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Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902.

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Gianino: Nein. Er ist wach und phantasiert
Und hat die Staffelei begehrt.
Antonio: Allein
Man darf sie ihm nicht geben, nicht wahr, nein?
Gianino: Ja, sagt der Arzt. Wir wollen ihn nicht quälen
Und geben, was er will, in seine Hände.
Tizianello, ausbrechend:
Heut oder morgen ist's ja doch zu Ende!
Gianino: Er darf uns länger, sagt er, nicht verhehlen ...
Paris: Nein, sterben, sterben kann der Meister nicht!
Da lügt der Arzt, er weiss nicht, was er spricht.
Desiderio: Der Tizian sterben, der das Leben schafft!
Wer hätte dann zum Leben Recht und Kraft?
Batista: Doch weiss er selbst nicht, wie es um ihn steht?
Tizianello: Im Fieber malt er an dem neuen Bild,
In atemloser Hast, unheimlich wild:
Die Mädchen sind bei ihm und müssen stehn,
Uns aber hiess er aus dem Zimmer gehn.
Antonio: Kann er denn malen, hat er denn die Kraft?
Tizianello: Mit einer rätselhaften Leidenschaft,
Die ich beim Malen nie an ihm gekannt,
Von einem martervollen Zwang gebannt ...
Ein Page kommt aus der Thür rechts, hinter ihm Diener. Alle
erschrecken.
Tizianello:
Gianino:
Paris:
Was ist?

Gianino: Nein. Er ist wach und phantasiert
Und hat die Staffelei begehrt.
Antonio: Allein
Man darf sie ihm nicht geben, nicht wahr, nein?
Gianino: Ja, sagt der Arzt. Wir wollen ihn nicht quälen
Und geben, was er will, in seine Hände.
Tizianello, ausbrechend:
Heut oder morgen ist’s ja doch zu Ende!
Gianino: Er darf uns länger, sagt er, nicht verhehlen …
Paris: Nein, sterben, sterben kann der Meister nicht!
Da lügt der Arzt, er weiss nicht, was er spricht.
Desiderio: Der Tizian sterben, der das Leben schafft!
Wer hätte dann zum Leben Recht und Kraft?
Batista: Doch weiss er selbst nicht, wie es um ihn steht?
Tizianello: Im Fieber malt er an dem neuen Bild,
In atemloser Hast, unheimlich wild:
Die Mädchen sind bei ihm und müssen stehn,
Uns aber hiess er aus dem Zimmer gehn.
Antonio: Kann er denn malen, hat er denn die Kraft?
Tizianello: Mit einer rätselhaften Leidenschaft,
Die ich beim Malen nie an ihm gekannt,
Von einem martervollen Zwang gebannt …
Ein Page kommt aus der Thür rechts, hinter ihm Diener. Alle
erschrecken.
Tizianello:
Gianino:
Paris:
Was ist?

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[10/0018] Gianino: Nein. Er ist wach und phantasiert Und hat die Staffelei begehrt. Antonio: Allein Man darf sie ihm nicht geben, nicht wahr, nein? Gianino: Ja, sagt der Arzt. Wir wollen ihn nicht quälen Und geben, was er will, in seine Hände. Tizianello, ausbrechend: Heut oder morgen ist’s ja doch zu Ende! Gianino: Er darf uns länger, sagt er, nicht verhehlen … Paris: Nein, sterben, sterben kann der Meister nicht! Da lügt der Arzt, er weiss nicht, was er spricht. Desiderio: Der Tizian sterben, der das Leben schafft! Wer hätte dann zum Leben Recht und Kraft? Batista: Doch weiss er selbst nicht, wie es um ihn steht? Tizianello: Im Fieber malt er an dem neuen Bild, In atemloser Hast, unheimlich wild: Die Mädchen sind bei ihm und müssen stehn, Uns aber hiess er aus dem Zimmer gehn. Antonio: Kann er denn malen, hat er denn die Kraft? Tizianello: Mit einer rätselhaften Leidenschaft, Die ich beim Malen nie an ihm gekannt, Von einem martervollen Zwang gebannt … Ein Page kommt aus der Thür rechts, hinter ihm Diener. Alle erschrecken. Tizianello: Gianino: Paris: Was ist?

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Zitationshilfe: Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hofmannsthal_tizian_1901/18>, abgerufen am 11.04.2021.