gürtel, die euch weich umwinden,
So wie Musik und wie ein Glück empfinden —
Das macht: Er lehrte uns die Dinge sehen …

Bitter:
Und das wird man da drunten nie verstehen!
Desiderio, zu den Mädchen:
Ist er allein? Soll Niemand zu ihm gehen?
Lavinia: Bleibt Alle hier. Er will jetzt Niemand sehen.
Tizianello: O, käm ihm jetzt der Tod, mit sanftem Neigen,
In dieser schönen Trunkenheit, im Schweigen!
Alle schweigen.
Gianino ist erwacht und hat sich während der letzten Worte
aufgerichtet. Er ist nun sehr blass. Er blickt angstvoll von
einem zum andern.
Alle schweigen.
Gianino thut einen Schritt auf Tizianello zu. Dann hält er inne,
zusammenschaudernd; plötzlich wirft er sich vor Lavinia hin,
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[20/0028] Antonio: Dass uns die fernen Bäume lieblich sind, Die träumerischen, dort im Abendwind … Paris: Und dass wir Schönheit sehen in der Flucht Der weissen Segel in der blauen Bucht … Tizianello, zu den Mädchen, die er mit einem leichten Nicken begrüsst hat. — Alle Andern drehen sich um: Und dass wir eures Haares Duft und Schein Und eurer Formen mattes Elfenbein Und goldne Gürtel, die euch weich umwinden, So wie Musik und wie ein Glück empfinden — Das macht: Er lehrte uns die Dinge sehen … Bitter: Und das wird man da drunten nie verstehen! Desiderio, zu den Mädchen: Ist er allein? Soll Niemand zu ihm gehen? Lavinia: Bleibt Alle hier. Er will jetzt Niemand sehen. Tizianello: O, käm ihm jetzt der Tod, mit sanftem Neigen, In dieser schönen Trunkenheit, im Schweigen! Alle schweigen. Gianino ist erwacht und hat sich während der letzten Worte aufgerichtet. Er ist nun sehr blass. Er blickt angstvoll von einem zum andern. Alle schweigen. Gianino thut einen Schritt auf Tizianello zu. Dann hält er inne, zusammenschaudernd; plötzlich wirft er sich vor Lavinia hin, die vorne allein steht und drückt den Kopf an ihr Knie.

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Zitationshilfe: Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hofmannsthal_tizian_1901/28>, abgerufen am 11.04.2021.